Winnenden

Paulinenpflege Winnenden: 14 Corona-Fälle in vier Wohngruppen

Paulinenpflege
Die Paulinenstraße hat einige zentrale Wohngruppen in der Stadt, wie hier im Friedrich-Jakob-Heim-Haus an der Ringstraße. © Schneider

Corona geht an niemandem spurlos vorbei, auch nicht an der großen diakonischen Einrichtung Paulinenpflege, an ihren 1558 Mitarbeitenden, ihren Klienten, Beschäftigten, Schülern und Auszubildenden in Wohngruppen, Werkstätten, Schulen. In einem Videointerview sprachen wir mit dem Geschäftsführer Andreas Maurer und dem Pressesprecher Marco Kelch über die besonderen Herausforderungen – und nur ein, zwei Tage später begann eine kleine Infektionswelle.

Wie stark sind Bewohner und Mitarbeiter von Corona betroffen?

Im Interview konnte Andreas Maurer zunächst beruhigt sagen: „Mit unseren Bewohnern haben wir die Schutzmaßnahmen eingeübt, das klappt, toi, toi, toi, bisher hatten wir Glück.“ Allerdings hatte es bereits „eine Reihe von Corona-Fällen bei Mitarbeitenden“ gegeben. „Sie zog Quarantäne für die Bewohner einer Wohngruppe oder einer Etage nach sich, was für alle Beteiligten sehr anstrengend ist.“

Laut Maurer ging vor vier Wochen eine ganze Gruppe leitender Personen eines Arbeitsbereichs nach einer (mit Abstand) gehaltenen Teambesprechung in eine Gaststätte. „Später stellte sich heraus, dass ein Teilnehmer symptomfrei positiv war, daher musste die ganze Gruppe in Quarantäne“, so Marco Kelch. „Immerhin hat er niemanden angesteckt.“ Maurer ergänzt, dass die gesamte Paulinenpflege daraus gelernt habe: nichts mehr riskieren, Onlinebesprechungen abhalten und, wo möglich, Maske tragen“, so Maurer.

Nun aber hat sich das Virus unter vier Klienten verbreitet, die in vier verschiedenen Gruppen wohnen, aber in einem Bus gemeinsam zur Arbeit nach Backnang gebracht werden. „Wer sich das Virus wo eingefangen hat, weiß man nicht. Weiterverbreitet wurde es unserer Vermutung nach aber im Bus. Und einer aus dem Bus hat es in seine Wohngruppe gebracht, zehn seiner 13 Mitbewohner sind ebenfalls infiziert“, sagt Marco Kelch. „Alle Infizierten haben keinen schweren Krankheitsverlauf“, zeigt sich Kelch froh. Wie stark die insgesamt drei Backnanger Arbeits- und Betreuungsgruppen und weiteren drei Wohngruppen betroffen sind, wird sich in den nächsten Tagen zeigen, auch die Ergebnisse von PCR-Tests stehen noch aus. „Alle Wohngruppen sind isoliert und in Quarantäne, die Arbeitsgruppen aber nur im Quarantänebetrieb. Weil wir als Behinderteneinrichtung eine Notbetreuungspflicht haben, können wir nicht einfach zumachen.“

Wie kam es, dass die Paulinenpflege Schnelltests hatte?

Die Paulinenpflege musste sich bisher hauptsächlich mit Verdachtsfällen beschäftigen. Ein Klient kehrt aus einem Risikogebiet zurück, der Klassenkamerad des Kindes einer Mitarbeiterin hat sich angesteckt, was tun? Führungskräfte müssen die Lage bewerten, sich mit dem Gesundheitsamt und den örtlichen Behörden abstimmen, die Konsequenzen ziehen und die Dienstpläne gegebenenfalls neu einteilen. „Wir haben die Schnelltests einfach angeschafft und nicht abgewartet, ob sie das Land finanziert. Das werden wir verkraften“, so Andreas Maurer über eine wichtige Maßnahme gegen die Unsicherheit. „Schnelltests sind auch sinnvoll, wenn Bewohner bei ihren Angehörigen zu Hause waren. Sie können sie künftig unbeschwert besuchen und danach rasch wieder am Leben der Wohngruppe teilnehmen.“

Wie schützt man sich im Altenheim und im Internat der Paulinenpflege?

Für ihr internes Altenheim an der Ringstraße hat die Paulinenpflege schon seit einigen Jahren in den Wintermonaten mit den Mitarbeitenden eine „Korridorquarantäne“ vereinbart, erläutert Marco Kelch. Weil dort regelmäßig das Norovirus sein Unwesen treibt, halten sie sich in der heißen Phase nur bei der Arbeit oder zu Hause auf. Die Wege der Speisen und der Wäsche sind streng von denen der anderen Wohnetagen getrennt.

Für die 300 Internatsplätze der Berufsschüler hat die Paulinenpflege in einem „Kraftakt“ (Andreas Maurer) fast alles auf Einzelzimmer umgestellt. „Weil Gott sei Dank viele Winnender an uns vermietet haben, sind nur noch wenige im Schulinternat.“

In Wohngruppen leben zwei bis 16 Personen zusammen, in ambulant betreuten Wohnungen eine bis drei Personen.

Wie ist eigentlich die Stimmung in der Belegschaft?

„Corona macht uns dünnhäutiger. Wo schon vorher Konflikte waren, brechen sie nun schneller durch. Stärken, aber auch Schwachstellen kommen deutlicher zum Tragen“, sagt Andreas Maurer. Die Zusatzbelastung seit Monaten spüren alle. „Ich versuche, dies unseren Mitarbeitenden bewusst zu machen, und rate: Geht gnädiger miteinander um.“

Wie geht’s in den Schulen?

Im Berufsbildungswerk (BBW) an der Linsenhalde und in der Schule beim Jakobsweg und an der Langen Gasse geht der Unterricht weiter. Falls die Schulen doch wieder geschlossen werden, und das befürchtet Andreas Maurer durchaus, kann er auf eine fitte IT-Abteilung zählen, die schon bei der ersten Welle die Betreuung der Schüler online ermöglicht hat.

Masken werden hier aus Rücksicht auf die gehörlosen oder hörbehinderten Schüler im Klassenzimmer nicht getragen, allenfalls auf den Gängen und wo man sich gezwungenermaßen zu nahe kommt, zum Beispiel in der Warteschlange vor der Kantine. Dort wird in vier Schichten zu je 60 Personen gegessen. Nach 20 Minuten muss man fertig sein, dann wird alles gereinigt, bis die nächste Schicht hineindarf.

Was macht die Gaststätte „Lamm“ der Paulinenpflege in Leutenbach?

„Sie schreibt bis jetzt keine schwarzen Zahlen, wie auch?“, sagt Andreas Maurer. Größere Feiern, für die das gesamte Lokal am Löwenplatz gebucht werden kann, dürfen nicht stattfinden.“ Von dieser Woche an bietet das Team aber einen Mittagstisch zum Abholen an, von Montag bis Freitag hat man die Wahl zwischen vier wechselnden Gerichten und einem Beilagensalat. Und freitagabends kann man zusätzlich ein Menü bestellen, das man abholt und zu Hause isst. Vorbestellt werden soll am Tag der Abholung bis 11 Uhr unter 0 71 95/97 72 30 oder per E-Mail an lamm@paulinenpflege.de. ,die Wochenkarte findet man auf www.lamm.paulinenpflege.de

Was könnte in den großen Werkstätten besser laufen?

„Ich bin froh, dass die Politik so lange wie möglich versucht hat, Normalität aufrechtzuerhalten, und dass die Einschränkungen auch jetzt noch begrenzt sind“, sagt Andreas Maurer. Für die Beschäftigten in den Werkstätten Backnang, Murrhardt, Winnenden ist es sehr schlimm, wenn sie nicht mehr zur Arbeit kommen können. „Die Menschen sind nicht zufällig bei uns, für sie sind soziale Kontakte wichtig und die zusätzliche Betreuung, die wir leisten.“ Er hofft indes, dass sich die Auftragslage insgesamt wieder bessert. Seit zwei Jahren etwa sei sie nicht mehr so wie gewünscht, „weil sich die Firmen immer wieder Partner suchten, die ein paar Cent billiger produzieren“. Ob gute Auftragslage oder nicht, ob Lockdown oder Teil-Lockdown – an den Gehältern der Werkstatt-Beschäftigten hat die Paulinenpflege nichts verändert. „Wir haben die Löhne nicht gekürzt, obwohl es konsequent und für uns wirtschaftlich gut gewesen wäre. Der Staat hätte ja den Lohnausfall der Beschäftigten aufgefangen. Aber es wäre ihnen sehr schwer zu vermitteln gewesen.“

Corona geht an niemandem spurlos vorbei, auch nicht an der großen diakonischen Einrichtung Paulinenpflege, an ihren 1558 Mitarbeitenden, ihren Klienten, Beschäftigten, Schülern und Auszubildenden in Wohngruppen, Werkstätten, Schulen. In einem Videointerview sprachen wir mit dem Geschäftsführer Andreas Maurer und dem Pressesprecher Marco Kelch über die besonderen Herausforderungen – und nur ein, zwei Tage später begann eine kleine Infektionswelle.

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