Winnenden

Schulsozialarbeit in Winnenden: „Viele Schüler sind viel schneller auf 180“

Schulsozialarbeit
Die Schulsozialarbeiterinnen Samantha Püttmann und Sophia Blocher vor dem Georg-Büchner-Gymnasium. © Alexandra Palmizi

Viele Kinder sind nach zwei Jahren Corona-Pandemie leichter reizbar, konsumieren deutlich jünger und intensiver digitale Medien und tun sich schwer im Zusammenleben mit anderen. Das stellen die Schulsozialarbeiterinnen Samantha Püttmann und Sophia Blocher täglich fest. Neben der Arbeit mit ganzen Klassen nehmen die Einzelfallberatung und die Unterstützung der Eltern zu. „Die meisten Themen sind vor Corona schon aufgetaucht, aber vieles hat sich verstärkt. In der Grundschule hatten wir zum Beispiel das Thema Medien nicht so präsent, wie wir es jetzt haben“, sagt Sophia Blocher, die an der Grundschule Birkmannsweiler im Einsatz ist.

Vor 15 Jahren gab es in Winnenden noch fast keine Schulsozialarbeit

Zwölf Schulsozialarbeiterinnen arbeiten aktuell an den Winnender Schulen, allerdings verteilt auf 7,75 Vollzeitstellen. Hinzu kommt ein dualer Student. 2007 hatte es noch nur eine 75-Prozent-Stelle für die vier großen Schulen am Bildungszentrum II gegeben. „Das war eine Mammutaufgabe, kaum zu schaffen“, sagte der stellvertretende Jugendamtsleiter Manuel Schulz im März im Verwaltungsausschuss. In den Jahren nach dem Amoklauf 2009 wurde personell deutlich aufgestockt. Stichwort: Prävention. „Wir haben in kurzer Zeit eine gute Struktur aufgebaut“, findet Schulz.

An den Schulen würde den Kindern und Jugendlichen „Unterstützung mit hoher Qualität“ angeboten. „In der Fläche sind wir gut aufgestellt, aber an einigen Schulen an der Kapazitätsgrenze angelangt.“

Kinder nach dem Lockdown: „Wie verhält man sich in einer Klasse?“

Das hat, wie aus einem Bericht der Schulsozialarbeit in Winnenden hervorgeht, der in der Ausschusssitzung den Gemeinderäten präsentiert wurde, auch mit der Corona-Pandemie zu tun und mit den Lockdowns nach Ausbruch des tödlichen Virus 2020. Kinder und Jugendliche begaben sich seither mehrfach wochenlang in Isolation, um Infektionswellen zu brechen. Weniger zum eigenen Schutz, weil das Virus für junge Menschen in den meisten Fällen nicht gefährlich ist, als zum Schutz von Älteren und Kranken.

Als die Kinder und Jugendlichen dann wieder dauerhaft in die Klassenzimmer zurückkehrten, unter starken Einschränkungen freilich, hatten die Schulsozialarbeiterinnen alle Hände voll zu tun, wie Samantha Püttmann und Sophia Blocher im Ausschuss berichteten. Es ging darum, das Wir-Gefühl in der Klassengemeinschaft unter Corona-Bedingungen zu stärken, Konfliktlösungen aufzuzeigen, die Bedeutung von Kompromissen im Miteinander neu zu verankern, kurz, sagt Sophia Blocher, es ging darum, die Frage zu klären: „Wie verhält man sich in einer Klasse?“ „Es war alles anders, als es Online-Unterricht gab – und plötzlich kamen alle wieder zusammen“, erinnert sie sich.

Gerade bei Kindern im Grundschulalter, wo Nähe und Distanz ein wichtiges Thema sind, hätten Abstands- und Hygieneregeln große Unsicherheiten hervorgerufen: „Viele haben sich gefragt: Was darf ich überhaupt noch? Ich brauche doch auch mal jemanden, der mich in den Arm nimmt!“

Die Kinder saßen nicht nur für die Schule vor dem Bildschirm, sondern auch danach

Deutlich mehr wird laut Sophia Blocher seit Corona in den Grundschulen über den Umgang mit digitalen Medien gesprochen. Für die Schule saßen die Kinder oft vor dem Bildschirm, zum Beispiel in Videokonferenzen oder um Unterrichtsmaterial herunterzuladen aus der Cloud. Aber auch in der kontaktarmen Freizeit, während die Mütter und Väter neben der Kinderbetreuung selbst im Home-Office gearbeitet haben. „Manche Eltern haben das Kind dann eben vor den TV oder PC gesetzt, um alles irgendwie hinzukriegen“, sagt Sophia Blocher. Wie ein Vorwurf klingt das nicht. Mitunter fehlte dabei jedoch die Kontrolle über das, was der Nachwuchs eigentlich konsumierte.

Gerade für die Entwicklung von Kindern, die sowieso Probleme haben, ihre Aggressionen im Zaum zu halten, sind gewalttätige TV-Serien oder Spiele wenig förderlich. Mit genau solchen Fällen hatten und haben es die Schulsozialarbeiter aber jetzt zu tun.

„Viele Schüler sind viel schneller auf 180, als sie es früher waren“

„Viele Eltern haben ihre eigenen Themen zu Hause“, sagt Samantha Püttmann, Schulsozialarbeiterin am Georg-Büchner-Gymnasium, „deshalb wurde gar nicht aufgearbeitet, welche Sorgen die Kinder haben.“ In einzelnen Fällen spricht Püttmann gar von „Verwahrlosung im Elternhaus“.

„Wir stellen fest: Viele Schüler sind viel schneller auf 180, als sie es früher waren“, sagt die Schulsozialarbeiterin. Andere hätten regelrechte Phobien entwickelt, zum Beispiel die Angst davor, in die Schule zu gehen. „Das Thema Schulabstinenz hat enorm Fahrt aufgenommen“, sagt Püttmann. Manche Schüler erschienen gefühlt nur jeden zweiten Tag zum Unterricht. Ein Grund? Der große Druck, wieder Prüfungen und gute Noten schreiben zu müssen.

Andere kommen jetzt zwar wieder, haben aber 2020/2021 fast das ganze Schuljahr verpasst, weil sie aus Sorge um Familienmitglieder mit Vorerkrankungen zu Hause geblieben sind. „Da ist viel auf der Strecke geblieben“, sagt Samantha Püttmann.

Die Schulsozialarbeit wird womöglich weiter aufgestockt

Natürlich hat Corona die Arbeit der Schulsozialarbeiterinnen massiv erschwert. Lange waren persönliche Treffen nicht möglich. Später gab es Fälle, in denen Eltern nicht zum Gespräch erschienen, weil sie keine Maske tragen wollten. Hinzu kommt, dass nicht nur die Fallzahlen zunehmen, sondern die Probleme der Kinder und Jugendlichen immer anspruchsvoller zu lösen sind.

Wie Bürgermeister Norbert Sailer im März im Verwaltungsausschuss ankündigte, soll in den nächsten Jahren geprüft werden, ob es weitere Sozialarbeiter braucht. Er ist sicher: „Wir werden Bedarf erkennen und in den Stellenplan einbringen.“

Viele Kinder sind nach zwei Jahren Corona-Pandemie leichter reizbar, konsumieren deutlich jünger und intensiver digitale Medien und tun sich schwer im Zusammenleben mit anderen. Das stellen die Schulsozialarbeiterinnen Samantha Püttmann und Sophia Blocher täglich fest. Neben der Arbeit mit ganzen Klassen nehmen die Einzelfallberatung und die Unterstützung der Eltern zu. „Die meisten Themen sind vor Corona schon aufgetaucht, aber vieles hat sich verstärkt. In der Grundschule hatten wir zum

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