Winnenden

Schule auf Grün-Schwarz: Gut oder wie?

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Lernen in der grün-schwarzen Regierungszeit: Grundschüler sollen zwei Stunden mehr Mathematik-Unterricht bekommen. © dpa
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Sabine Hagenmüller-Gehring, Leiterin des Staatlichen Schulamts Backnang. © Bernhardt / ZVW

Backnang. Der Koalitionsvertrag, das Zukunftsversprechen der grün-schwarzen Regierung, läutet „das Ende der Kreidezeit“ ein. Schön plakativ. Aber was brauchen die Schulen tatsächlich? Als „recht gut“ beurteilt Sabine Hagenmüller-Gehring, Leiterin des Schulamts Backnang, die politischen Absichtserklärungen. „Damit können wir gut arbeiten.“

Aus dem Koalitionsvertrag der neuen grün-schwarzen Landesregierung: „Für die Perspektive unseres Landes und unserer hochinnovativen Wirtschaft ist die bestmögliche Ausbildung aller Kinder und Jugendlichen deshalb gerade gut genug. Wir wollen sie optimal auf die Herausforderungen der digitalen Welt vorbereiten und läuten mit digitaler Bildung das Ende der Kreidezeit im Klassenzimmer ein.“

Dazu Sabine Hagenmüller-Gehring, Leiterin des Schulamts Backnang und zuständig für Grund-, Haupt-, Werkreal- und Realschulen im Rems-Murr-Kreis: Interaktive Tafeln, Schulnetzwerke und unterschiedlichste digitale Medien sind schon seit längerer Zeit für den unterrichtlichen Einsatz verfügbar und werden auch bereits an vielen Schulen im Rems-Murr-Kreis eingesetzt. Die Ausstattung der Schulen mit digitaler Technik sowie die Unterstützung der Lehrkräfte beim Einsatz digitaler Technik sind nicht die einzigen im Koalitionsvertrag genannten Punkte zur Digitalisierung der Schulen. Betrachtet man weitere, wie z.B. die Einführung einer sicheren, landesweit verfügbaren digitalen Bildungsplattform, die Schaffung eines strukturierten Speicherorts für Lehr- und Lernmaterialien, neue Möglichkeiten der individuellen Förderung auch über größere räumliche Distanzen hinweg, kann man durchaus erkennen, dass sich die neue Regierung den Schwerpunkt der Digitalisierung der Schulen auf die Fahne geschrieben hat. Allerdings sehe ich dadurch kein Ende der Kreidezeit, sondern eine durchaus sinnvolle und zeitgemäße Anpassung an Anforderungen an unsere Gesellschaft. Zeitgemäß und fortschrittlich, aber nicht revolutionär, zumal sich der Wandel sukzessive bereits seit Jahren erkennbar vollzieht.

Unterrichtsversorgung ist herausfordernd

Auszug aus dem Koalitionsvertrag: "Es ist unser Ziel, die Versorgung der beruflichen Schulen mit Lehrkräften weiter zu verbessern, um überall im Land eine stabile und verlässliche Unterrichtsversorgung sicherzustellen. Unser besonderes Augenmerk richten wir dabei auf die Mangelfächer. ... Durch die Erhöhung der Stundentafel (in der Grundschule, die Red.) in den Fächern Deutsch und Mathematik um jeweils zwei Stunden wollen wir mit Start des neuen Bildungsplans die Grundfertigkeiten Lesen, Schreiben, Rechnen stärken. Dazu gehört auch das Erlernen der Schreibschrift."

Die Unterrichtsversorgung (aller Schulen, Anm. d. Red.) stellt uns immer wieder vor große Herausforderungen. (Ich) hoffe sehr, dass es uns gelingen mag, die Unterrichtsversorgung verlässlicher und „handhabbarer“ zu machen.

"Für den anschließenden Übergang auf die weiterführende Schule verständigen wir uns darauf, die verbindliche Grundschulempfehlung nicht wieder einzuführen. ... Die Grundschulempfehlung ist der weiterführenden Schule vorzulegen. Die Schule kann im Anschluss mit Eltern ein verbindliches Beratungsgespräch führen."

Dass künftig wieder die Grundschulempfehlung in den weiterführenden Schulen vorgelegt werden muss, ist interessant. Warten wir ab, was es hinsichtlich der Zusammensetzung der Klassen in den einzelnen weiterführenden Schularten bewirkt. Ich hoffe allerdings sehr, dass Eltern dadurch nicht unter Druck gebracht werden, sondern dass das Beratungsgespräch von Seiten der Schule und von Seiten der Eltern gut genutzt wird, um Entscheidungen zu reflektieren.

"(Das Gymnasium) ist und bleibt eine tragende Säule der Schullandschaft in Baden-Württemberg. ... Wir wollen das G 8 so weiterentwickeln, dass Schülerinnen und Schüler besser und intensiver individuell gefördert werden können."

Ich bin froh darüber, dass es beim G 8 bleibt. Kinder, für die die Anforderungen im G 8 zu hoch sind, können in unseren Gemeinschaftsschulen und Realschulen sehr gut auch im erweiterten Niveau gefördert werden und ihren Weg bis zum Abitur fortsetzen.

"Wir werden den Gemeinschaftsschulen weiterhin die notwendigen Ressourcen für ihre anspruchsvolle Arbeit zur Verfügung stellen. ... (Wir werden) auf die dauerhafte stabile Zweizügigkeit der Standorte achten. ... In Eigenverantwortung (können Gemeinschaftsschulen) ab Klasse 8 die Fächer Deutsch, Mathematik, Fremdsprache und die naturwissenschaftlichen Fächer in leistungsdifferenzierten Gruppen ... unterrichten. ... Einer Gemeinschaftsschule, die die gesetzlich vorgeschriebene Mindestschülerzahl von 60 erreicht, wird die Einrichtung einer Oberstufe ermöglicht."

Froh bin ich vor allem darüber, dass die Gemeinschaftsschulen nicht infrage gestellt werden, die Arbeit in den Gemeinschaftsschulen als anspruchsvoll bewertet wird und den Schulen die dafür notwendigen Ressourcen auch weiterhin zur Verfügung gestellt werden sollen. Dass das ursprüngliche Konzept lediglich an Stellen angepasst wird, an denen es aus meiner Sicht ohnehin immer wieder geholpert hat, ist nach meinem Dafürhalten zielführend. Auch das geplante Vorgehen im Hinblick auf eine mögliche Oberstufe an Gemeinschaftsschulen ist aus meiner Sicht in Ordnung.

Konkurrenz zwischen Realschule und Gemeinschaftsschule überwinden

"Wir werden eine gerechte Balance in der Ressourcenausstattung herstellen. Die Realschule braucht Planungssicherheit für ihr differenziertes pädagogisches Profil."

Ich wünsche mir – wie ich dies in der Vergangenheit ja schon mehrfach formuliert habe –, dass sich für die vielfach deutlich spürbaren und vielerorts auch belastenden Konkurrenzsituationen zwischen Realschule und Gemeinschaftsschule Lösungen finden lassen und wir es endlich schaffen, dass die Diskussion um Schularten zugunsten einer Diskussion um eine der Heterogenität angemessenen Pädagogik überwunden wird. Ich bin davon überzeugt, dass sich die beiden Schularten hinsichtlich ihrer Aufgaben und ihrer pädagogischen Möglichkeiten immer mehr angleichen. Schulartenbezeichnungen müssen deshalb zwangsläufig in den Hintergrund treten.

Kinder sind das Wertvollste, das wir haben. Ihnen die beste Bildung mit auf den Weg zu geben, hat für uns höchste Priorität. Ob Cleverle oder Träumerle, ob Überflieger oder Spätstarter: Jeder junge Mensch soll etwas aus seinem Leben machen und den für ihn besten Bildungsabschluss erreichen können.

An vielen Stellen kann eine Weiterarbeit am Begonnenen stattfinden, so dass ich mir insgesamt erhoffe, dass wieder mehr Ruhe einkehrt und die Schulen ohne stetige Veränderungen ihre begonnene Arbeit fortsetzen und auch weiterentwickeln können.

 

Integration und Inklusion

  • Der Koalitionsvertrag beschäftigt sich auch mit dem Thema Integration von Ausländern und Inklusion von behinderten Kindern.
  • Beispielsweise soll überprüft werden, ob Kindern mit Migrationshintergrund an Ganztagsschulen Unterricht in der Muttersprache angeboten werden kann.
  • Sabine Hagenmüller-Gehring bezeichnet das als „interessant“. Sie erklärt, dass es ihrer Meinung nach zur Willkommenskultur gehört, auch Herkunftssprachen wertzuschätzen.
  • Hagenmüller-Gehring hofft auch, dass der islamische Religionsunterricht ausgebaut wird.
  • Zur Inklusion behinderter Kinder schreibt Hagenmüller-Gehring: „Der Koalitionsvertrag sagt nichts wesentlich Neues zur Inklusion und zur Entwicklung des Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrums (der ehemaligen Förderschule, die Red.) aus, so dass ich einfach hoffe, dass wir in Ruhe mit den Schulen zusammen die Entwicklung vollziehen können“.
  • Damit ist die Herausforderung gemeint, gleichzeitig innerhalb der Förder- und Sonderschulen zu unterrichten und Kinder auch inklusiv in Klassen mit nichtbehinderten Kindern zu beschulen.