Winnenden

Sanierung Stadtkirche Winnenden: Gerüst Ende Januar, Staub unterm Dach giftig

Sanierung Stadtkirche
Projektleiter Thilo Juhnke-Wild, Stiftungsrat Bernd Hellerich, die 1. Vorsitzende der Gesamtkirchengemeinde Doris Bautz und Kirchengemeinderat Thomas Kraljic (von links) vor der Stadtkirche. Seit dem Treffen ist klar: Das Gerüst für die Sanierung wird ab Ende Januar aufgebaut. © ALEXANDRA PALMIZI

Mal eben eine mehr als 300 Jahre alte Kirche sanieren, das ist nicht ohne. Das Alter, die Größe, Denkmalschutz, Naturschutz ... und bisweilen auch Stoffe, die erst vor 40 Jahren eingetragen wurden, müssen berücksichtigt werden. Das Architekturbüro Weinreich, spezialisiert auf Denkmäler und insbesondere Kirchen, hat einschlägige Erfahrungen mit Giftstoffen und Altlasten und daher schon vor knapp einem Jahr vier Proben genommen von Dachgebälk, Dielenboden und Staub darauf. Der Verdacht hat sich bestätigt: Vom 1978 angewendeten Kombipräparat „Avenarol“, einem Holzschutzmittel, sind noch immer giftige Inhaltsstoffe vorhanden, und zwar an den Holzbalken und im Staub auf den Holzböden des Dachgestühls.

Ist der Staub für Anwohner oder Kirchenbesucher giftig? Projektleiter verneint

„Eine ganz bekannte Sache bei alten Kirchen“, so Projektleiter Thilo Juhnke-Wild. Konkret liegen die Werte des für den menschlichen Organismus hoch schädlichen Fungizids PCP laut Laborgutachten, das unserer Zeitung vorliegt, „weit über dem Grenzwert von 1 mg pro Kilogramm Holz“. Auffällig viel Lindan, das gegen Insekten wirken sollte, weisen die Proben ebenfalls auf. Beim Menschen reichert es sich im Fettgewebe an und wird nur langsam abgebaut. Die Werte übersteigen den Grenzwert von 0,5 mg/kg ebenfalls deutlich. Dichlofluanid, ein Biozid, wurde ebenfalls gefunden, aber mit einem geringen Gehalt, außerdem ist es aktuell noch zulässig.

Was bedeutet das jetzt für die Arbeiter – und die Anwohner in direkter Nachbarschaft der Stadtkirche? Ging bislang eine schleichende Gesundheitsgefahr von St. Bernhard aus, vielleicht sogar für Kirchenbesucher? Projektleiter Thilo Juhnke-Wild vom Neckarsulmer Architekturbüro Weinreich verneint eindeutig. Im Kirchenraum passiert nichts, in der Umgebung auch nicht. Wer früher ohne Atemschutzmaske und länger als 15 Minuten im Glockenstuhl war, für den war das vielleicht nicht gerade prima, aber sobald bei der Sanierung ein verseuchtes Staubkorn den Dachstuhl verlässt, ist es angesichts der großen Luftmassen, in denen es sich dann verdünnt, für niemanden mehr schädlich.

„Wichtig ist, dass die Arbeiter sämtliche Vorschriften einhalten, eine FFP3-Maske, Handschuhe und Schutzanzug tragen, einen guten Absauger benutzen und nicht da oben vespern“, gibt der Projektleiter Einblick in die umfangreiche Betriebsanweisung der Gefahrstoffverordnung.

Der Aufbau des Gerüsts mit Aufzug und Dohlen-Nistkästen wird vier Wochen dauern 

Der hohe Aufwand für die Handwerker macht sich natürlich auch bei den Kosten bemerkbar. Anwohner und Kirchenbesucher sind, wie gesagt, nicht betroffen vom Gift am alten Holz. Dieses wird übrigens auch nur dort ausgetauscht, wo es trotz der chemischen Behandlung schadhaft geworden ist. Hauptsächlich bauen die Zimmerleute zur Sicherung Vollgewindeschrauben und neue Verbindungen ein und treffen weitere Vorkehrungen, um die Konstruktion zu entlasten und zu stabilisieren.

Doch bevor all das losgehen kann, müssen Kirchenschiff und Turm eingerüstet werden, auch das kein leichtes Unterfangen, sondern ein Fall für Spezialisten und Gerüstmeister. „Die Firma wird Ende der Woche 4, Anfang Woche 5, also Ende Januar, damit beginnen“, sagt Thilo Juhnke-Wild. Der Aufbau wird vier Wochen dauern und muss bestimmte Statik- und Lastvorgaben erfüllen. Außerdem bekommt das Gerüst einen Aufzug für Material und Arbeiter. Da im Turm mittlerweile nicht mehr der Turmfalke nistet, sondern mehrere Dohlen, hat ein Artenschutzgutachter den Bauherren empfohlen, Dohlen-Nistkästen am Gerüst anzubringen, die von den Vögeln erfahrungsgemäß angenommen werden.

Ein Netz ringsherum schützt die Umwelt vor Staub und Dreckbrocken - die Nachbarn seien aber schon jetzt vorgewarnt: „Das Reinigen der Steine wird laut.“ An der Ecke, wo es zur Marktstraße und in die Kirchstraße geht, sieht man ganz gut die vielen Risse. Die Auswirkungen sind sogar innen in der Kirche zu sehen, die 1,20 Meter dicke Wand war kein Hindernis. „Im Inneren des Sockels erkennt man die Feuchteschäden. Da die Feuchtigkeit durch den Zementputz nicht nach außen kann, sieht man innen die Schäden“, so Juhnke-Wild.

Der neue Sockelputz soll bauschädliche Salze aus dem Mauerwerk ziehen

Am Turm war der Putz, der in den 1970er Jahren aufgebracht worden ist, „zu hart für das Mauerwerk“, das erkennt man laut Juhnke-Wild an den spinnennetzartigen Abblätterungen. „Ziel der Sanierung ist, die Kirche zukunftsfähig zu machen und die Bausubstanz für künftige Generationen zu erhalten“, sagt der Projektleiter über den neuen Sockelputz, der bauschädliche Salze aus dem Mauerwerk ziehen soll. Auch wenn die Fassade nach der Sanierung mit Sicherheit wieder sauberer und einheitlicher aussehen wird, „die Optik ist eigentlich zweitrangig“, so Juhnke-Wild.

Mal eben eine mehr als 300 Jahre alte Kirche sanieren, das ist nicht ohne. Das Alter, die Größe, Denkmalschutz, Naturschutz ... und bisweilen auch Stoffe, die erst vor 40 Jahren eingetragen wurden, müssen berücksichtigt werden. Das Architekturbüro Weinreich, spezialisiert auf Denkmäler und insbesondere Kirchen, hat einschlägige Erfahrungen mit Giftstoffen und Altlasten und daher schon vor knapp einem Jahr vier Proben genommen von Dachgebälk, Dielenboden und Staub darauf. Der Verdacht hat

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