Winnenden

Personalnot beim Rettungsdienst

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Im Klinikum Winnenden oder im Schorndorfer Krankenhaus müssen Patienten oft stundenlang warten, bis sie von einem Rettungswagen abgeholt werden. © Habermann/ZVW
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Die Fahrt mit einem voll ausgestatteten Krankenwagen samt qualifiziertem Personal ist billiger als die mit einem Taxi.

Winnenden/Waiblingen. Eine Fahrt vom Winnender Klinikum kostet nach Kernen mit dem Taxi rund 30 Euro. Für die gleiche Fahrt im Krankenwagen mit zwei ausgebildeten Rettungssanitätern an Bord kann das Rote Kreuz mit der Krankenkasse lediglich 68,50 Euro abrechnen. Die Misere beim Krankentransport hat nicht zuletzt finanzielle Gründe. Patienten warten oft stundenlang, bis sie endlich aus dem Krankenhaus abgeholt und nach Hause gefahren werden.

So verlockend für viele im Krankenhaus wartende Patienten ein Taxi wäre: Es geht nicht. Denn sie sind allzu oft auf die professionelle Hilfe der Rettungssanitäter angewiesen, die sie nach Hause oder zurück ins Pflegeheim bringen. Je mehr Patienten in den Notaufnahmen der Kliniken in Schorndorf und Winnenden behandelt werden, desto häufiger werden auch Krankentransporte geordert. Doch die Wartezeiten sind länger denn je.

Im Frühjahr hat die AOK angekündigt, das Angebot an Wochenenden und vor allem in den Abend- und Nachtstunden zu verbessern. Statt dass die Lage besser wurde, hat sich die Situation zeitweise sogar verschlimmert. Denn das Rote Kreuz, der größte Anbieter von Krankentransporten zwischen Rems und Murr, hat aus Personalmangel Fahrzeuge vorübergehend stillgelegt, um die Löcher bei der Notfallrettung zu stopfen.

Wartebereich der Notaufnahmen: "Lounge des Roten Kreuzes"

Leidtragende sind Patienten in Krankenhäusern oder in Arztpraxen, wie zum Beispiel Dialysezentren, die nach ihrer Behandlung stundenlang auf einen Krankenwagen warten. Den Ärzten in den Notaufnahmen tun ihre Patienten und ihre Angehörigen leid, wenn sie nach der Behandlung im Wartebereich herumsitzen.

Der Wartebereich der Notaufnahmen in den Kliniken gleiche einer „Lounge des Roten Kreuzes“, meinte ein Arzt über die seiner Meinung nach untragbaren Zustände im Krankentransport. Manch einer der nicht abgeholten Patienten verbrachte die Nacht schon in einem Bett der Notaufnahme, weil eine Fahrt zurück nach Hause oder ins Pflegeheim nicht mehr zumutbar erschien, wenn die Uhr bereits auf Mitternacht zuging.

Was sind die Gründe für die Misere?

Sven Knödler, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbandes, streitet die Probleme im Krankentransport beim Roten Kreuz gar nicht ab. Ausschlaggebend dafür sei das fehlende Personal, weil jahrelang keine neuen Rettungssanitäter mehr ausgebildet worden seien (siehe untenstehend: „Engpass“). Für Leistungsanbieter in der Notfallrettung blieb als einzige temporäre Maßnahme zum Auffüllen der erforderlichen Personalkapazität übrig, Personal aus dem Bereich des Krankentransportes in die Notfallrettung zu übernehmen und damit entsprechende Personallücken zu schließen, sagt Knödler zur Misere.

Der DRK-Kreisverband Rems-Murr habe mit der Einstellung von jährlich zwölf Auszubildenden zum Notfallsanitäter reagiert. Das entspreche einem Anteil von etwa einem Viertel des Personals in der Notfallrettung. Darüber hinaus qualifiziere der DRK-Kreisverband aktuell jedes Jahr 25 Rettungsassistenten zum Notfallsanitäter weiter.

Wie sehen Sie die aktuelle Lage?

„Aufgrund der dargestellten Situation musste der DRK-Kreisverband, wie auch andere Leistungsanbieter, Vorhaltekapazitäten im Krankentransport temporär stilllegen“, sagt Knödler. Bei kurzfristigen Personalausfällen, wie zum Beispiel bei Krankheit, seien Fahrzeuge nicht in Dienst genommen worden. „Nachdem im Rems-Murr-Kreis aktuell das DRK einziger Leistungsanbieter in der Notfallrettung und zudem größter Leistungserbringer im Krankentransport ist, hat diese Situation das DRK am stärksten getroffen“, so Knödler.

„Wichtig ist, dass wir durch diese Maßnahmen die Vorhaltungen in der Notfallrettung aufrechterhalten konnten und es in diesem Bereich zu keinen Einschränkungen gekommen ist“, betont der DRK-Geschäftsführer. Wichtig sei auch, dass dieses kein Problem des DRK-Kreisverbandes, sondern ein bundesweites Problem aller Leistungserbringer sei. Knödler geht davon aus, dass aktuell ab Januar 2018 alle Fahrzeugvorhaltungen im Krankentransport vom DRK wieder besetzt werden können.

Ist die Misere auch eine Frage des Geldes?

Festzuhalten ist jedoch auch, dass bei den aktuellen Tarifen im Krankentransport mit 68,50 Euro bis 99 Kilometer ein Finanzierungsspielraum selbst für die Qualifikation zum Rettungssanitäter für die Leistungserbringer kaum gegeben ist, sagt Knödler. „Auf dieser Grundlage ist es nicht möglich, die erforderlichen Qualifikationen zu finanzieren und Personalkapazitäten zu schaffen.“

Ein Grundproblem ist, dass das DRK seine Kapazitäten im Krankentransport so kalkuliert, dass die Fahrzeuge zu 100 Prozent ausgelastet sind. Daraus ergeben sich zwangsläufig die langen Wartezeiten, weil überhaupt keine Reserven vorhanden sind. Das Rote Kreuz in Stuttgart hat aus finanziellen Gründen den Krankentransport nachts und an Sonn- und Feiertagen aufgegeben.

Was hält das DRK Rems-Murr von einem „Krankentransport light“ nach dem Modell Ludwigsburg?

Die AOK hat zusammen mit dem Arbeiter-Samariter-Bund ein Modell des „Krankentransports light“ entwickelt und setzt es in Ludwigsburg bereits um. Ziel ist es, den Krankentransport mit sehr gut ausgerüsteten Rettungswagen zu entlasten. Die neue Fahrzeugklasse, „KTW light“ genannt, soll beispielsweise bei Klinikentlassungen oder Arztbesuchen Transporte mit übernehmen und den Patienten die notwendige medizinische Sicherheit und die Trageunterstützung gewährleisten.

Der KTW light bietet allerdings weniger medizinische Ausstattung als Kranken- und Rettungswagen. Für die AOK Ludwigsburg-Rems-Murr zeigen die Daten in Ludwigsburg, dass die qualifizierte Krankenfahrt effektiv ist. „Die AOK strebt die Umsetzung auch im Rems-Murr-Kreis an, bislang gibt es das Modell aber noch nicht.“ Die AOK zahlt für den „KTW light“ 49 Euro bis 51 Kilometer.

Für das DRK Rems-Murr ist der „KTW light“ keine Alternative, verweist Sven Knödler auf die eh zu geringe Bezahlung der Krankentransporte mit 68,50 Euro bis 99 Kilometer. Ein wirtschaftlicher Betrieb sei schon unter den heutigen Umständen kaum möglich, wenn dem Personal der Mindestlohn von neun Euro in der Stunde bezahlt werde. „Inwiefern eine zusätzliche Vorhaltung unter Anbetracht einer nochmaligen Kostenreduzierung bei einem Krankentransport light möglich sein soll, kann von uns nicht nachvollzogen werden.“

Statt über einen Krankentransport light nachzudenken, sollte aus Sicht des DRK mehr gezahlt werden, nämlich 150 Euro je Krankentransport. In anderen Bundesländern würden immerhin 100 Euro bezahlt, Baden-Württemberg sei mit 68,50 Euro Schlusslicht.

Was unternimmt die AOK beziehungsweise unternehmen die Krankenkassen, um die Situation für die Patienten zu verbessern?

In den letzten Monaten gab es Verbesserungen im Bereich des Krankentransports wie den 24-Stunden-Dienst am Wochenende und den zusätzlichen Krankentransportwagen bis in die späten Abendstunden, teilt die AOK auf Anfrage mit. Allerdings übersteige aktuell die Nachfrage das Angebot. Hier verweist die AOK wie schon das DRK auf den Mangel an Fachkräften.

„Als Ergebnis der letzten Bereichsausschusssitzung sollen alle Anbieter von Krankentransporten zu einem Runden Tisch eingeladen werden, um die aktuelle Situation und den Bedarf zu besprechen.“ Gemeinsam soll der Runde Tisch Lösungen finden, was die AOK begrüße. Zudem sei die AOK in direkten Gesprächen mit den Anbietern, um die Situation zu verbessern, und setzt sich für einen gezielten Einsatz der einzelnen Fahrzeuge wie Behindertentransport- , Krankentransport- oder Rettungstransportwagen ein.


Im Rettungsdienst stellte bis ins Jahr 2014 die Qualifikation zum Rettungsassistenten die oberste nichtärztliche Qualifikation in der Notfallrettung dar. Die Ausbildung dauerte zwei Jahre, musste selbst finanziert werden und entsprach nicht mehr dem aktuellen Stand. Nach langer politischer Diskussion wurde der Rettungsassistent 2014 durch den Notfallsanitäter ersetzt. Im Gegensatz zur Ausbildung zum Rettungsassistenten dauert die Ausbildung zum Notfallsanitäter drei Jahre, ist dual, wird vom Arbeitgeber finanziert, und die Auszubildenden erhalten wie in anderen Berufen üblich eine Vergütung.

Zeitgleich wurde im Rettungsdienstgesetz Baden-Württemberg aufgenommen, dass ab dem Jahr 2020 die verantwortliche Kraft auf einem Rettungswagen über die Qualifikation zum Notfallsanitäter verfügen muss. Dies hat zur Folge, dass die bereits beschäftigten Rettungsassistenten schnellstmöglich zum Notfallsanitäter weiterqualifiziert werden müssen. Nach Einschätzung des Deutschen Roten Kreuzes war diese Umstellung richtig und auch notwendig.

Drei Jahre ohne neue Arbeitskräfte

Leider seien bei der Gesetzesformulierung auf Bundesebene handwerkliche Fehler unterlaufen, welche nunmehr zu dieser Misere führen, sagt Sven Knödler, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbandes. Ein wesentlicher Fehler war, dass ab dem Jahr 2014 keine Qualifikationsmaßnahmen mehr zum Rettungsassistenten angeboten werden durften. Das hatte zur Folge, dass in den Jahren 2015, 2016 bis Ende 2017 keine neuen Arbeitskräfte mit einer Qualifikation zum Rettungsassistenten oder Notfallsanitäter mehr auf den Arbeitsmarkt gekommen sind.

Erst Ende 2014 wurden die ersten Notfallsanitäter mit einer Ausbildungsdauer von drei Jahren eingestellt. Diese stehen damit erst Ende 2017 dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Erschwerend kam hinzu, dass anfangs die Finanzierung der Ausbildung von den Krankenkassen abgelehnt wurde, so dass die Leistungsanbieter DRK, ASB, JUH und MHD diese Ausbildung primär auf eigenes Risiko erbringen mussten. Bei Ausbildungskosten von rund 100 000 Euro je Auszubildendem wurden daher im ersten Jahr wenige Auszubildende eingestellt.

Absurd: Krankenwagen billiger als Taxi

Die Fahrt mit einem Krankenwagen ist billiger als mit einem Taxi. DRK-Kreisgeschäftsführer Sven Knödler vergleicht eine Fahrt von 51 Kilometern eines Krankentransports mit der eines Taxis. Die Kassen zahlen für den Krankentransport pauschal 68,50 Euro. Das bedeutet eine Fahrt in einem medizinisch ausgestatteten Kleinbus in Begleitung von zwei Personen mit medizinischer Qualifikation. Unter Umständen holen die beiden Sanitäter den Patienten dabei in seiner Wohnung ab und er wird im Rettungswagen liegend transportiert.

Ein Taxi kostet bei einer Fahrt von 51 Kilometern hingegen rund 110 Euro. Geboten wird die Fahrt in einem Mittelklasse-Pkw mit einem Fahrer ohne medizinische Qualifikation. Der Fahrgast wird aber nicht etwa aus der Wohnung abgeholt, sondern am Bordstein vor dem Haus. Zusätzlich können bei Taxifahrten Anfahrtsgebühren und Wartezeiten anfallen. Noch absurder wird der Vergleich Krankenwagen - Taxi, wenn das Modell „KTW light“ der AOK mit dem Arbeitersamariterbund im Kreis Ludwigsburg angeschaut wird. Für eine Fahrt mit zwei Sanitätern an Bord bis 51 Kilometer zahlt die Krankenkasse nur noch 48 Euro. Das Rote Kreuz hält einen Preis für 150 Euro pro Krankentransport für angemessen.
 


Krankentransporte im Rems-Murr-Kreis

Während bei Blaulichtfahrten im Notfall das Rote Kreuz ein Monopol hat und sämtliche Rettungs- und Notarztwagen im Rems-Murr-Kreis stellt, herrscht im Krankentransport seit zehn Jahren Wettbewerb. Mit sechs Rettungsdiensten im Rems-Murr-Kreis gibt es Verträge, die zum Teil bis ins Jahr 2018 laufen. Das DRK stellt rund die Hälfte der 25 Krankenwagen im Kreis. Die DRK-Fahrzeuge sind aber aus Kostengründen nur in den Hauptzeiten werktags von 7 bis 19 Uhr im Einsatz. Private Anbieter decken den Bedarf vor allem nachts und an Sonn- und Feiertagen ab.

Die Einsätze aller Krankenwagen werden zentral von der DRK-Rettungsleitstelle in Waiblingen disponiert (Rufnummer 112).

Zuständig für den Rettungsdienst ist der Bereichsausschuss, der paritätisch durch Kosten- und Leistungsträger besetzt ist. Der Preis für den Krankentransport wird mit jedem Leistungserbringer einzeln vereinbart.