Winnenden

Schießerei in Weissach: Schütze bleibt in Psychiatrie

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Stuttgart/Weissach im Tal. Ein 45-jähriger Mann hat im Wahn mit einer Luftdruckpistole auf Häuser und Autos in Weissach im Tal geschossen. Ein Sondereinsatzkommando rückte deshalb im Oktober 2016 aus. Der Mann muss in der Psychiatrie bleiben, entschied das Landgericht am Mittwoch. Ihm fehle noch immer die „stabile Einsicht“, dass er dauerhaft Medikamente nehmen müsse.

Der Mann hat zwar niemanden ernsthaft verletzt, aber Angst und Schrecken verbreitet. Das Gericht machte ihm deshalb keinen Vorwurf, denn er war zur Tatzeit zweifelsfrei krank und damit schuldunfähig, hieß es am Mittwoch in der Urteilsbegründung. Der Mann handelte unter dem Einfluss einer paranoiden Schizophrenie, das bedeutet vereinfacht ausgedrückt, er war nicht Herr seiner Sinne.

Arsenal an Luftdruck- und Dekowaffen gehortet 

Der Gärtner, der zusammen mit elf Kaninchen im Haus seiner Großmutter in Weissach im Tal lebte, hörte Stimmen, und er war fest davon überzeugt, er werde mit Infraschall angegriffen. Die Stimmen in seinem Kopf erteilten ihm die Erlaubnis, sich zu wehren, und so griff er am Abend des 22. Oktober 2016 zu einer Luftdruckpistole. Der Mann hatte zu Hause ein Arsenal an Luftdruck- und Dekowaffen gehortet, die alle erlaubnisfrei zu erwerben sind, wie die Vorsitzende Richterin sagte. Inzwischen habe der 45-Jährige freiwillig auf all diese Utensilien verzichtet.

Mindestens 80-mal geschossen

Mehreren Menschen hat der Mann seinerzeit einen gehörigen Schrecken eingejagt, und seine Attacken hätten böse enden können. Er schoss während eines Zeitraums von anderthalb Stunden mindestens 80-mal aus verschiedenen Fenstern seiner Wohnung in Weissach im Tal sowohl auf vorbeifahrende wie auf parkende Autos, auf Nachbarhäuser und auf eine Bushaltestelle.

Unfälle hätten leicht passieren können 

Er hätte wohl mit dieser Art Waffe niemanden töten können aus dieser Distanz, verletzen aber schon. Deshalb wertete das Gericht die Attacken des Mannes als versuchte gefährliche Körperverletzungen und versuchte gefährliche Eingriffe in den Straßenverkehr, denn es hätten leicht Unfälle passieren können. Es barsten Scheiben an Autos, Dellen entstanden, und die Opfer müssen fürchterlicher Angst ausgesetzt gewesen sein, konnten sie doch nicht erkennen, um welche Art Geschosse es sich handelte.

Hund beißt den 45-Jährigen bei der Festnahme

Gegen 2 Uhr in der Nacht drangen Polizeikräfte eines Spezialeinsatzkommandos schließlich mit Gewalt in das Zimmer ein, in welchem sich der Mann verbarrikadiert hatte. Im Zuge der Festnahme biss ein Polizeihund den 45-Jährigen in den Oberarm.

Weiter in psychiatrischem Krankenhaus

Bereits wenige Tage später wurde die Unterbringung des Mannes in einem psychiatrischen Krankenhaus angeordnet. Dieser „Unterbringungsbefehl“ bleibt in Vollzug, entschied jetzt eine Schwurgerichtskammer am Landgericht Stuttgart. Die Kammer befürchtet, dass der Mann erneut ähnliche Taten begehen könnte, sollte die Krankheit wieder zutage treten. Dieser Fall kann schnell eintreten, sofern der Mann seine Medikamente nicht einnimmt. Das Gericht sieht bei ihm nach wie vor „keine stabile Einsicht“, dass er kontinuierlich Tabletten nehmen muss.

Zwangsbehandlung angeordnet 

Nach seiner Einlieferung ins Klinikum Weissenau im Kreis Ravensburg verweigerte der Mann wohl zunächst eine Behandlung. Schließlich wurde eine Zwangsbehandlung angeordnet und am 9. März dieses Jahres auch verwirklicht. Seitdem habe sich der Zustand des Mannes erheblich verbessert, hieß es in der Urteilsbegründung weiter. Er habe seine Zwangsgedanken im Nachhinein als „eingebildeten Humbug“ bezeichnet.

Früher schon psychische Probleme

Der Mann hatte schon früher mit psychischen Problemen zu tun. Während seiner Ausbildung zum Gärtner erlitt er eine depressive Phase, die ein Jahr andauerte. Als im Jahr 2015 eine Flüchtlingsunterkunft ganz in der Nähe der Wohnung des Mannes in Weissach im Tal brannte und der 45-Jährige jemanden wegrennen sah, fühlte sich der Mann verfolgt. Zu dieser Zeit trat wohl bereits eine paranoide Schizophrenie bei dem Patienten auf, der zuletzt als selbstständiger Landschaftsgärtner gearbeitet hat. Er vernächlässigte sich immer mehr, ließ seine Kaninchen mit im Bett schlafen, hörte Stimmen und fühlte sich bedroht – hielt sich aber selbst nicht für krank.

Halluzinationen und Wahnbildungen

Die Zentren für Psychiatrie erläutern auf ihren Internetseiten, was unter verschiedenen psychischen Erkrankungen und Störungen zu verstehen ist. Demnach gehört die Schizophrenie zu den Psychosen und ist eine der häufigsten Erkrankungen, die in psychiatrischen Kliniken behandelt werden. Ungefähr ein Prozent der Bevölkerung leide im Laufe des Lebens an einer Schizophrenie. Von 100 000 Menschen erkranken jedes Jahr etwa 150 neu daran.

Charakteristisch für eine Schizophrenie seien Halluzinationen und Wahnbildungen, außerdem komme es zu Störungen des Denkens und der Sprache. Rund 30 Prozent der Erkrankten würden wieder völlig gesund, heißt es weiter.