Winnenden

Rückkehr des syrischen Radiohändlers

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Narges Wasiti und Mohammed Al Bakri haben zwei Firmen aufgebaut und untergehen sehen und sind alten Winnendern als Fernseh-Bakri bekannt. © Gabriel Habermann

Winnenden. Zwei Winnender existieren, die den Fernsehboom der 70er Jahre mitbeflügelt haben, die in den 80er und 90er Jahren den Elektronik-Boom in Syrien mitbefeuerten und noch in den 2000er Jahren moderne Haus-Elektronik in Damaskus produzierten – bis der syrische Bürgerkrieg ihnen alles zerstörte. Narges und Mohammed Al Bakri kehrten 2011 zurück in ihre zweite Heimat Winnenden.

Vor 60 Jahren waren sie nach Deutschland gekommen. Erst er. In der Schule in Damaskus mochte er Chemie und hatte einen Hang zu Fremdsprachen. Er lernte am Goetheinstitut Deutsch und traute sich zu, in Stuttgart Chemie zu studieren. Nach Deutschland zu ziehen als Syrer war damals etwas ganz Normales. Er brauchte kein Visum. Die Länder waren befreundet. Er wurde aufgenommen, aber bekam keine Fürsorge, kein Geld. Deutschland hatte einen Krieg hinter sich, und es gab Arbeit noch und nöcher. Wer arbeitete, war willkommen und wurde ganz schnell Freund. Bakri arbeitete bei Bosch und später bei Traub.

Seine Verlobte Narges Wasiti kam schon wenige Monate später nach und sie heirateten bald standesamtlich im Stuttgarter Rathaus. Und kirchlich? Wollten sie nicht in einer Moschee heiraten? Das sei nicht üblich. Wichtig sei die amtliche Trauung. „Die Standesbeamtin hat gesagt, dass sie uns Gottes Segen wünscht“, sagt Narges Wasiti. Gott ist das deutsche Wort für Allah. Das ist ihr wichtig.

Bei Telefunken in Stuttgart zum Techniker ausgebildet

Bakri probierte mehrere Jobs und bekam von Telefunken das Angebot, dass er Radio- und Fernsehtechniker lernen kann. Er lernte den Beruf. Aber die beiden erinnerten sich, dass sie nie geplant hatten, für immer in Deutschland zu bleiben. 1963 zogen sie für ein Jahr nach Damaskus, fassten dort aber nicht Fuß und zogen wieder ins Schwäbische. „Die Deutschen waren damals uns Arabern sehr ähnlich. Sie hatten den gleichen Familiensinn wie wir. Sie arbeiteten viel, sehr viel mehr als jetzt, und sie waren um jeden froh, der mitarbeitete. Bakri stieg wieder bei Telefunken ein, wechselte später zu Wega, dann zu Neckermann, wo er die Umstellung aufs Farbfernsehen miterlebte und die Technik lernte. Er übernahm den Service für Neckermann im Winnender Raum, mietete neben dem Winnender Kino einen Schuppen als Werkstatt an, baute später auf dem Grundstück ein Geschäftshaus: Radio- und Fernseh-Bakri.

Deutsch gelernt während der Arbeit in der Textilfabrik

Das Geschäft blühte. Mohammed Al Bakri reparierte Fernseher Tag und Nacht, und seine Frau Narges Wasiti verkaufte die Kleingeräte und Schallplatten im Geschäft. Sie hatte Abitur gemacht in Damaskus, aber Deutsch hatte sie erst in Deutschland gelernt, in einer Textilfabrik, in der sie ihren deutschen Kolleginnen immer die Geschichten aus arabischen Fernsehserien erzählte. Deutsch spricht sie so gut, dass sie die Kunden über Schallpatten beraten konnte von Peter Alexander über die Rolling Stones bis zum Guarneri-Quartett. Bei Bakri gab es von allem etwas. Eine Tochter und ein Sohn waren zur Welt gekommen und sie gingen in Winnenden auf die Schule, später dann in Damaskus.

Mohammed Al Bakri war 1975 zu Besuch in Syrien, als Assad, der Vater des heutigen Diktators, an die Macht gekommen war, und Bakri spürte, dass damals ein wirtschaftlicher Aufschwung beginnen sollte.

Bakri hat zeitweise eine Firma in Winnenden und eine in Damaskus

Bakri gründete seine zweite Firma, Bakri-Elektronik, mit Sitz in Damaskus. Er baute Gegensprechanlagen für Wohnhäuser und Firmen, importierte deutsche Produkte, Antennen von Kathrein oder Steckdosen von Jung. Alle Paläste von Damaskus stattete er mit Elektrizität aus. 1985 musste er erkennen, dass sein Winnender Geschäft, das von einem Familienmitglied geführt wurde, nicht mehr gut lief. Er schloss den Laden und verlegte seinen Lebensmittelpunkt ganz nach Damaskus. Frau und Tochter zogen mit. Sein Sohn blieb in Deutschland und studierte Elektrotechnik.

1990 war der Sohn Ingenieur und kam nach Damaskus, um mit dem Vater zusammen eine damals hochmoderne Fabrik für elektronische Fernbedienungen im Hausbereich zu bauen, Türöffner, Videokameras und mehr. Sie investierten hohe Summen in Maschinen und Werkzeuge. Sie produzierten mit dem Ziel, gleich gut wie die renommierten deutschen Firmen zu sein.

2011 machte der syrische Bürgerkrieg alles zunichte, was sie aufgebaut hatten: Regimegegner besetzten den Betrieb, machten Werkzeuge und Maschinen unbrauchbar, vernichteten Millionenwerte. Um einen Teilhaber auszuzahlen, verkaufte die Familie ihre großzügige Villa mit Swimmingpool und zog zurück ins ruhige Winnenden.

Die Wohnung im Schelmenholz ist nicht groß, aber dafür warm und sicher. Und weil Narges und Mohammed Al Bakri in Deutschland gearbeitet haben, bekommen sie eine Rente.

1971: Arabischer Tanz in der Stadthalle

Narges und Mohammed Al Bakri sind jetzt 81 und 82 Jahre alt, deutsche Staatsbürger und sie sagen: „Wir fühlen uns als Deutsche.“

Wie sehr sie sich schon in den 70er Jahren als Deutsche und als Winnender gefühlt haben, zeigten die Internationalen Abende, die sie damals mit ihren Winnender Freunden machten. Sie kleideten sich in originären arabischen Gewändern. Beim Ball in der Stadthalle sangen die Deutschen den damaligen Schlager „Mustafa, oh Mustafa ...“ Mohammed schlug eine arabische Handtrommel und Narges wirkte im orientalischen Kleid so schön, dass 1971 die Winnender Zeitung urteilte: „Narges Al Bakri tanzte mit feurigem Temperament.“

Die Tochter der Bakris war auf dem Büchner-Gymnasium und hat heute noch eine Freundin aus ihrer Winnender Jugendzeit. Sie lebte lange in Syrien und kam in jüngster Zeit nach Deutschland zusammen mit ihrer jüngsten Tochter, die jetzt auch das Büchner-Gymnasium besucht. Ihre drei Söhne leben in den Vereinigten Emiraten.

Al Bakris haben acht Enkel und drei Urenkel. Niemand von ihnen lebt mehr in Damaskus. Wohnorte sind die Emirate, Köln und Winnenden.

Mohammed Al Bakri gibt an der Winnender Volkshochschule einen arabischen Kochkurs: Kochen wie in 1001 Nacht.