Winnenden

Rempler auf Supermarktparkplatz „nicht bemerkt“: 88-Jährige landet vor Gericht

Fahrerflucht
Kratzer an der Stoßstange als „Souvenir“ vom Supermarkt-Parkplatz. © Gabriel Habermann

Das kennt jeder: Du kommst vom Einkaufen aus dem Supermarkt und deine vorher schon enge Parklücke verlangt nun beim Ausparken höchste Konzentration. Du kurbelst am Lenkrad, drückst vorsichtig aufs Gas, Stück für Stück lavierst du dich raus, bis du es endlich geschafft hast.

Solch eine Situation beobachtete im Februar eine 70-jährige Zeugin auf dem Edeka-Parkplatz an der Wiesenstraße in Winnenden. Sie selbst stand zwar auf dem Gehweg an der Straße, die Auspark-Aktion fand drei Stellplatzreihen und zwei Durchfahrgassen weit entfernt von ihr statt. „Aber ich dachte: Ob das gut geht?“ Zigmal sei die Person „hin und her“ rangiert, und auf einmal habe ein parkendes Auto in der gegenüberliegenden Reihe „gewackelt“, die Stoßstangen standen schräg zueinander. Doch die Fahrerin stieg nicht aus, sondern fuhr einfach weg.

Allerdings langsam, keineswegs fluchtartig. „Ich dachte: So geht's au ned“, erklärte die Zeugin im Amtsgericht Waiblingen. Sie holte im Edeka einen Zettel, notierte das Kennzeichen der „Dame“, die sie hatte davonfahren sehen, wartete auf den Besitzer des angerempelten Mercedes, informierte ihn und ging danach selbst zur Polizei und zeigte die Frau wegen Fahrerflucht an. „An derselben Stelle habe ich auch schon oft geparkt, aber ich habe ein kleineres Auto. Da geht es eng zu“, sagte die Zeugin noch.

Anwalt will Führerscheinentzug abwenden

Die Beschuldigte ist eine hochbetagte, aber bislang unbescholtene Autofahrerin aus Winnenden, 88 Jahre alt. Sie fiel aus allen Wolken, als die Polizei bei ihr an der Tür klingelte. „Ich habe nicht gemerkt, dass ich mit meinem Auto das andere berührt habe, sonst wäre ich nicht fortgefahren“, beteuert sie im Amtsgericht, denn sie hat dem Strafbefehl widersprochen, der ihr mit der Post ins Haus geflattert war.

Über 1000 Euro Strafe hätte sie zahlen sollen und sechs Monate ihren Führerschein abgeben. „Sie will weiterhin fahren, kurze Strecken, zum Einkaufen, zum Arzt, das ist Lebensfreiheit, für alte Menschen ein ganz wichtiges Gut“, sagte Rechtsanwalt Henning Schumann. Er ahnt, dass das Landratsamt beim Führerscheinentzug genauer aufs Geburtsdatum schauen und seiner Mandantin die Fahrerlaubnis vielleicht ganz entziehen würde. „Ich kann das beurteilen, sie ist fahrtauglich, macht einen fitten Eindruck“, warf sich der Anwalt für sie in die Bresche.

Er kündigte an, auf Freispruch zu plädieren. Außerdem sei inzwischen der Schaden am Mercedes bezahlt, der Gatte der Fahrerin und der Geschädigte kennen sich. „Es war ein Mini-Kratzer an der Stoßstange, wie wenn man mit dem Messer ein Streifele geritzt hätte“, sagte der Mann der Angeklagten. Da die Stoßstange bis zu den Kotflügeln aus einem einzigen Teil besteht und das Fahrzeug geleast ist, fiel die Reparatur mit 1909 Euro netto hoch aus, musste aber sein.

Das Piepen der Rückfahrhilfe? „Normal“

Staatsanwalt und Richter Fabian Lindner ließen so schnell nicht locker. Befragten die 88-Jährige, die von ihrer Rückfahrhilfe berichtete, die wegen des Autos neben ihr gepiept habe, „ganz normal, so dass ich merkte, ich habe noch ein paar Zentimeter Platz, nichts anderes“. Weder wurde der Ton schneller, noch erklang ein Dauerton. In den Spiegel habe sie geschaut, umgedreht habe sie sich auch – „aber ich habe einfach nichts gemerkt“, vom Touchieren mit dem Hinterteil.

„Das reicht weder zur Verurteilung noch zum Freispruch“, sagte Richter Lindner. „Ich schlage vor, das Verfahren einzustellen“, so Rechtsanwalt Schumann. Richter und Staatsanwalt stimmten zu, unter der Bedingung, dass die Frau 700 Euro an die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ spendet bis Ende Juli 2022.

Das kennt jeder: Du kommst vom Einkaufen aus dem Supermarkt und deine vorher schon enge Parklücke verlangt nun beim Ausparken höchste Konzentration. Du kurbelst am Lenkrad, drückst vorsichtig aufs Gas, Stück für Stück lavierst du dich raus, bis du es endlich geschafft hast.

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Solch eine Situation beobachtete im Februar eine 70-jährige Zeugin auf dem Edeka-Parkplatz an der Wiesenstraße in Winnenden. Sie selbst stand zwar auf dem Gehweg an der Straße, die Auspark-Aktion fand

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