Winnenden

Pulse-of-Europe-Aktivistin: „Wir müssen für Europa einstehen“

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Freute sich, dass so viele Europäer gekommen sind: Beatrice Messmer inmitten der Pro-Europa-Demonstranten auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Am Sonntag, 14 Uhr, ist’s wieder so weit. © Büttner / ZVW

Schwaikheim. Pegida tut es, Atomkraftfeinde tun es und CETA-Gegner auch. Mal ist es die Islamisierung des Abendlandes, mal der Freihandel. Sie alle demonstrieren gegen etwas. Und das ist doch auch der Sinn einer Demonstration. Oder? Beatrice Messmer aus Schwaikheim ist da anderer Meinung. Sie ist Mitinitiatorin der noch jungen Pulse-of-Europe-Bewegung in Stuttgart.

Im Video: Ein Gruß an alle "Pulse of Europe" Städte.

55 Städte in sieben europäischen Ländern haben sich den sonntäglichen Kundgebungen mittlerweile angeschlossen, auch Stuttgart. Was motiviert die 27-jährige Schwaikheimerin, für Europa auf die Straße zu gehen? Messmer hat der Redaktion einen Besuch abgestattet.

Frau Messmer, bei der ersten Pulse-of-Europe-Kundgebung in Stuttgart konnte jeder Teilnehmer auf eine Postkarte mit der Flagge Europas schreiben, was er oder sie an der Europäischen Union schätzt. Was stand auf Ihrer Karte?

Frieden und Wohlstand. Denn das sind neben vielen weiteren die zwei großen Errungenschaften der EU. Aber auch die vielen privaten Begegnungen, der kulturelle Austausch und die kulinarische Vielfalt machen für mich Europa einzigartig.

Wie ein Lauffeuer hat sich die Bewegung verbreitet. Nur vier Wochen nach der ersten Kundgebung in Frankfurt sind es allein in Deutschland über 40 Städte. Wieso ging das so schnell?

Zum einen haben wir mittlerweile eine große Medienpräsenz, was uns sehr nützt. Ich denke aber auch, dass die Leute darauf gewartet haben. Nach der Wahl Trumps zum Präsidenten, dem Brexit und überhaupt den politisch rechten Tendenzen, haben viele nun endlich gemerkt: Wir müssen für Europa einstehen! Denn vorher haben viele ja bloß Witze gemacht und nicht für möglich gehalten, dass das alles tatsächlich so eintritt.

Woran liegt oder lag es denn, dass die Leute erst so spät lautstark für Europa auf die Straße gehen? Der Jugend wirft man bisweilen ja sogar vor, politikverdrossen zu sein.

Ich denke – so paradox das in Bezug zu meiner ersten Antwort klingt, dass der Wohlstand eine Mitschuld trägt. Wir sind verwöhnt und sehr bequem geworden. Vor allem Deutschland hat ein Niveau erreicht, in dem sich die Wenigsten um ihre Existenz sorgen müssen. Was aber nicht heißt, dass es trotzdem sozial politische Herausforderungen gibt, an denen wir in Deutschland und Europa arbeiten und besser werden müssen.


Wie haben Sie denn von Pulse-of-Europe erfahren?

Ich habe zufällig einen Beitrag im Fernsehen über die erste Kundgebung in Frankfurt gesehen. Das hat mich direkt überzeugt. Ich habe dann über die Facebookseite von Pulse-of-Europe erfahren, dass es auch schon eine Handvoll Leute gibt, die eine solche Kundgebung in Stuttgart organisieren wollen. Dem Organisationsteam habe ich mich dann angeschlossen. Am 26. Februar fand dann auch die erste Kundgebung in Stuttgart statt.

Wo kommt denn als Schwaikheimerin Ihr „europäischer Puls“ her?

Schwaikheim und der Rems-Murr-Kreis sind europäischer, als man denkt. In der Region gibt es viele international tätige Unternehmen. Ich selbst bin in einem weltoffenen und toleranten Elternhaus aufgewachsen und habe das Glück, schon viel von der Welt gesehen zu haben und mit vielen Menschen gesprochen zu haben, die uns um Europa und unsere Demokratie beneiden. Ein prägendes Ereignis für meine weltoffene Haltung war das United-Nations-Planspiel in New York. Als Studentin durfte ich an der Simulation einer UNO-Konferenz beim Hauptsitz in New York teilnehmen und habe Studenten aus aller Welt kennengelernt. Bei all diesen vielen Begegnungen habe ich gelernt, unser Wertesystem und unsere Demokratie, die für uns so selbstverständlich ist, mehr zu schätzen. In dieser Freiheit aufgewachsen zu sein, ist nur Zufall und hat deshalb in meinem Leben einen hohen Stellenwert erhalten.

Im Video: Eine Menschenkette für Europa in Frankfurt/Main.

Inwiefern hat das UNO-Planspiel Sie geprägt?

So idealistisch das klingen mag: Ich habe gelernt, dass viele Leute auch viel erreichen können und man an seine Ziele glauben muss. Gleichzeitig haben so viele Menschen aus aller Welt eben auch ganz unterschiedliche Ansichten. Oft waren die Diskussionen auch zäh und langwierig. Aber es gehört zu einer Demokratie, dass Entscheidungen Zeit benötigen und manchmal unangenehm sind. Das ist es auch, was wir in Europa nicht vergessen dürfen.

Ist auf den Pulse-of-Europe-Kundgebungen denn auch Platz für Kritik?

Natürlich! Jedem Redner steht es frei, seine Meinung und seine Erfahrungen über Europa zu erzählen. Wir möchten ja den Dialog und die Weiterentwicklung der EU voranbringen, dabei allerdings parteiübergreifend bleiben. Und nicht zuletzt wollen wir uns von den Protestbürgern ja darin unterscheiden, endlich mal für und nicht gegen etwas zu sein.

Was würden sie sich denn von der europäischen Politik wünschen?

Die europäische Politik sollte bürgernäher und präsenter werden, denn viele Leute wissen nicht, was in Brüssel passiert. Auch sollten die Errungenschaften und die Funktionsweise der EU mehr Thema in den Schulen und in den Medien sein. Ebenso kann man die Austauschprogramme noch weiter ausbauen. Bisweilen sind es vor allem die Studenten, die von der EU gefördert werden. Was ist mit den Azubis? Auch junge Leute, die eine Lehre oder Ausbildung machen, sollten mehr europäischen Austausch erleben dürfen. Solche Förderungen gibt es zwar, aber da ist noch Luft nach oben.

Bisher sind die Demonstranten aber eher älterer Generation. Wie wollen Sie die gerade angesprochenen jungen Leute auf die Straße bringen?

Uns muss klarwerden, dass es nicht nur um das Erbe unserer Eltern und Großeltern, sondern vor allem um unsere Zukunft geht! Wir alle sind verantwortlich für die Zukunft Europas, nicht nur die Politiker in Brüssel. Allein sich über Missstände beschweren, reicht nicht. Jeder sollte auch seinen Teil beitragen, es besser zu machen.

Pulse-of-Europe (der Puls Europas)

  • Pulse-of-Europe ist eine zivilgesellschaftliche und parteiunabhängige Bürgerinitiative. Die erste proeuropäische Kundgebung fand bereits im November auf Initiative der Rechtsanwälte Sabine und Daniel Röder in Frankfurt statt. Mit der Zeit kamen bis dato 55 Städte in sieben europäischen Ländern hinzu, darunter die Niederlande, Frankreich und Großbritannien. Ziel ist es, „einen Beitrag dazu zu leisten, dass es auch nach den Wahlen in den EU-Ländern noch ein vereintes, demokratisches Europa gibt“, wie auf der offiziellen Webseite geschrieben wird. Jeden Sonntag um 14 Uhr finden die Kundgebungen auf zentralen Plätzen der Städte statt. Jeder Besucher hat die Möglichkeit, vor den Demonstranten zu reden.

    Quelle: www.pulseofeurope.eu

  • Kritik gibt es auch: Der Publizist Albrecht Müller kritisiert auf nachdenkseiten.de an den proeuropäischen Kundgebungen und deren zehn Thesen, dass sie die „wahre Lage vieler Europäer beschönigt“. Es werde nicht gezeigt, dass „die Spaltung in der Gesellschaft und zwischen den [europäischen] Volkswirtschaften gewachsen ist“. Er schreibt, dass „die Organisation der Selbstbefriedigung einer liberalen europäischen Mittelschicht“ diene. Es werde zwar gesagt, das Europa Reformen braucht. Dies werde aber zu allgemein formuliert. Er plädiert, dass all jene, die die europäische Einigung ernst nehmen, diese Defizite offen ansprechen müssten.

    Quelle: www.nachdenkseiten.de

Zur Person

  • Beatrice Messmer ist 27 Jahre alt und in Schwaikheim aufgewachsen. Sie besuchte zunächst das Lessing-Gymnasium in Winnenden und das Schiller-Gymnasium in Fellbach. Nach dem Abitur studierte sie Wirtschaftswissenschaften in Hohenheim. Heute arbeitet sie als Unternehmensberaterin vorwiegend in Frankfurt, ist aber regelmäßig in Stuttgart – nicht zuletzt wegen der Pulse-of-Europe-Kundgebungen.