Winnenden

Psychiatrie-Patientin stürzt sich von Balkon - ein Behandlungsfehler?

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Waiblingen/Winnenden. Eine Patientin der Psychiatrie wirft sich von einem Balkon aus dem ersten Stock, verletzt sich die Beine. Die Staatsanwaltschaft fragt das Amtsgericht: Haben die Ärzte Fehler gemacht? Der angeklagte Oberarzt und auch sein Chef beteuern: Nein. Am Ende einigen sich die Beteiligten auf die Einstellung des Verfahrens gegen eine Zahlung von 15 000 Euro.

Das Klinikum Schloss Winnenden wird 10 000 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung bezahlen und 5000 Euro an die Staatskasse. Dem Vorschlag, unterbreitet vom Rechtsanwalt des 61-jährigen Oberarztes, stimmten Richterin und Staatsanwalt zu.

Trotz Suizidversuchs auf einer offenen Station

Dem Psychiater wurde vorgeworfen, die Patientin nicht engmaschig überwacht, ihr keine geeignete Medizin verabreicht und sie nicht richtig psychiatrisch analysiert zu haben. Trotz eines Suizidversuchs zu Hause sei die Patientin in einer offenen Station untergebracht worden.

Der Angeklagte erläuterte, dass er nicht direkt für Therapie oder körperliche Untersuchung der Patientin zuständig war, sie nur bei Aufnahme und Entlassung sieht. Er ist aber verantwortlich für die Fachärztin und den Psychotherapeuten einer Station, die sich jeweils um 13 Patienten kümmern. „Ich leite zwei Stationen und bin, so weit möglich, auf einer davon täglich bei der Morgen-Übergabe dabei.“

Nach Arbeitsunfall Depression

Die Frau, Jahrgang 1961, war indes keine Unbekannte in Winnenden. 2009 wurde sie durch einen Arbeitsunfall schwer an den Beinen verletzt, brauchte mehrere Operationen am Fuß – und entwickelte eine schwere Depression. Sie unternahm drei Selbstmordversuche, begab sich dazwischen aber auch immer wieder freiwillig in die Obhut der Psychiatrie, wegen Unruhe, Angst, Schlafproblemen. Die Ärzte diagnostizierten mal eine psychotische Störung, mal eine zwischen Depression und Manie schwankende Psychose, versorgten sie teils in einer geschlossenen Station, als sich ihr Zustand besserte, aber auch in der offenen Station. „Von Gesetzes wegen müssen wir immer zwischen akuter Selbstgefährdung und Freiheit der Patienten abwägen“, sagte der Oberarzt.

Das Wochenende zuvor zu Hause verbacht

Auf der offenen Station befand sich die Waiblingerin im Januar 2014 seit 13 Tagen. Das Wochenende hatte sie jedoch erstmals seit ihrem Selbstmordversuch mit mindestens 20 Schlaftabletten und etwa 20 Blutdrucksenkertabletten wieder zu Hause übernachtet. Das tat ihr offenbar nicht gut. „Sie wollte am Montag bei uns Schlaf nachholen, das kommt bei depressiven Patienten oft vor, sie haben das Gefühl, sie tun kein Auge zu, auch wenn wir sie nachts schlafend sehen. Wir tolerieren das Schlafnachholen am Anfang einer Therapie“, sagte der Oberarzt. Man wähnte die Frau im Bett in ihrem Zimmer im ersten Stock.

Erst behauptete sie, sie sei gestürzt

Doch auf einmal fiel die Frau der Stationsärztin auf, wie sie auf den Stufen, die ins Erdgeschoss führen, saß. Die Ärztin sagte als Zeugin aus, dass die Patientin über Schmerzen im Fuß klagte und erst behauptete, ihr sei auf dem von einem Flur aus zugänglichen Balkon schwindlig geworden, dann aber sagte, sie sei gesprungen.

Der Rettungswagen brachte die Frau in eine Stuttgarter Klinik, die Ärzte dort erhielten von der Stationsärztin Hinweise auf die Vorgeschichte der Patientin. Der Ehemann, später die Waiblingerin selbst, erstatteten Anzeige. Die Staatsanwaltschaft legte das Ganze einem Gutachter vor. Dr. Burk nutzte die Gerichtsverhandlung, um den Oberarzt und seinen als Zeuge auftretenden Vorgesetzten detailliert zu befragen. Ob denn nicht in der Fortbildung der Fachärzte und Therapeuten Lücken seien, warum Patienten nicht systematischer auf ihre Selbstgefährlichkeit hin abgeklopft würden?

„Oberarzt hat sich korrekt verhalten“

Der Chefarzt erklärte, dass „nicht jeder mit einer wahnhaften Depression sich selbst umbringt“ – und dass anders herum eine geschlossene Station mit Eins-zu-eins-Begleitung Patienten auch nicht zu 100 Prozent vom Suizid abhalten kann. „Die Patientin meldete uns, wenn es ihr besser oder schlechter ging, wir nennen das bündnisfähig. Der Oberarzt hat sich korrekt verhalten. Er hätte ihr Verhalten an dem Morgen auch bei einer Begutachtung nicht vorhersagen können.“ Seit 2012 hat die offene Station den fraglichen Balkon – „es gab seither nur diesen einen Sturz“, so der Zeuge.

Nicht mehr „perfekt“

Richterin Melanie Bayer-Debak erkundigte sich beim Ehemann, wie es der Patientin inzwischen gehe. Der 59-Jährige wirkte sehr verzweifelt, nervlich angespannt. Sie liege im Bett, stehe nur zum Rauchen auf, sei höchstens eine Stunde am Tag auf den Beinen.

Inzwischen habe seine 56-jährige Frau eine Therapeutin außerhalb des Klinikums gefunden und keinen Suizid mehr versucht, berichtete er als Zeuge vor dem Amtsgericht. Jegliche Medikamente zu Hause seien unter Verschluss, werden von einem Sozialdienst besorgt und verabreicht. Warum sie sich umbringen wollte, weiß ihr Mann nicht. „Meine Erklärung ist, dass sie früher, vor dem Arbeitsunfall, die perfekte Ehefrau, Mutter, Mitarbeiterin war und es nun nicht mehr sein kann. Sie selbst redet nicht darüber.“