Winnenden

Sama (22) aus Winnenden über ihre Kindheit im Iran: Lachen und Singen verboten

Sama Saadatjou
Die 22-jährige Sama Saadatjou (links) und ihre Mutter Mastaneh Saadatjou nehmen von Winnenden aus Anteil an den Protesten gegen das Mullah-Regime im Iran. © Gabriel Habermann

Sama Saadatjou ist 22 Jahre alt und vor acht Jahren aus dem Iran nach Winnenden gekommen. Ihr Vorname bedeutet „Himmel“. Doch in ihrem Pass ist Fahteme eingetragen. „Es war meinen Eltern nicht gestattet, mir einen arabischen Namen zu geben. Es sollte ein muslimischer sein“, berichtet die Optikerin von der ersten Erniedrigung ihres Lebens durch das Mullah-Regime.

Im März hat die 22-Jährige Iran besucht und Veränderungen bemerkt

Ungezählt viele weitere sollten folgen. Unterdrückung, Bevormundung, Gleichmacherei zogen sich wie ein roter Faden durch ihre Kindheit bis zu dem Tag, als ihr Vater sagte: „Ich hole euch da raus.“ Mit einem Visum reisten die drei nach Italien aus und beantragten in Deutschland Asyl.

Seitdem, seit 2014, hat die Familie Fuß gefasst in Deutschland, Sama Saadatjou hat ihren Schulabschluss und ihre Ausbildung gemacht und einen Arbeitsplatz in Winnenden. Doch die alte Heimat lässt sie nicht los, jede Woche hat sie Kontakt zu den Verwandten über Internet und Telefon, war sogar im März 2022 zu Besuch dort.

Im September ist eine junge Frau, Mahsa Amini, in Gewahrsam der Religionspolizei gestorben. Sie war so alt wie Sama und hatte sich nichts zuschulden kommen lassen. „Jetzt möchte ich meinen Teil dazu beitragen, dass die Welt aufmerksam wird auf die Probleme in Iran.“ Sama Saadatjou gibt daher gern unserer Redaktion ein Interview und zeigt sich zusammen mit ihrer Mutter Mastaneh Saadatjou in der Mittagspause am Winnender Kronenplatzbrunnen. „Es geht nicht um Religion“, sagt die 22-jährige Winnenderin, „sondern um Freiheit. Nicht nur für Frauen, sondern für die ganze Gesellschaft.“

„Die Männer, Frauen und Jugendlichen dort haben keinen Bock mehr“

Sie weiß, in Deutschland ist sie sicher, und sie weiß, im Iran kann man einfach so erschossen werden, nicht nur, wenn man auf die Straße geht und protestiert. Aber die Menschen ließen sich das nicht mehr gefallen: „Ich habe vor ein paar Monaten bei meinem Besuch gemerkt, dass es anders geworden ist. Erwachsene machen den Mund auf, trauen sich zu widersprechen, und sogar die Kinder kämpfen gegen die Regeln an. Sie haben keinen Bock mehr.“ Sama Saadatjou hofft, dass dieser Aufstand mehr bewirkt als der letzte, auf jeden Fall dauere er schon jetzt länger.

Gleichwohl erkennt sie gerade am Beispiel ihrer Heimatstadt, die in etwa so groß wie Winnenden ist, dass der Protest auch schnell im Keim erstickt werden kann: „Ein Junge wurde von der Polizei umgebracht, deshalb demonstrieren die Bewohner gerade nicht.“

„Ich lache gerne, eigentlich ständig“

Als Sama vor elf Jahren in der Kleinstadt Bandar Ansali am Kaspischen Meer die Hauptschule besuchte, hat sie schon unter den vielen Repressalien gelitten, die drei Schuljahre waren ihre schlimmsten: „Wir durften die großen Haarklammern, die gerade im Trend waren, nicht tragen. Es war verboten enge Jeans anzuziehen und die Augenbrauen zu zupfen“, zählt sie auf. Jede Woche kontrollierten die Lehrer die Länge der Fingernägel. „Waren sie ihnen zu lang, schnitten sie sie einfach ab.“

Sie lacht und guckt ihre heute auffällig langen, rosa lackierten Nägel an. „Ich lache sehr gerne. Eigentlich ständig. Auch deshalb gab es in der Schule wöchentlich mehrere Beschwerden über mich“, sagt Sama Saadatjou. Sie musste beim Schulleiter antreten und sich eine Standpauke anhören. Lachen verboten. „Es war wie ein Gefängnis.“

Die Strafen reichten vom Anruf bei der Mutter, die den Ruf der Familie zu wahren und sie mit Handyentzug zu bestrafen hatte, bis hin zum Schulverweis für mehrere Tage.

Vor allem Mädchen hatten unter den Mullahs zu leiden

Vor allem Mädchen hatten unter den Mullahs zu leiden. „Wenn nach der Schule Jungs mit dem Moped an uns vorbeifuhren, behaupteten sie gegenüber meinen Eltern, ,Sama trifft sich mit ihrem Freund’.“ Die Folge war, dass die Teenies nicht auf die Straße gehen konnten. Ein Freibadbesuch wie hier, um mal den ersten Flirt zu erleben? Nichts da, man konnte nur getrenntgeschlechtlich schwimmen. Sogar in den Omnibussen sitzen Männer und Frauen getrennt, und alleine zu singen ist den Frauen auch verboten. „Immer heißt es, offene Haare, Singen und so weiter, das geht nicht, das macht Männer geil.“

Die Wut darüber wächst, nicht nur, weil Sama in einem aufgeklärten Land lebt, in dem sich Frauen so kleiden und verhalten können, wie sie möchten. Die Heuchelei der Mullahs und der Religionspolizisten schürt den Zorn zusätzlich: „Als Masha Amini starb, war unser Präsident in den USA und hat seiner Familie Geschenke gekauft. Die Mullah-Kinder leben alle im Ausland und gehen für iranische Verhältnisse fast nackt aus dem Haus“, berichtet Sama.

„Du kannst dort von deinem Einkommen nicht leben“

Und schließlich ist auch das Geld, das einem ein würdiges Leben ermöglichen könnte, dort knapp: „Im Iran findest du keine Arbeit oder kannst von deinem Einkommen nicht leben. Du verdienst vielleicht 150 Euro im Monat, aber zum Wohnen und Essen brauchst du das Doppelte.“

Sama ist gerne in Winnenden. Als Optikerin verdient sie ihren Lebensunterhalt. Aber sie vermisst ihre große Familie. „Wäre das Leben in Iran gut, würde ich gern wieder hingehen.“

Damit es so weit kommt, hofft die junge Frau auf internationale Unterstützung. Es stimmt sie hoffnungsvoll, dass sich Männer und Frauen in Stuttgart oder in der Türkei solidarisieren, auf die Straße gehen und symbolisch ihre Haare abschneiden, Tücher verbrennen oder wie in Iran „Frau! Leben! Freiheit!“ rufen. „Ich sehe es auf Tiktok oder Instagram und kriege Gänsehaut.“

Sama Saadatjou ist 22 Jahre alt und vor acht Jahren aus dem Iran nach Winnenden gekommen. Ihr Vorname bedeutet „Himmel“. Doch in ihrem Pass ist Fahteme eingetragen. „Es war meinen Eltern nicht gestattet, mir einen arabischen Namen zu geben. Es sollte ein muslimischer sein“, berichtet die Optikerin von der ersten Erniedrigung ihres Lebens durch das Mullah-Regime.

Im März hat die 22-Jährige Iran besucht und Veränderungen bemerkt

Ungezählt viele weitere sollten folgen.

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