Winnenden

Paul Hug, zum Ehrenbürger von Winnenden ernannt, ruft zu einem würdigen Umgang auf

Ehrenbürger Paul Hug
Übergabe der handgeschriebenen Ehrenbürger-Urkunde: Gudrun und Paul Hug, Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth. © Benjamin Büttner

Paul Hug ist seit Dienstagabend Ehrenbürger der Stadt Winnenden. Vor geladenen 50 Gästen im Rathaus hat ihm Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth die Urkunde überreicht, weil er sich in außergewöhnlicher Weise um die Stadt verdient gemacht habe. Wie verantwortungsvoll, wie würdevoll der frühere Bürgermeister Paul Hug Politik denkt, das wurde den Gästen eindrucksvoll klar in einer ernsten, besorgten und wegweisenden Rede zur Lage Winnendens und der ganzen Nation. „Es ist Zeit, den Menschen reinen Wein einzuschenken und sie auf die Zukunft vorzubereiten“, erklärte er zu den Katatrophen dieser Zeit, der Corona-Pandemie und der Hochwasserflut. Hier Auszüge aus Paul Hugs großer Rede:

„Werde mich einbringen, wo immer ich gebraucht werde“

(...) „Die Ehrenbürgerschaft nehme ich mit tief empfundenem Dank und tief empfundener Freude an. (...) „Mein Glück ist das Glück meiner Familie. Mit allen, mit meiner Familie und mit allen, die mich auf einer mehr oder weniger langen Wegstrecke meines Lebens begleitet haben, will ich die Ehrenbürgerwürde teilen. In großem Respekt vor dieser Auszeichnung will ich der bleiben, der ich bin, und ich werde mich natürlich, solange es meine Kräfte erlauben, weiterhin, mit all meinen Erfahrungen und meinen Möglichkeiten für unsere Bürgergemeinschaft einsetzen und einbringen wo immer ich gebraucht werde.

Katastrophen zeigen, dass der Mensch nicht das Maß aller Dinge ist

Unsere Tage sind von zwei Katastrophen geprägt. Ein kleines Virus hat uns seit Anfang des vergangenen Jahres fest im Griff. In den letzten Tagen sind Teile unseres Landes und Europas von Starkregen und Hochwasser apokalyptischen Ausmaßes heimgesucht worden. Beide Katastrophen zeigen uns wieder einmal, dass der Mensch nicht das Maß aller Dinge ist, dass er bei allem Bemühen nicht alles im Griff hat. Auch die Letzten, die es bisher nicht wahrhaben wollten, spüren, dass wir verwundbar sind. Der Chefredakteur des Katholischen Sonntagsblatts, Reiner Schlotthauer, diagnostiziert in der letzten Ausgabe „die Verwundbarkeit als Kennzeichen der anbrechenden Zeit“. In diesen Tagen gedenken wir der Toten und der Verletzten der Pandemie und der Naturkatastrophen. Niemand anders als diese sind Zeugen dafür, dass unserem Handeln Grenzen gesetzt sind.

Wir spüren unsere Ohnmacht, die Zuversicht in eine gute Zukunft darf uns aber trotzdem nicht abhandenkommen. Tatsache ist, dass uns das Coronavirus nie mehr verlassen wird, zuversichtlich bin ich aber, dass wir über kurz oder lang die Pandemie beherrschen werden. Die materiellen Schäden der Naturkatastrophen werden behoben werden, es wird aber dauern. Die Heilung der seelischen Verwundungen, der Schmerz über den Tod von nahen und geliebten Angehörigen wird eine lange Zeit in Anspruch nehmen. Den Glauben an eine lebenswerte Zukunft kann uns aber niemand nehmen. Das sind wir uns selbst schuldig und noch mehr den nachkommenden Generationen.

Eine Herkulesaufgabe, das Volk auf eine neue Normalität einzustimmen

Beide Katastrophen müssen deshalb für uns Anlass sein, darüber nachzudenken, wie wir unsere Zukunft gestalten wollen. Für mich ist es zu kurz gedacht, wenn man sich wünscht, möglichst schnell wieder zur alten Normalität zurückzukehren. Wenn man ehrlich ist, wird man schnell erkennen, dass es diese alte Normalität in gewissen Teilen nicht mehr geben wird. Es wird eine Herkulesaufgabe sein, unser Volk auf eine wie auch immer geartete neue Normalität einzustimmen und die Menschen auf diesem Weg ohne größere Verwerfungen mitzunehmen. (...)

Eines ist für mich unabweisbar und unabwendbar, dass wir nämlich auf ein noch stärkeres solidarisches Verhalten der Menschheit setzen müssen, weltweit, aber in erster Linie in unserem Land und in unseren Kommunen. Das, was wir an solidarischem Handeln in den Katastrophengebieten und auch in der Pandemiezeit sehen, macht mich zwar hoffnungsvoll, doch es wird nicht genügen, um den riesigen Herausforderungen der Zukunft gerecht zu werden. Denken wir nur, aber nicht nur an die Anforderungen des Klimaschutzes, von denen wir uns nur ahnungsweise vorstellen können, was das von jedem Einzelnen abfordern wird. Jetzt ist nicht die Zeit, den Kopf in den Sand zu stecken, sondern den Menschen reinen Wein einzuschenken, um sie ausreichend vorzubereiten und mutige Entscheidungen zu treffen. Und das ist nur eine der Herausforderungen der Zukunft. Gemeinsam sollten wir uns zuversichtlich und offen für Neues auf den Weg machen.

„Sich impfen zu lassen ist Teil der Solidarität in unserer Gesellschaft“

Eine weitere Herausforderung ist die Bewältigung der Pandemie, unter anderem durch einen ausreichenden Impfschutz. (...) Sich impfen zu lassen ist auch Teil der Solidarität in unserer Gesellschaft, was nicht weniger heißt, als wechselseitig füreinander einzustehen und das in einer existenziellen Gesundheitskrise. Teil dieser Solidarität ist Rücksichtnahme. Ich schütze mich selbst und ich schütze damit den Anderen. (...)

Wenn Polizisten und Rettungsdienste vermehrt zu Zielobjekten werden

Das sind nur ein paar Beispiele. Bei all unserem Tun sollten wir die Würde des Anderen achten. Ein würdiger Umgang miteinander ist die Grundlage jeglichen Zusammenlebens. Das heißt nicht, dass wir nicht um den richtigen Weg streiten sollen. Das gehört zu einer Demokratie. Die Frage ist nur, wie wir das tun. Da beobachten wir aber Entwicklungen, die uns nicht gefallen können. Hass, Hetze und Lügen, Rassismus und Antisemitismus nehmen in den persönlichen Auseinandersetzungen und im Netz zu. Was mich am meisten umtreibt, ist, dass Personen des öffentlichen Lebens, Menschen, die sich uneigennützig und verantwortungsvoll um das Gemeinwohl kümmern, Polizisten oder Sanitäts- und Rettungsdienste vermehrt zu Zielobjekten werden. Das ist einer offenen Gesellschaft nicht würdig. Wir halten viel auf unsere Freiheit, vergessen aber nicht selten, dass unsere eigene Freiheit dort endet, wo wir die Würde des Anderen verletzen. Achten wir doch darauf, dass wir den anderen nicht zerbrechen, in Worten und in Taten, und dass wir bei Anerkennung aller rechtmäßigen Verschiedenheiten gegenseitige Hochachtung, Ehrfurcht und Eintracht pflegen. Oder, um es vereinfacht zu sagen: Gehen wir mit „Anstand“ miteinander um. (...)

Auf keinen Fall die Freude am Leben vergessen

Bei all dem Negativen, das ich beispielhaft angesprochen habe, will ich aber auf gar keinen Fall, dass wir die Freude am Leben vergessen. Ich halte es da mit dem großen Kirchenlehrer Augustinus, der einmal gesagt haben soll, dass sich die Seele nährt von dem, woran sie sich freut. Die Freude gehört zu unserem Leben. Unsere Seele braucht Nahrung.

In meiner Heimat war bis zum Ende der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts der Bergbau zu Hause. (...) Der Ruf der Bergleute, „Glück auf“, ist mir deshalb bis heute noch wohlvertraut.

Dieses „Glück auf“ möchte ich Ihnen am Ende meiner Dankesrede zurufen. Glück auf Ihnen allen für ein weiterhin gelingendes gutes und frohes Leben, bei dem auch die Lebensfreude nicht zu kurz kommt, Glück auf unserem Land, dem Rems-Murr-Kreis und Glück auf unserer schönen Stadt Winnenden. Sie mögen blühen, wachsen und gedeihen. Unter Gottes reichem Segen und Geleit.

Ad multos annos.“

Paul Hug ist seit Dienstagabend Ehrenbürger der Stadt Winnenden. Vor geladenen 50 Gästen im Rathaus hat ihm Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth die Urkunde überreicht, weil er sich in außergewöhnlicher Weise um die Stadt verdient gemacht habe. Wie verantwortungsvoll, wie würdevoll der frühere Bürgermeister Paul Hug Politik denkt, das wurde den Gästen eindrucksvoll klar in einer ernsten, besorgten und wegweisenden Rede zur Lage Winnendens und der ganzen Nation. „Es ist Zeit, den Menschen

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