Winnenden

Prozess Asien-Perle: Familie des Opfers trifft auf Angeklagte

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Einer der Angeklagten wird in Handschellen vorgeführt. © Alexander Becher
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Jens Rabe spricht mit seinen Mandanten der Nebenklage: den Söhnen der Getöteten, Jian Wang (links) und Hong Tang. © Alexander Becher

Backnang/Stuttgart. Es ist kurz vor Verhandlungsbeginn. Der Anwalt der Nebenklage, Jens Rabe, betritt den Gerichtssaal, Jian Wang und Hong Tang (23) folgen ihm. Die Söhne des Opfers sind seine Mandanten. „Wir möchten bitte zu diesem Zeitpunkt nichts sagen“, freundlich und zurückhaltend gibt sich Jian Wang. Gegen ein Foto haben er und sein Bruder nichts einzuwenden, auch der Anwalt stimmt zu.

Nur reden – das möchten die Söhne von Aie Wu, die in der Nacht auf den 4. März 2016 einem brutalen Gewaltverbrechen in ihrem eigenen Restaurant Asien-Perle zum Opfer fiel, nicht. Die Söhne setzen sich. Jens Rabe erklärt ihnen, wo die Angeklagten sitzen werden und wie der Ablauf für diesen ersten Verhandlungstag vonstattengehen wird. Auch Anwältin Jutta Heck aus Hamburg nimmt Platz. Sie vertritt in der Nebenklage den Bruder der Toten, Q. Wu, der an diesem Tag nicht anwesend sein kann.

Geschwister sprechen sich wohl gegenseitig Mut zu

Die Söhne der getöteten 53-jährigen Geschäftsführerin der Asien-Perle wirken gefasst, aber hoch konzentriert ob der Tatsache, dass sie gleich den Männern gegenübertreten werden, die ihre Mutter vermutlich auf dem Gewissen haben. Die Schwestern, 31 und 27 Jahre alt, sind ebenfalls zum Verhandlungsauftakt erschienen. Sie sitzen in der zweiten vorderen Reihe im Zuhörerbereich und möchten keine Stellung nehmen, nicht zu ihrem Gemütszustand, nicht zur Verhandlung: „Kein Kommentar.“ Immer wieder haben Jian Wang und Hong Tang Blickkontakt mit ihren Schwestern, reden chinesisch. Immer mal wieder huscht ein kurzes Lächeln über die Gesichter, so, als würden sie sich gegenseitig Mut zu sprechen.

Angeklagte würdigen die Familie keines Blickes

Als die mutmaßlichen Täter den Saal betreten, fixieren die Angehörigen die Männer genau, lassen sie nicht aus den Augen, während die zwei 42- und 46-jährigen Rumänen die Familie keines Blickes würdigen.

Die Anspannung ist spürbar. Eine der Töchter hat die Hände gefaltet, presst die Finger so sehr aneinander, das sie fast zu beben beginnen. Die Augen hat sie starr auf die Anklagebank gerichtet. Jian Wang kaut nervös auf seinem Kaugummi, Hong Tang lässt seine Augen zwischen Tischplatte und den Männern hin und her schweifen. Mit einer Hand stützt er sein Kinn ab und hört zu, wie der Richter die Personalien vorliest und diese mit den Angeklagten und deren Anwälten abstimmt.

Rumänen wird Mord aus Habgier zur Last gelegt 

Anschließend trägt Oberstaatsanwalt Matthias Schweitzer die Anklageschrift vor und legt den beiden Rumänen einen gemeinschaftlichen, heimtückischen Mord aus Habgier zu Last. Während diese Worte im Saal ausgesprochen werden, sieht man nur zaghafte Regungen in den Gesichtern der Angehörigen. Als Schweitzer ins Detail geht, den Gewaltexzess versucht zu schildern, sämtliche zugefügte Verletzungen erwähnt, die das 53-jährige Opfer ertragen musste, fällt es schwer, die Fassung zu bewahren.

Familie ringt mit den Tränen

Jian Wang will seine Tränen zurückhalten, schafft es aber kaum. Hong Tang schließt für Sekunden kurz die Augen, als habe er seine Mutter vor Augen. Auch die Schwestern ringen mit den Tränen. Wie schwer es ist, all das zu hören, ist jedem einzelnen der Familie anzumerken.

Prozessauftakt nach einer halben Stunde vorbei

Auch Anwalt Jens Rabe schaut seine Mandanten zwischendurch an, um ihnen Halt zu geben. Für die erwachsenen Kinder läuft ein Film ab, wie die Mutter um ihr Leben fürchtete, wie sie von den Männern durch Schläge und Würgen malträtiert wurde. Die Angeklagten machen an diesem Tag noch keine Angaben. Auch die Nebenklage hält sich noch zurück. Nach gut einer halben Stunde ist der Prozessauftakt vorbei.

Zweiter Verhandlungstag wird nicht einfach

Die Angehörigen von Aie Wu verlassen gemeinsam den Gerichtssaal. Jens Rabe weiß, wie es seinen Mandanten zumute ist: „Es ist heute ein unfassbar schwerer Schritt gewesen. Auch wenn sie nach außen hin nicht den Eindruck erwecken, aber sie sind sehr betroffen.“ Das zurückhaltende Verhalten führt Rabe auf den chinesischen Kulturkreis zurück: „Da zeigt man seine Gefühle nicht unbedingt, sondern versucht eher, sein Gesicht zu wahren. Aber mit den Tränen haben sie bei den Worten des Oberstaatsanwalts zu kämpfen gehabt.“ Auch am zweiten Verhandlungstag wird es nicht einfach. Zumindest Jian Wang wird auch heute wieder dabei sein.


„Gewaltexzess“

Gestern hat vor dem Stuttgarter Landgericht der Prozess gegen die beiden Männer begonnen, die im März vergangenen Jahres die Inhaberin des Backnanger Restaurants Asien-Perle ermordet haben sollen. In der Anklage schilderte der Oberstaatsanwalt grausame Details. Die Angeklagten machten vorerst keine Angaben.

Oberstaatsanwalt Matthias Schweitzer legt den beiden Rumänen einen gemeinschaftlichen, heimtückischen Mord aus Habgier zur Last, den sie begangen hätten, um einen Raub zu ermöglichen. Am Abend des 3. März 2016 sollen die beiden Männer das Restaurant Asien-Perle betreten haben, ohne dass dies von der Inhaberin oder ihren Mitarbeitern bemerkt wurde. Die Inhaberin, Aie Wu, 53, hatte offenbar vor, im Restaurant zu übernachten, und machte sich bettfertig, als die beiden Angeklagten kurz nach Mitternacht die Toilette betraten und Aie Wu niedergeschlagen haben sollen. Die beiden Männer schlugen auf die Frau ein und traten sie. Einer der beiden soll sich auf den Brustkorb der 53-Jährigen gesetzt haben, damit der andere sie mit Klebeband knebeln konnte.

Während einer der beiden Männer Aie Wu weiter durch Schläge und Würgen malträtiert haben soll, sei der Komplize in das Privatzimmer der Restaurant-Besitzerin gegangen, habe dieses durchwühlt und eine 8000 Euro teure Uhr sowie Bargeld im Wert von mindestens 20 000 Euro gestohlen. Aie Wu sei schwer verletzt zurückgelassen worden, als die beiden das Restaurant mit ihrer Beute verließen. „Ein wahrer Gewaltexzess“ müsse es gewesen sein, so Schweitzer. Letztlich sei Wu an einem massiven Thoraxtrauma verstorben. Am nächsten Morgen wurde die Tote von der Putzfrau entdeckt. Die Angeklagten geben wohl den Raub zu, nicht aber den Mord. 

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