Winnenden

Polizei und Bürger fordern Blitzer gegen Lärm

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Waiblinger Straße: Nachts, wenn die Fahrbahn frei ist, wird gerast. © Habermann / ZVW
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Anwohner Andreas Rittberger plädiert für Bäume an der Straße. © Habermann / ZVW

Winnenden. Eine Lärm-Analyse für große Teile Winnendens bringt es an den Tag: An der Waiblinger Straße gegenüber von Lidl und an der Ringstraße beim Helal-Market sind besonders viele Anwohner einer hohen Lärmbelastung ausgesetzt. In den acht Jahren, seit die B 14 um Winnenden herumführt, hat der Verkehr zwar stark abgenommen. Aber das hat den unerwünschten Nebeneffekt, dass Raser mehr Platz haben. Nachts und am Wochenende wird gerast, teils mit dröhnenden, weil getunten Autos oder Motorrädern. Anwohner wie Kai Epple fordern Blitzer, andere wie Andreas Rittberger haben beinahe schon resigniert.

„Das Problem ist das bolzgerade Stück von der Rewe-Kreuzung bis zur Brückenstraße beim Lidl. Wenn die jungen Fahrer unten die Ampel auf Grün sehen, fahren sie komplett durch“, schildert Andreas Rittberger den Grund für die nächtliche Lärmbelästigung. „Man wartet, bis der Rewe um Mitternacht zumacht, ist noch ein bisschen an der Tankstelle, und dann geht die Raserei bis 2 oder 3 Uhr nachts.“

Hilft ein Blitzer? Oder wäre eine Allee besser?

Auch am Wochenende treten diese Lärmspitzen auf, verursacht nicht von eher dezent rauschenden Limousinen, die 60 fahren, sondern von getunten Motoren, frisierten Auspuffen. Andreas Rittberger lebt seit 1976 an der Waiblinger Straße. Seit 2009 hofft er auf die Neugestaltung der früheren B 14, demnächst lässt er wieder neue, bessere Schallschutzfenster einbauen. „Wir wussten, es geht nicht von heute auf morgen. Aber es sind keine Ansätze zu erkennen, dass etwas versuchsweise gemacht wird.“ Von einem Blitzer hält er nichts: „Davor und danach geben die Leute Gas und er kostet eine Menge Geld. Ein alleemäßiger Umbau mit Querungsmöglichkeiten für Lastwagen und Anwohner sieht besser und gemütlicher aus.“

Umbaupläne sollen in drei Monaten vorliegen, so Holzwarth

Darauf setzen Stadt und Gemeinderat nun verstärkt, es tut sich langsam etwas: Das Verkehrsplaner-Büro Karajan hat seit Mai 2017 den Auftrag, einen Entwurf für eine neue Waiblinger Straße vorzulegen, mit breiteren Gehwegen, Radstreifen und Bäumen. Grob skizzierte das der Umweltreferent der Stadt bei der Vorstellung des Lärmaktionsplans und den dazu abgegebenen Stellungnahmen. Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth sagte in der Gemeinderatssitzung am Dienstagabend, dass der Umbauentwurf in „circa drei Monaten“ beraten werden könne. Erst nach dem tatsächlich erfolgten Rückbau, für den die Stadt Winnenden Zuschuss aus dem Landessanierungsprogramm enthält, soll der Gemeinderat über weitere Maßnahmen wie Temporeduzierung auf 30 oder das Aufstellen eines Blitzers beraten. „Das ist unser Fahrplan für die nächsten Jahre“, so Holzwarth.

Von Tempo 30 hält die Polizei nicht viel

Dass die drei Spuren breite Straße sich optisch ändern muss, das haben alle sich zum Lärmaktionsplan äußernden Bürger und Behörden begrüßt und bekräftigt. Die Polizeidirektion Aalen allerdings spricht sich klipp und klar für eine ständige Geschwindigkeitskontrolle aus, „um kurzfristig eine Verbesserung zu erreichen“. Tempo 30 wollen die Gesetzeshüter hier eher nicht, da Polizei und Rettungskräfte später am Einsatzort ankommen und der Fahrer Probleme bekommt, sollte er doch schneller fahren und einen Unfall verursachen.

Einer rauscht mit 150 km/h durch

Als betroffener Bürger durfte sich Kai Epple im Gemeinderat zum Thema äußern. Er ist Ingenieur, arbeitet zu Hause und misst derzeit selbst Lärm. „Von 8 bis 18 Uhr kommt alle 1,5 Sekunden ein Fahrzeug. Im Schnitt messe ich 64 bis 70 Dezibel, das lauteste waren 100 Dezibel, als einer mit 150 km/h durchrauschte“, berichtete er. „Das macht Menschen krank, mich auch.“

Die Messungen und Kartierungen des Lärms gehen auf die Europäische Union zurück. Die EU fordert seit 2009 ihre Mitgliedsstaaten auf, Lärmschwerpunkte zu erfassen und zu überlegen, wie sie entschärft werden können. Straßen mit 8200 Fahrzeugen oder mehr am Tag sind für die zweite Stufe des Lärmplans dieses Jahr in den Fokus gerückt. Je mehr Menschen vom Lärm betroffen sind, desto eher liegt ein Lärmschwerpunkt vor.

An der Waiblinger Straße und ihrer Fortsetzung, der Ringstraße, sind bis zu 700 Menschen vom Verkehrslärm tangiert. Täglich fahren 10 000 bis 15 000 Fahrzeuge vorbei.


Die Stadt hat bisher immer auf die mobile Geschwindigkeitsmessung und ihren Überraschungseffekt gesetzt: Ein Kastenwagen mit Kamera steht an verschiedenen neuralgischen Stellen, oder die Kamera wird an den Straßenrand gestellt.

An der Waiblinger Straße sei dies aber wirkungslos, hat Andreas Rittberger beobachtet. „Der Wagen kann nirgends parken und das Gerät selbst ist recht gut zu sehen. Sogar die Polizei hat sich schon auf die Lauer gelegt. Kaum war sie weg, ging die Raserei los.“ Einige mit diesem zweifelhaften Hobby sind schon bei Rittberger in der Hecke gelandet. „So alle zwei Jahre einer“, sagt er.

Stetiges Termpo, weniger Lärm

Unsere Zeitung fragt nach bei der Stadt Stuttgart, welche Erfahrungen sie mit den Blitzersäulen an der Cannstatter Straße/Neckartor gemacht hat. Auskunft erteilt Joachim Elser, Leiter der Verkehrsüberwachung. Zufällig ist er mit der Winnender Situation gut vertraut, da er in Schwaikheim aufgewachsen ist und das Georg-Büchner-Gymnasium besucht hat. „Unsere Erfahrung in Stuttgart ist, dass bei nur einem Blitzer danach wieder beschleunigt wird.“ Die Stadt hat an der langen Straße mit der schlechten Luft daher zwei Säulen in einem gewissen Abstand voneinander montiert. Mit großem Erfolg.

„Sie müssen nicht einmal alle scharfgeschaltet sein. Dennoch sorgen sie zum einen für eine Verstetigung des Verkehrsflusses, was zur Reduzierung von Stickstoff, Feinstaub und Lärm führt“, so Elser. Außerdem helfen sie laut dem Dienstellenleiter, Unfälle zu vermeiden. Die sind oft nachts passiert, wenn weniger Verkehr war und gerast wurde. Die integrierte Verkehrsleitzentrale misst außerdem die Fahrzeugmenge und signalisiert die optimale Geschwindigkeit für eine grüne Welle, bei viel Verkehr in den Stoßzeiten werden zum Beispiel Tempo-40-Fahrer belohnt.

Elser hat zum Schluss noch ein paar Zahlen parat: „Als die Säulen 2010 aufgestellt wurden, hatten wir in drei Monaten die exorbitante Verstoßzahl von 81 000 und 111 000 im Jahr 2011. Dieses Jahr haben wir bisher 21 000 Verstöße registriert.“ Ganz deutlich sieht man also, dass die Autofahrer sich an die Blitzer gewöhnen und ans vorgeschriebene Tempo halten.

Motorräder blitzt man von hinten

Für die Stadt Winnenden hat Dr.-Ing. Uwe Frost den Lärmaktionsplan erarbeitet. In seinem Maßnahmenplan ist ebenfalls ein stationärer Blitzer enthalten, er sagt bloß nichts über den Zeitpunkt der Aufstellung aus: „Ein verrückter Motorradfahrer fährt auch nach der Umgestaltung der Straße 120. Den bremsen Sie nur mit einem Blitzer von vorne und von hinten ein.“

Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth sagte in der Gemeinderatssitzung: „Die Stadt kann gegen getunte Fahrzeuge nichts machen. Das ist Sache der Polizei. Wir wünschen uns von der Politik, dass solche Autos herausgezogen werden. Sie tun den Menschen nichts Gutes.“

OB befürwortet Blitzer - Entscheidung liegt beim Gemeinderat

Auf Nachfrage unserer Zeitung äußern sich Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth und Ordnungsamtsleiterin Beatrice Hertel positiv zum Aufstellen von stationären Blitzern. Hertel vermutet allerdings, dass an der Waiblinger Straße drei Anlagen notwendig sein werden, um den Lärm zu mindern. OB Holzwarth weist darauf hin, dass der Gemeinderat zunächst den Umgestaltungsplan im ersten Quartal 2018 berät und entscheidet, ob er das Tempo reduzieren und überwachen lassen will. Stimmt das Gremium Blitzern zu, könnten sie aber erst während des Umbaus „im Lauf des Jahres 2019“, installiert werden.