Winnenden

Prozess um Eskalation in Winnenden: Eine ganze Familie kämpft mit der Polizei

Handschellen
Mehrfach klickten die Handschellen nach einer Polizeikontrolle, die in einem Winnender Hinterhof eskaliert ist. © Pixabay

Mit einem gewaltig aus dem Ruder gelaufenen Polizeieinsatz hatte sich am Mittwoch in dieser Woche Richter Johannes Weigel zu befassen. Verhandlungsort war der Welfensaal im Waiblinger Bürgerzentrum, bei vier Angeklagten, einer Dolmetscherin und sechs Zeugen stößt das Amtsgericht in Coronazeiten schnell an die Grenzen seiner räumlichen Möglichkeiten. Für die vier Angeklagten, eine Winnender Familie, endete die mündliche Verhandlung mit schmerzhaften Haft- bzw. Geldstrafen, gegen ein fünftes noch minderjähriges fünfzehnjähriges Familienmitglied wird in einem separaten Verfahren verhandelt.

Die 29-jährige Beamtin schnüffelt dem Marihuana-Geruch hinterher

15. Dezember 2020: Das Geschehen nimmt seinen Lauf, als zwei Polizeibeamte des Winnender Reviers zwischen Bahnhof und Innenstadt an zwei jungen Männern vorbeifahren und einen intensiven Marihuanageruch wahrnehmen. Der Beamte und die Beamtin kontrollierten die zwei Männer, können an ihnen aber nichts Verdächtiges entdecken. Während der Beamte in der Straße zurückbleibt, schnüffelt die Beamtin weiter dem Marihuanageruch nach und lässt sich von ihrer Spürnase in eine Hofeinfahrt hineinleiten.

In dem Hof befinden sich zwei jüngere Männer, von denen einer die Beamtin auffordert, den Hof wieder zu verlassen: „Verpiss dich, ihr habt hier nichts zu suchen!“, wiederholt die Beamtin fast eineinhalb Jahre später als Zeugin. „Würden Sie bitte das Grundstück verlassen, dies ist Privatbesitz“, will der andere der Männer damals gehört haben.

Zwischen der 29-jährigen Beamtin, schlank und eher zierlich wirkend, und dem Rufer entwickelte sich ein Wortgefecht, das schnell eskaliert. Er habe sich vor ihr aufgebaut, sie als „Missgeburt“ beschimpft und sei so lange immer wieder einen Schritt näher auf sie zugekommen, während sie vor ihm zurückgewichen sei, bis sie mit dem Rücken an der Wand gestanden habe, berichtet sie heute. Da sie sich bedroht gefühlt habe, habe sie über Funk Verstärkung gerufen. Der Mann hingegen rief seinen Vater, der mit der Familie gerade bei Kaffee und Kuchen im Haus saß.

Mehrere Fahrzeuge der Bereitschaftspolizei fahren vor

Kaum eine Minute ist vergangen, da treffen am Ort des Geschehens mehrere Fahrzeuge mit Angehörigen der Bereitschaftspolizei Göppingen ein, die in Winnenden gerade auf der Suche nach Corona-Sündern unterwegs sind und den Hilferuf gehört haben. Sie werden von der Kollegin in Empfang genommen und eingewiesen. Sie selbst habe sich von nun an aufs Beobachten und Protokollieren beschränkt, nachdem sie informiert habe, dass der Mann im Hof sie beleidigt habe und seine Personalien festgestellt werden müssten, berichtet die Beamtin. Zwischen den Beamten und dem Mann entwickelt sich derweil ein Wortgefecht, es entsteht ein Gerangel, Fäuste fliegen, insgesamt drei Polizisten sind notwendig, um den athletischen und durchtrainierten 32-Jährigen zu Boden zu ringen und ihm Handfesseln anzulegen.

Die Polizisten werden von dem Mann als Rassisten und mehr beleidigt

Die Polizisten erinnern sich: Der Mann habe sich heftig gewehrt und nicht aufgehört, sie zu beschimpfen, unter anderem als „Hurensöhne“ und „Rassisten“, deren Mütter er ... nun ja. Nur mit Mühe sei es gelungen, ihm Handfesseln anzulegen, berichten mehrere der Beamten als Zeugen im Amtsgericht.

Der Vater des Mannes, der mittlerweile in den Hof gekommen ist, beschimpft und beleidigt nach Aussagen der Beamten diese ebenfalls heftig, unter anderem als „scheiß faschistische Bullen“, die sich „verpissen“ sollten. Um zu verhindern, dass auch er handgreiflich wird, werden ihm ebenfalls Handfesseln angelegt, dann wird er aus dem Hof heraus auf die Straße geführt.

Eskalation: Auch Mutter, Schwester und Bruder greifen ein

Der Lärm und das wüste Geschrei haben mittlerweile aber auch die Mutter, die Schwester und den jüngeren Bruder des Mannes aus dem Hof alarmiert. Mutter und Schwester stürzen sich nach Aussagen der Polizisten auf diese, schreien über sie herunter, beleidigen und beschimpften sie, versuchen sie von dem nach wie vor auf dem Boden Liegenden wegzuzerren, schlagen auf sie ein.

Der fünfzehnjährige Bruder habe einem Beamten einen derart kräftigen Faustschlag ins Gesicht versetzt, dass er eine Woche lang krankgeschrieben war, berichten die Zeugen. Nach dem Faustschlag ergreift der Teenager die Flucht, die Mutter bekommt einen Stoß ins Gesicht. Sie sei in dem wilden Gerangel und Geschubse eine Treppe hinabgestürzt und der Länge nach auf den Boden aufgeschlagen, heißt es vor Gericht.

Schließlich gelingt es den Beamten, die Familie aus dem Blickfeld der Nachbarn, die an den Fenstern hängen, und der sich zusammenballenden Passanten heraus in das Haus abzudrängen und doch noch die Personalien aufzunehmen. Um nicht noch weiter zu eskalieren, sei man unter den Beschimpfungen und Beleidigungen der Familie abgerückt. Für die gestürzte Mutter habe man noch einen Rettungswagen gerufen, berichten die Beamten im Zeugenstand.

Am vernünftigsten von den Familienmitgliedern habe sich noch der Vater verhalten, konstatiert am Ende der Richter, der trotz der bisweilen bei den Angeklagten auch im Gerichtssaal hochkochenden Emotionen souverän durch die Verhandlung führt. Aus diesem Grunde sei gegen ihn eine Strafe von 40 Tagessätzen wegen Beleidigung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte schuld- und tatangemessen.

Der Sohn hat bereits 14 Einträge im Vorstrafenregister

Mutter, Tochter und der Sohn, dessen Vorstrafenregister bereits vierzehn Voreinträge aufweist, werden zu Freiheitsstrafen von neun, sieben und sechs Monaten verurteilt. Die Strafen werden jeweils zur Bewährung ausgesetzt, beim Sohn gegen Zahlung einer Geldbuße von 1000 Euro, bei Mutter und Tochter gegen das Ableisten von 80 Stunden gemeinnütziger Arbeit. Zusätzlich haben sie jeden Wohnungswechsel dem Gericht unaufgefordert anzuzeigen und die Kosten des Verfahrens zu übernehmen.

Mit einem gewaltig aus dem Ruder gelaufenen Polizeieinsatz hatte sich am Mittwoch in dieser Woche Richter Johannes Weigel zu befassen. Verhandlungsort war der Welfensaal im Waiblinger Bürgerzentrum, bei vier Angeklagten, einer Dolmetscherin und sechs Zeugen stößt das Amtsgericht in Coronazeiten schnell an die Grenzen seiner räumlichen Möglichkeiten. Für die vier Angeklagten, eine Winnender Familie, endete die mündliche Verhandlung mit schmerzhaften Haft- bzw. Geldstrafen, gegen ein fünftes

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