Winnenden

Paulinenpflege Winnenden lässt Vergangenheit erforschen

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„Schläge sind durch nichts zu rechtfertigen“_0
Die Sonderschule und das Kinderheim der Paulinenpflege, das Foto entstand in den 60er Jahren. Die Gebäude befanden sich an der Ecke Paulinenstraße/Ringstraße. © Paulinenpflege Winnenden
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Joachim Hoffmann (Jugendhilfe), Marco Kelch und Hauptgeschäftsführer Andreas Maurer von der Paulinenpflege (von links).

Winnenden. „Das muss jetzt endlich mal an die Öffentlichkeit. Das war eine ganz schlimme Zeit damals.“ Ein heute 60-jähriger Stuttgarter sagt, Heimkinder in der Obhut der Paulinenpflege Winnenden seien noch in den 70er Jahren verprügelt, missbraucht und sogar vergewaltigt worden. Die Paulinenpflege nimmt die Vorwürfe sehr ernst und will sie von einer unabhängigen Person wissenschaftlich aufarbeiten lassen.

Nachdem der Mann bei Öffentlichkeitsarbeiter Marco Kelch vorstellig geworden war, hat der Vorstand umgehend Nachforschungen bei damals auf dem Kinderheim-Gelände lebenden Mitarbeitern und in den Akten angestellt. Für sexuelle Vergehen an Jugendlichen in dessen Aufenthaltszeit von 1971 bis 1974 fand sich so rasch zwar kein weiterer Zeuge. Doch deutet viel darauf hin, dass zumindest ein Mitarbeiter Kinder mit schweren Prügeln gemaßregelt hat.

Hauptgeschäftsführer Andreas Maurer hat in dessen Akte die Anzeige einer Kollegin beim Jugendamt „wegen restriktiver Pädagogik und wegen heftiger Schläge“ gefunden. Das sei Ende der 60er Jahre gewesen, aber es seien daraus keine Kündigung und keine Gerichtsverhandlung erfolgt.

Von rund 400 Klienten haben sich 15 an die Beschwerdestelle gewandt

Die Vorwürfe des Stuttgarters haben Marco Kelch auch einmal beim Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) nachfragen lassen, also bei der Aufsichtsbehörde der Jugend- und Heimerziehungseinrichtungen. Dort war von 2012 bis 2014 eine Anlaufstelle für ehemalige Heimkinder eingerichtet.

Kelch erfuhr, dass sich 15 ehemalige Klienten der Paulinenpflege Winnenden gemeldet hatten. Mehr Information erhält er nicht. Aber er weiß nun, dass von ungefähr 400 Klienten, die in der Zeit von 1950 bis 1970 im Heim betreut worden sind, mindestens 15 von Gewalt oder Missbrauch betroffen waren. Die Dunkelziffer wird, wie so oft, weit höher liegen.

Andreas Maurer: „Es geht nicht ums Reinwaschen“

Der Mann aus Stuttgart, der den Stein der Aufarbeitung nun endlich ins Rollen bringen konnte, war nicht unter denen, die sich beim KVJS gemeldet haben. Wie er unserer Redaktion sagte, wusste er nichts von dem Angebot. Aber er habe schon als junger Mann, als er in Winnenden wohnte, frühere Lehrer, den leitenden Pfarrer und einen früheren Heimleiter auf die Vergehen angesprochen.

Die einen habe es „nicht interessiert“, bei Letzterem habe er „Gelächter geerntet“. Das 60-jährige ehemalige „Heimkind“ hat noch zu vielen von damals Kontakt. „Doch sie wollen darüber nicht reden, sie wollen die Vergangenheit ruhen lassen“, sagt er. Er aber lässt nicht locker.

Dank dieses Mannes „hat die Paulinenpflege nun ein Ende eines Fadens. Uns ist wichtig, dass dieses nun jemand aufgreift, erforscht und aufarbeitet, der nicht mit uns verbandelt ist“, sagt Andreas Maurer, seit einem Jahr Hauptgeschäftsführer. „Es geht uns nicht ums Reinwaschen der Paulinenpflege, sondern dass dieses heikle, schmerzhafte Thema ernst genommen wird, weil die Betroffenen einschneidende Konsequenzen zu tragen hatten“, betont er. Fakten sollen auf den Tisch kommen, ein Bericht soll öffentlich gemacht werden, auch wenn, oder gerade weil die Einrichtung in fünf Jahren 200-jähriges Bestehen feiert.

"Ich habe vermutet, dass etwas vorgekommen ist"

In einer ersten, internen Stellungnahme zur Information der Mitarbeiter entschuldigt sich Maurer: „Alles Unrecht, was den damaligen Klienten entstanden ist, macht uns Heutige traurig und tut uns sehr leid.“ Und er macht das weitere Vorgehen öffentlich. Im Gespräch mit unserer Zeitung erläutert er: „Die Paulinenpflege war gesellschaftlich und pädagogisch in der Zeit bis in die 70er Jahre hinein sicher keine Ausnahmeeinrichtung. Ich habe vermutet, dass etwas vorgekommen ist.“

Das sagen ihm sein gesunder Menschenverstand und sein Wissen um die Vergangenheit: Auf seinem Tisch liegt ein 2017 erschienenes Buch, das die Heimerziehung in der württembergischen Diakonie bis in die 1970er Jahre beschreibt. Darin geht es um Jugendhilfe-Einrichtungen mit ähnlicher Geschichte und Prägung wie die Paulinenpflege.

Demnächst führt Andreas Maurer ein Gespräch mit einer Historikerin, die sich um dieses Thema kümmern, die mit Betroffenen sprechen und Akten studieren könnte.


Ins Kinderheim, später ins Kinderdorf und jeweils in die Obhut von Paulinenpflege-Mitarbeitern kamen in der Nachkriegszeit Kinder, die Waisen oder Halbwaisen waren - oder die als schwer erziehbar galten, mit deren Verhalten die Familie nicht klarkam. Häufig hat auch der Staat entschieden, dass zum Beispiel einer alleinerziehenden Frau die Betreuung vieler Kinder nicht zumutbar sei, und hat eins oder mehrere ins Heim gesteckt. Heutzutage heißt dieser Arbeitszweig der Paulinenpflege

Jugendhilfeverbund mit angeschlossener Schule für Erziehungshilfe“. Nicht zu verwechseln mit dem zweiten Standbein der Paulinenpflege, der Berufsausbildung hör- und sprachbehinderter Jugendlicher. Das Dritte sind die Werkstätten und Wohnangebote für Menschen mit Handicaps. Außerdem hat man sich auf die Betreuung von Autisten und die Integration von Flüchtlingen spezialisiert.

Hoffmann: „Viele Fälle erlebt“

Nachdem nun erstmals die Vorwürfe von Gewalt und Missbrauch jugendlicher Schutzbefohlener in den 50er bis 70er Jahren von den Verantwortlichen gehört worden sind, nimmt auch Joachim Hoffmann am Pressegespräch teil. Er ist seit 40 Jahren, also seit 1978, in der Jugendhilfe der Paulinenpflege tätig, ist inzwischen deren Bereichsgeschäftsführer. „Ich habe sehr viele Fälle von sexueller Belästigung und Gewalt erlebt, zwischen Mitarbeitern und Jugendlichen und den Jugendlichen untereinander“, bekennt er. „Allerdings auch Fälle von falschen Anschuldigungen.“

Damit beides nicht mehr vorkommt oder möglichst schnell abgestellt wird, hat die Paulinenpflege 2006 einen „Leitfaden zum Umgang mit sexueller Gewalt“ erarbeitet und 2014 erneuert. „Die diakonischen Träger haben eine Selbstverpflichtung unterschrieben zu Kinderschutz und Kinderrechten“, erläutert Joachim Hoffmann.

Liste mit neutralen Personen

Demnach betreibt die Jugendhilfe eine Risikoanalyse und beugt Missbrauch vor, indem Kinder Broschüren bekommen, in denen ihre Rechte klar aufgeführt sind. Außerdem wird niemand neu eingestellt, der eine Gewaltvorgeschichte hat. Regelmäßig bei der Aufnahme eines neuen Kindes und bei den Gruppenbesprechungen erfahren die Kinder anhand einer Verhaltens-Ampel, was ein Betreuer darf und was nicht. „Wir ermutigen die Kinder auch, sich bei Problemen an eine Person ihres Vertrauens zu wenden, und geben ihnen für Notfälle eine Liste mit neutralen Personen, die sich teils außerhalb der Einrichtung befinden“, sagt Hoffmann.

Wenn Mitarbeiter einen Verdacht haben oder ihnen einer mitgeteilt wird, können sie auf eine Handlungsanleitung zurückgreifen. So wird niemand vorschnell verurteilt, dem Verdacht wird aber umfassend nachgegangen. Erhärtet er sich, kommt die Polizei ins Spiel, wird Anzeige erstattet. „Unsere Mitarbeiter kommen immer wieder in Grenzsituationen oder werden selbst beschämt. Wir werden Schläge und sexuelle Gewalt immer wieder erleben. Sie sind durch nichts zu rechtfertigen. Wir müssen sie aber erkennen und abstellen.“ Früher, so Hoffmann, habe das Kollegium eher weggeguckt, was zu einer „eigenartigen Verdeckungsdynamik“ geführt habe.


Lucha: "Fassungslos"

  • Das Landesarchiv hat in den vergangenen sechs Jahren 1800 ehemaligen Heimkindern geholfen, mehr über ihr Schicksal zu erfahren, und eine Studie dazu verfasst. Dabei traten Missstände und Gewalttaten an den Schutzbefohlenen zutage. Am Mittwoch zeigte sich Sozialminister Manne Lucha (Grüne) darüber fassungslos.
  • Im Namen der Gesellschaft entschuldigte er sich bei den ungezählten Opfern. Eine Wanderausstellung des Landesarchivs stellt die „Heimerziehung 1949 bis 1975“ dar.
  • Betroffene in kirchlichen Einrichtungen können sich bei den unabhängigen Stellen melden. www.praevention-kirche.de und www.elk-wue.de/helfen/sexualisierte-gewalt
  • Buchtipp: Inga Bing-von Häfen, Albrecht Daiss, Dagmar Kötting: „Meine Seele hat nie jemanden interessiert“. ISBN 978-3-945369-43-2.
  • Seit der Deutsche Bundestag 2008 den Impuls gegeben hat, die Vergehen während der Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren aufzuarbeiten, war die Paulinenpflege nicht gänzlich untätig. Sie hat im April 2010 auf ihrer Internetseite Betroffene gebeten, sich zu melden, eine Sondernummer mit dauernder Erreichbarkeit eingerichtet. Einzelne Mitarbeiterinnen und frühere Klienten fragt Pressesprecher Marco Kelch bei zufälligen Begegnungen immer wieder, ob ihnen etwas bekannt sei. „Da kam nichts.“
  • Von 2012 bis 2014 hat der Kommunalverband Jugend und Soziales (KVJS) eine Anlaufstelle für ehemalige Heimkinder eingerichtet, sechs Fachberaterinnen haben die Fälle aufgearbeitet. 1800 haben sich gemeldet. Die Studie erscheint noch dieses Jahr. Etliche Betroffene erhielten einen Geldbetrag aus dem Bundesfonds. Die Schuld der Einrichtungen und ihrer Mitarbeiter wurde damit anerkannt, symbolisch entschuldigten sich Staat und Kirchen für das Leid, das den Betroffenen zugefügt worden ist.