Winnenden

Raubüberfall auf Müller: Prozess vor dem Landgericht gestartet

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Symbolfoto. © Joachim Mogck

Stuttgart/Winnenden. Der Raubüberfall im Müllermarkt am Adlerplatz vom 7. Juni beschäftigt nun das Landgericht Stuttgart. Die 28-jährige Angeklagte hatte die Kassierin mit einem Messer bedroht, die Beute in einen Mülleimer geworfen und bei ihrer Flucht durch die Fußgängerzone Passanten verletzt. Das Gericht erörtert, ob die Frau wegen ihrer psychischen Erkrankung schuldunfähig ist.

Zwei Mitarbeiterinnen des Müllermarkts waren als Zeuginnen geladen. Beiden ist die rund 1,60 Meter kleine Angeklagte an dem Tag mehrmals im Markt aufgefallen. Die 38-jährige Kassiererin berichtete, dass sie kurz vor 18 Uhr 20 Euro für ein Fläschchen Wasser hinlegte, und als der Kassendeckel hochschnappte, sich weit nach vorn beugte, „Geld her“ sagte und ihr ein kleines Messer entgegenstreckte. „Ich hatte höllisch Angst, rollte mit meinem Stuhl zurück und sagte, sie soll sich bedienen.“ Weiter in normalem Unterhaltungston forderte sie, ihr auch die großen Scheine zu geben, was die Kassiererin tat. „Wäre ich nicht zurückgezuckt, hätte sie mich erwischt“, ist die Kassiererin sicher und berichtet, dass sie nach dem Überfall einen Heulkrampf bekam und dann sechs Wochen krankgeschrieben war. Bis heute könne sie keine Spätschicht mehr machen, weil sie Angst hat, durch menschenleere Straßen zu laufen. „Ich war immer ein offener Mensch, habe mich mit den Kunden unterhalten. Jetzt bin ich misstrauisch und fühle mich bedroht, wenn jemand komisch guckt.“ Ob sie an der Angeklagten Anzeichen von Drogen oder Medikamenten bemerkt habe, wollte der Vorsitzende Richter Gless wissen. „Sie hat gezittert, Fahrscheine fielen aus ihrem Portemonnaie auf den Boden. Aber sie ist anschließend seelengemütlich nach draußen gegangen und dort stehen geblieben.“

„Diebstähle sind Alltag“

Ihre Kollegin sprach die Täterin draußen an, sie solle die Beute zurückgeben, sie mache doch alles schlimmer. „Hol’s dir doch“, soll sie gesagt und das Messer über das Scheinebündel gelegt haben. „Ich hätt’s gemacht, aber meine Kolleginnen hielten mich zurück“, sagt die Frau, die inzwischen nicht mehr beim Müller arbeitet. „Nach zehn Jahren dort habe ich sehr viel Erfahrung. Leider sind Diebstähle und räuberische Banden bei uns Alltagsgeschäft. Und ich erkenne auch psychisch Kranke am Verhalten und ihren Reaktionen.“ Wie die 29-Jährige richtig mutmaßte, war die Angeklagte zur Tatzeit im Klinikum Schloss Winnenden untergebracht. Erst sechs Monate, seit Anfang Mai mit Unterbrechungen. Und es war keineswegs ihr erster Aufenthalt in einer Psychiatrie. Wegen massiver Angstzustände ist ihr Lebenslauf seit drei Jahren davon geprägt. Zusätzlich gibt die 28-Jährige zu, seit drei Jahren regelmäßig Marihuana zu rauchen, was ihre Angst nur kurz mildere und dann verstärke. Die vom Gericht bestellte Sachverständige sieht überdies Anzeichen für eine Schizophrenie bei der jungen Frau.

Geld in den Müll geworfen, dann wieder rausgeholt

Mit heller, leiser und monotoner Stimme schilderte die Angeklagte ihre Beweggründe für die Tat. Die drei Richter hörten sehr genau zu und hakten nach, um die eigene, ja eigenwillige Logik der Frau zu verstehen. „Ich hatte Angst vor einer Mitpatientin, die mich bedroht hat. Und davor, wieder fixiert zu werden. Ich wollte nach Paris abhauen.“ Für diesen Neuanfang hatte sie angeblich genug Geld verdient als Bedienung. Darum habe sie die Drogerie nicht überfallen. Sondern weil sie einen sicheren Platz zum Übernachten außerhalb der Psychiatrie brauchte. Nachdem ihr früherer Hauptschullehrer es abgelehnt hatte, sie bei sich schlafen zu lassen, stellte sie sich vor, in einem Raum zu sein und von der Polizei bewacht zu werden. „Ich wollte ins Gefängnis.“ Das Geld, mehrere Tausend Euro, habe sie erst in den Müll geworfen, dann aber wieder rausgeholt. Dann sei sie geflohen, „damit es echt aussieht“.

Diebin verletzt 18-Jährigen mit Messer

Passanten wurden durch die Drogeriemarktmitarbeiterinnen auf die Diebin aufmerksam, ein 18-jähriger Schüler hielt sie fest. „Ich hatte gar nicht gesehen, dass sie ein Messer hatte“, sagte er vor Gericht aus. Sie stach ihm in den Arm, und als er vor Schreck losließ, drehte sie sich und brachte ihm einen mehr als drei Zentimeter langen Schnitt in die Wade bei. Ihre Flucht endete nach etwa 300 Metern durch die Marktstraße beim Arzum-Imbiss, wo ein privat sich in Winnenden aufhaltender Polizist die von Passanten entwaffnete und auf dem Boden festgehaltene Frau übernahm. „In dem Moment wirkte sie gelassen auf mich.“

Fortsetzung

Die Verhandlung wegen schweren Raubs und Nötigung wird am 16. und 19. Dezember im Landgericht Stuttgart fortgesetzt.