Winnenden

Privilegien für Geimpfte? Was sechs bekannte Winnender Gesichter dazu meinen

Zweite Impfung
Ein Impfbuch samt Nachweis für das Corona-Vakzin. © ALEXANDRA PALMIZI

Soll es Lockerungen des Lockdowns nur für Corona-Geimpfte geben? Sollen per Impfstoff Geschützte bald wieder die neusten Filme aus Hollywood im Kino sehen, Konzerten lauschen und im Fußballstadion mit ihrer Mannschaft fiebern, während sich diejenigen, die noch nicht geimpft sind, an strenge Regeln halten müssen? In so mancher Familien soll darüber in den vergangenen Tagen am Esstisch heiß diskutiert worden sein. Der Deutsche Ethikrat hat sich am Donnerstag gegen Lockerungen für Geimpfte ausgesprochen. Wir haben bei sechs Winnendern nachgefragt, wie sie die Lage sehen.

Die ausgebildete Theaterlehrerin Gudrun Obleser hat den Impfstoff bereits erhalten. „Wir sind geimpft. Mein Mann ist 81, ich bin 80“, schreibt sie auf Nachfrage. Veranstaltungen in der Alten Kelter fehlen deren Fördervereinsvorsitzenden sehr. „Ich wünsche mir, dass sehr bald zum Beispiel Konzerte oder Theateraufführungen wieder stattfinden können, notfalls unter den notwendigen und möglichen Coronabedingungen. Das ist dringend notwendig, sonst geht uns die Kultur kaputt“, meint Obleser weiter.

Am derzeitigen Lockdown empfinde sie einiges ungerecht. „Warum gibt es Profifußball und keinen Kick auf dem Schulhof? Warum treffen sich die Arbeitenden in den Fabriken und Büros und nicht die Kinder und Jugendlichen in ihren Klassenzimmern?“, fragt die 80-Jährige.

Die Impfung sei in erster Linie ein solidarischer Akt, der einen gewissen Schutz für einen selbst biete. Inwieweit Geimpfte ansteckend bleiben, sei unklar. „Es sind noch längst nicht alle Menschen in den Genuss dieser wunderbaren Erfindung „Impfstoff“ gekommen. Die Hinderungsgründe sind bekannt. Erst wenn alle, wirklich alle - nicht nur die als „alt“ oder „systemrelevant“ Geltenden - die Chance zur Impfung hatten, kann vielleicht eines Tages über differenzierte Maßnahmen diskutiert werden. Jedoch haben wir heute schon genug Spaltung in der Gesellschaft. Wenn wir uns nun auch noch in Geimpfte und Nichtgeimpfte einteilen und soziale Vorteile und Nachteile festlegen, dann rückt die Gemeinschaft noch weiter auseinander. Das wäre fatal und muss vermieden werden“, schreibt die Kulturschaffende weiter. „Wir sollten in Freude ausbrechen über die moderne Möglichkeit, durch eine kleine Spritze die Pandemie beeinflussen zu können.“ Trotzdem sei es nach wie vor wichtig, auf die Hygienemaßnahmen zu achten. „‘Lockerung für Geimpfte‘ ist kein Thema, das unsere persönliche und kollektive Energie verdient hat. Es widerspricht dem Gedanken der Gemeinschaft“, endet Oblesers Einschätzung.

Turmstüble-Wirt will keine Zwei-Klassen-Gesellschaft

Würde Jochen Baumann sein Turmstüble bloß für diejenigen öffnen, die den Impfstoff bereits erhalten haben? „Das ist grenzwertig. Wie will man das kontrollieren? Den Impfpass zeigen? Ich glaube nicht, dass das funktioniert. Wahrscheinlich dürfen wir uns das gar nicht zeigen lassen“, vermutet der Wirt. Bei der Kontaktnachverfolgung dürfe er beispielsweise auch keinen Personalausweis verlangen. „Ich würde bei der derzeitigen Lage eher warten, bis alle geimpft sind“, schreibt Baumann weiter. Wenn er öffne, dann mit Maske und Abstand. „Es ist eine schwierige Frage. Ich will niemanden benachteiligen. Wenn man nur für Geimpfte öffnet, gibt das wieder eine Zwei-Klassen-Gesellschaft“, schätzt der 59-Jährige. Schließlich könne man ja auch nicht beeinflussen, wer wie schnell geimpft werde. „Es gibt ja auch Leute, die wollen sich gar nicht impfen lassen. Was macht man mit denen? Aus allem ausschließen?“, fragt Baumann. „Es bleibt ein brisantes Thema“, ist er sich sicher.

Sorgt eine Bevorzugung von Geimpften für Unmut?

Jemand, dem Veranstaltungen aktuell ganz besonders fehlen, ist das amtierende Winnender Mädle, Giuliana Di Donna . Wo sie doch sonst regelmäßig mit Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth die Stadt Winnenden bei Empfängen oder Festen vertreten würde, herrscht aktuell gähnende Leere. „Mir als Jugendliche und als das amtierende Winnender Mädle fehlen die traditionellen Veranstaltungen, welche Winnenden normalerweise zu bieten hat, schon sehr“, schildert die 19-Jährige. Trotzdem meint sie, dass es für die Frage nach Lockerungen für Geimpfte noch zu früh sei. Noch sei die Pandemie durch die Impfungen nicht abgeschwächt. Auch im Hinblick auf Mutationsvarianten des Virus stehe sie Lockerungen für Geimpfte kritisch gegenüber, denn der Impfstoff könnte für manche dieser Mutationen nicht wirksam sein. Sie könne sich durchaus vorstellen, dass eine Bevorzugung von Geimpften gegenüber Nicht-Geimpften für noch mehr Unmut sorgen könne. „Im Großen und Ganzen ist die Situation, in welcher wir nun schon seit geraumer Zeit leben, keine optimale. Ich finde jedoch, dass man immer in Richtung des Lichts am Ende des Tunnels blicken und daran festhalten sollte, dass einem auch das „normale Leben’’ schon bald wieder zurückgeschenkt wird“, endet Giuliana Di Donnas Antwort.

Derer: „Lockerungen, wenn alle die Chance, geimpft zu werden, hatten“

Einen guten Draht zu Künstlern hat und selbst in der Musikbranche tätig ist der Winnender Hans Derer . „Lockerungen für Geimpfte? Warum nicht. Allerdings erst dann, wenn auch allen im Land die Möglichkeit gegeben wurde, sich impfen zu lassen“, schreibt er auf unsere Nachfrage. Der 63-Jährige vermutet, dass es sonst zu Diskriminierungen kommen würde. „Das wäre fatal“, meint er. Wenn private Unternehmen, wie Fluglinien, Kreuzfahrtreedereien oder Konzertveranstalter, allerdings Passagiere oder Besucher nur gegen die Vorlage eines gültigen Impfpasses an Bord oder in die Hallen lassen würden, dann wäre dies seines Wissens rechtlich schon heute zulässig. „Ob diese das dann konkret machen, steht auf einem anderen Blatt“, so Derer weiter.

Sollten Museen nur für Geimpfte öffnen?

Der Winnender Alfons Koller ist selbst Künstler. Ob er meint, dass es Sinn machen würde, Museen oder Ausstellungen nur für Geimpfte zu öffnen? „Die Diskussion über Lockerungen für Geimpfte ist momentan eher eine virtuelle Diskussion, wenn man bedenkt, wie wenige und auch welche Altersgruppen geimpft sind und in absehbarer Zeit geimpft sein werden“, meint er. Ein gewünschter Schub für die daniederliegende Kultur und weitere akut Betroffene sei so nicht zu erwarten. „Ich vermute einfach, dass Altersheime nicht die Personengruppen stellen, die zum Beispiel in der Kultur für die erforderliche Nachfrage sorgen“, schätzt er. Schade findet er es, dass die aus seiner Sicht berechtigte Kritik an der Sinnhaftigkeit der Corona-Maßnahmen „durch die Absurdität der sogenannten Querdenker“ untergraben worden sei. Die Aufspaltung in systemrelevant und nicht systemrelevant hält er für falsch, „da es unsere Gesellschaft in Gewinner und Verlierer plakativ spaltet und sich plötzlich breite Bevölkerungsteile auf der Verliererseite wiederfinden“. Sobald eine nennenswerte Zahl an Personen geimpft sei, denke er, dass Geimpfte mehr Freiheiten erhalten sollten. „Nicht zuletzt auch deshalb, um Impfgegnern die rationalen Vorteile einer Impfung vor Augen zu führen. Also zum sinnvollen Handeln mit Anreizen ermutigen“, so der Künstler weiter.

Was, wenn andere früher auf Konzerte gehen dürfen?

Wie schätzt die 25-jährige Gemeinderätin Leonie König (Freie Wählervereinigung) die Lage ein? „Eine Öffnung der Corona-Regelungen für geimpfte Mitbürgerinnen und Mitbürger kann es meines Erachtens erst dann geben, wenn sichergestellt ist, dass Geimpfte das Virus nicht weiterverbreiten können und damit das Risiko an einer Ansteckung für alle reduziert wird“, schreibt sie. Außerdem sollte man zum Zeitpunkt einer Lockerung für geimpfte Personen allen Bürgerinnen und Bürgern ein Impfangebot gemacht haben können. Bis dies so weit sei, setze sie weiter auf die Solidarität in der Gesellschaft. Ob sie ein Problem damit hätte, wenn andere, geimpfte Personen vor ihr wieder auf Konzerte und andere Veranstaltungen gehen dürften? „Ich ganz persönlich hätte damit kein Problem. Ich empfinde es jedoch als ein falsches Zeichen, zum aktuellen Zeitpunkt zwischen geimpften und nicht-geimpften Personen zu unterscheiden“, meint die 25-Jährige. Durch eine etwaige Unterscheidung zwischen geimpft und nicht geimpft dürfe man unsere Gesellschaft nicht spalten, sondern müsse darauf setzen, gemeinsam schrittweise wieder zu Lockerungen für alle zu kommen.

Soll es Lockerungen des Lockdowns nur für Corona-Geimpfte geben? Sollen per Impfstoff Geschützte bald wieder die neusten Filme aus Hollywood im Kino sehen, Konzerten lauschen und im Fußballstadion mit ihrer Mannschaft fiebern, während sich diejenigen, die noch nicht geimpft sind, an strenge Regeln halten müssen? In so mancher Familien soll darüber in den vergangenen Tagen am Esstisch heiß diskutiert worden sein. Der Deutsche Ethikrat hat sich am Donnerstag gegen Lockerungen für Geimpfte

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