Winnenden

Radeln auf der Marktstraße

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Kein Problem: Ein Pulk von zehn Schülern radelt umsichtig und langsam quer über die Fußgängerzone, und eine Frau mit Kind und ein Mann gehen längs mittendurch © Büttner / ZVW

Winnenden. Die Marktstraße ist Winnendens bestes Stück. Es kann ein ganz normaler Mittwoch sein, grauer Himmel, kühle Luft, Mittagszeit, und doch sind bestimmt 100 Passanten auf einen Schlag zu Fuß im Zentrum unterwegs. Diese Woche ist eine Kleinigkeit anders: Radeln ist erlaubt. Aber das ändert an der Stimmung fast nichts.

Im Video: ZVW-Redakteur Martin Schmitzer ist mit seinem Rad über die Marktstraße gefahren.

Fröhlich flanieren Fußgänger von oben Richtung Tor und von unten Richtung Viehmarktplatz. Eine Frau führt ein Kind an der Hand, kommt von der Sparkasse her. Sehr gelassen und ruhig geht sie über die Kreuzung mit der Schlossstraße, die man als Fußgänger fast nicht wahrnimmt, weil das Pflaster durchgehend ist.

Langsam rollt von der Schlossstraße herauf ein Pulk mit Schülern, die gemütlich strampeln und sich eingehend miteinander unterhalten. Oh, Fußgänger! Bisschen ausweichen, einen halben Meter vielleicht. Da passiert nichts. Dann können die Schüler weiter miteinander quatschen und die Mühltorstraße runterrollen.

Schwarz behelmter E-Biker rast knapp an Kinderwagen vorbei

Die Frau mit Kind steht zehn Sekunden still und hält ihr Kind fest. Links und rechts neben ihr gondeln die Radler vorbei. Jetzt blickt sie freundlich und geht ruhig weiter. Wie war das für sie? „Ach, des war schon in Ordnung. Mir passet halt auf“, sagt sie lächelnd, „und die Schüler waren umsichtig.“ Freundliche Friedlichkeit mitten in der Fußgängerzone, der Marktbrunnen plätschert, Passanten reden in ihre Handys.

Vom Marktbrunnen her schiebt eine Mutter einen leeren Kinderwagen, ihren zweieinhalbjährigen Sohn hat sie an der Hand. Er will selbst laufen. Viele Fußgänger gehen in diesem Augenblick über die Stadtmitte. Von oben und unten kommen welche. Wie aus dem Nichts schießt zwischen den Fußgängern ein schwarz behelmter E-Biker durch und biegt unerwartet ab Richtung Mühltorstraße, rast ganz knapp am Kinderwagen vorbei und ist schon wieder weg.

„Das war nicht langsam“, sagt die Frau. Es war sehr knapp. Beinahe hätte der Radler den Kinderwagen mitgerissen. „Ich muss aufpassen hier in der Fußgängerzone, muss mein Kind gut festhalten, sonst ist es zu gefährlich.“ Den Kinderwagen hätte es ja schier erwischt. „Ja, aber nur den Kinderwagen. Das ist keine Katastrophe. Kinderwagen kann man einen neuen kaufen. Aber was wäre, wenn das Kind plötzlich losgesprungen wäre?“ Der ganze Vorgang dauert zwei Sekunden, dann ist der schwarz gekleidete Radler verschwunden Richtung Mühltorstraße. Die Fußgängerzone funktioniert wieder störungsfrei.

Zehn Radler gondeln der Länge nach durch die Marktstraße

In den zehn Minuten nach 12.45 Uhr am Mittwoch queren insgesamt 50 radelnde Schüler den Marktplatz. Zehn Radler gondeln verbotenerweise der Länge nach durch die Marktstraße, aber so vorsichtig, dass kein Fußgänger, nicht mal ein Kleinkind, gefährdet wäre.

Ein junger Mann radelt sichtlich sorgsam vom Viehmarktplatz her zwischen vielen Fußgängern hindurch, fährt Bögen, hält Abstand zu den Leuten, bremst und beschleunigt ein bisschen. Anhalten lässt er sich leicht. Er stoppt freundlich. Weiß er, dass die Längsfahrt verboten ist?

„Ich weiß schon, dass das nicht erlaubt ist, aber ich denke mir, dass das jetzt doch niemand stört.“ Er blickt um sich, sieht viele Passanten, aber wirklich niemanden, der Anzeichen gibt, dass er irgendetwas monieren wollte. Nicht alles, was verboten ist, stört.

Nachts hat der Radler in der Fußgängerzone mehr Freiheiten

Erlaubt ist jetzt tagsüber die Fahrt der Radler quer über die Marktstraße vom Holzmarktplatz in den Gutenbergweg, von der Mühltorstraße in die Schlossstraße, von der Wagnerstraße in die Bengelstraße und durchgehend über die Turmstraße, auch gegen die Einbahnstraße. Noch sind nicht alle Erlaubnisschilder für Radler aufgestellt. Die Sprecherin des Rathauses versicherte auf Anfrage, dass nächste Woche die noch fehlenden nachgerüstet sein werden.

Für alle Radler in der Fußgängerzone gilt Schrittgeschwindigkeit, und in unserer Beobachtungszeit hielten sich auch mehr als 98 Prozent der Radler daran, wenn man zügiges Gehen auch noch als Schrittgeschwindigkeit zulässt.

In der Nacht von 20 bis 8 Uhr dürfen Radler auch der Länge nach durch die Marktstraße radeln. Da ist erlaubt, was zu unserer Beobachtungszeit zehn Radler machten, ohne irgendjemanden zu gefährden. Die eingeschränkte Radlererlaubnis ist auf ein Jahr befristet. Im nächsten Jahr wird der Gemeinderat erneut darüber beraten.


Kleine Bequemlichkeit für Radler

  • Aus Radlersicht ist die Fahrerlaubnis in der Fußgängerzone eine kleine Bequemlichkeit, ein geringer Zeitgewinn von vielleicht einer Minute zwischen Schulzentrum und Wohngebiet Hungerberg.
  • Radelnde Schüler auf dem Heimweg haben ihr erstes Problem an der Albertviller Straße: Fast keiner mag rechts auf dem Radlerstreifen in der Fahrbahn fahren. Links auf dem abgetrennten Radweg radeln die großen Pulks und wirken ratlos, wenn ein einzelner Radler ihnen entgegenkommt.
  • An der Robert-Boehringer-Straße hört der Radweg auf, deshalb biegen die Radler ab in die Boehringer-Straße, von dort in die Schlossstraße und dann Richtung Fußgängerzone.
  • Autos in der Fußgängerzone stehen herum oder fahren und stören sowohl Radler als auch Fußgänger.
  • Über die Marktstraße ist das Radeln erlaubt. Aber: Fußgänger kreuzen die Schlossstraße. Die kommen plötzlich ums Hauseck und haben Vorfahrt. Der Radler muss ganz schnell bremsen können.
  • Die Fahrt über den Marktplatz ist eine Frage der Umsicht und Vorsicht und geht ganz gut, wenn man langsam bleibt.
  • Die Mühltorstraße runter wird man automatisch schnell, aber dort passt es auch. Und ein bisschen Bremsen schadet nichts.