Winnenden

Schreib- und Spielwaren Kässer im Schelmenholz: Süßis, Stifte und ein Schwätzle

Jacqueline Kässer
Jacqueline Kässer vor dem seit mehr als 50 Jahren am Theodor-Heuss-Platz ansässigen Schreib- und Spielwarengeschäft. © Gabriel Habermann

Kässers Laden ist eine Wundertüte: Es gibt Zeitungen und Rätselhefte. Es gibt Schulranzen und Süßigkeiten. Es gibt Schreibwaren und Spielzeug. Bücher und Wasserfarbenkästen. Die Balance zwischen Pflicht und Kür ist absolut fein austariert in dem großen Geschäft mit den vielen kleinen Dingen. Auch die Muße wird bedient: Es gibt Dekoration fürs Zuhause, und für diejenigen, die's lieber selber machen, ist eine Ecke mit Bastelzubehör eingerichtet. Es gibt sogar etwas eher Lasterhaftes: Zigaretten und Lottospiel. Und so werden auch Träume hier befördert. Der Raucher träumt von seiner Freiheit, der Spieler von der Million.

Die Mitarbeiterinnen sind gute Zuhörer, ja regelrechte Kümmerer

Man muss aber auch sagen: Das mit seinem braunen Fliesenboden vom Outfit her etwas in die Jahre gekommene Geschäft wäre nicht halb so anziehend, wären da nicht diese netten Menschen, die all diese Waren verkaufen. Oh ja, wir haben uns da nicht nur was erzählen lassen, sondern vor Ort ein bisschen Mäuschen gespielt, die Augen aufgemacht und die Ohren gespitzt. Haben erlebt, wie freundlich Jacqueline Kässer mit dem Bub umgeht, der am ersten Tag ohne Maske im Unterricht sein durfte und sie prompt auch im Laden nicht dabeihatte. Er darf trotzdem, aber halt ganz schnell, seine Gummischlangen für 20 Cent kaufen, damit sich die anderen Kunden nicht gestört fühlen.

Mit einem Zeitungsabo würde ein wichtiges Ritual wegbrechen

Mindestens drei ältere Frauen und Herren kommen in einer halben Stunde, die Zeitungen oder Zeitschriften kaufen. „Sie könnten sie sich im Abonnement zustellen lassen. Aber sie möchten ihr Ausflügle hierher machen“, sagt Jacqueline Kässer – das „Pläuschle“ gehört dazu, das Zwischenmenschliche. Sie wollen erzählen, was ihre Kinder machen, was der Arzt zu ihnen sagt. „Ich bin normalerweise eher im Büro, die Kunden wissen genau, welche Mitarbeiterin wann arbeitet, und erkundigen sich nach ihr, wenn sie mal nicht da ist.“ Zu Weihnachten oder Ostern bringen sie Schokolädle oder kleine Präsente.

Andersherum kennen die Mitarbeiterinnen ihre Kunden sehr gut – und kümmern sich. „Wenn zum Beispiel jemand mit Demenz zweimal am Tag kommt, um die gleiche Zeitung zu kaufen, wissen sie das und sagen: Sie ist schon in Ihrer Tasche.“ Jacqueline Kässer wünscht sich so eine würdevolle Behandlung auch für ihre Mutter, wenn sie in solch einer Lage wäre. Es geht so weit, dass die Mitarbeiterinnen für die Stammkunden Sachen in der Stadt einkaufen, die es im Schelmenholz nicht gibt.

Radschloss kaputt, Kind verzweifelt? Bei Kässers darf man um Hilfe bitten

Und auch die Kinder dürfen immer fragen, wenn sie ein Problem haben: „Kürzlich war eins da, dessen Radschloss kaputtgegangen war. Da helfen wir natürlich“, sagt Jacqueline Kässer.

Das Tolle ist: In diesem Familienbetrieb guckt keiner auf die Uhr und sagt: Diese Schwätzle da sind aber nicht betriebswirtschaftlich darstellbar. Niemand versucht, hier den Einsatz der Arbeitskräfte kostennutzenmäßig zu optimieren. Haben sie gar nicht nötig, die Kässers, und wollen sie auch nicht.

Vor etwa 54 Jahren eröffnete Hans Kässer das Geschäft nebenberuflich

Hans Kässer war Schriftsetzer und Korrektor und hat vor etwa 54 Jahren nebenher mit einem kleinen Geschäft am Theo begonnen. Dann zog er damit in den größeren Neubau am Theo und arbeitete irgendwann nur noch im Laden. Seine Frau Melitta bot regelmäßig Bastelkurse an, deshalb war diese Abteilung größer, als sie heute ist. Beide genießen das Rentnerdasein.

Mit dem Laden allein wäre René Kässer nicht glücklich. Ohne ihn erst recht nicht

René Kässer hat den Laden vor etwa sieben Jahren von seinen Eltern Melitta und Hans Kässer übernommen. „Der Umsatz ist stabil. Weil wir wie Bonus, Häfele und Maurer auch örtlicher Nahversorger für 5000 Bewohner sind, der schnell den Bedarf deckt“, sagt der 49-Jährige. Er selbst ist derzeit aber nur samstags vor Ort, weil ihm sein anderer Beruf als angestellter Vertriebstrainer so viel Freude macht. „Ich habe eine kaufmännische Ausbildung, arbeitete eine Zeit lang in Winnenden und eine Weile im Ausland.“ Er studierte berufsbegleitend Betriebswirtschaftslehre. „Ich wollte noch etwas anderes machen. Ich hätte vom Laden leben können, aber ich verwirklichte mich im Trainingsbereich bei verschiedenen Unternehmen.“ Die Doppelarbeit, hier beruflich viel unterwegs, da der stationäre Einzelhandel, ist nicht immer leicht, aber er will es so.

Ehefrau Jacqueline Kässer und Schwester Petra Scherer ziehen voll mit

Das Geschäft zu verkaufen oder gar aufzugeben, wäre ihm aber niemals in den Sinn gekommen, und auch seine Frau Jacqueline, gebürtige Holländerin und gelernte Hotelkauffrau, wollte nicht, dass so eine Institution verloren geht. Und so stemmen die Eltern von zwei Kindern gemeinsam das Geschäft, und auch René Kässers Schwester Petra Scherer, hauptberuflich Flugbegleiterin, arbeitet im Laden mit.

„Es kann doch nicht sein, dass die Leute sich für ihre Zeitschrift oder ein Schreibheft in den Bus setzen oder ein Taxi bestellen müssen, um es zu bekommen.“ Und darüber hinaus möchte René Kässer, erst recht, wo die Banken ihr Personal aus den Filialen abgezogen haben, dass die älteren Menschen ihre Rituale beibehalten können, das betreute Wohnen oder das Pflegeheimzimmer verlassen und einen Ansprechpartner finden. „Von mir ist viel Herzblut dabei, das aktiv zu halten. Viele Kunden kenne ich, seit ich ein kleiner Junge war.“

Kässers Laden ist eine Wundertüte: Es gibt Zeitungen und Rätselhefte. Es gibt Schulranzen und Süßigkeiten. Es gibt Schreibwaren und Spielzeug. Bücher und Wasserfarbenkästen. Die Balance zwischen Pflicht und Kür ist absolut fein austariert in dem großen Geschäft mit den vielen kleinen Dingen. Auch die Muße wird bedient: Es gibt Dekoration fürs Zuhause, und für diejenigen, die's lieber selber machen, ist eine Ecke mit Bastelzubehör eingerichtet. Es gibt sogar etwas eher Lasterhaftes:

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