Winnenden

Schulsozialarbeiterin: Der Schlüssel ist das Verzeihen

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Schulsozialarbeiterin Anja Rau im Gespräch mit Schülern. Ihre offene, freundliche und direkte Art kommt bei ihnen gut an. © Ralph Steinemann Pressefoto

Schwaikheim. Einen Weg oder eine Lösung zur Versöhnung gibt Anja Rau nicht vor. Das kann sie gar nicht, macht die Schulsozialarbeiterin der Ludwig-Uhland-Schule deutlich. Wenn ein Streit unter Schülern ausbricht, müssen sie selber herausfinden, welcher Weg für sie der Richtige ist. Nicht selten machen sie die Erfahrung, dass die Frage nach dem Warum, sehr schmerzhaft sein kann.

Im Zimmer von Anja Rau steht eine Couch, gemütlich und groß genug, dass dort drei oder sogar vier Leute Platz haben. Eigentlich der ideale Ort für ein Krisengespräch. „Viel lieber sitzen die Schüler am Tisch“, sagt die 37-Jährige und deutet auf die andere Seite ihres Büros im „Pavillon drei“ der Schwaikheimer Gemeinschaftsschule. „Hier kann man sich anschauen, muss es aber nicht“, fügt sie hinzu und zwinkert dabei mit einem Auge. Die Tischform erinnert an einen großen Klecks. Das Unregelmäßige dabei mit den vielen Einsparungen hat etwas Heimeliges. Man kann sich abstützen und festhalten – ganz gleich, in welche Richtung man schaut. Das geht auch, wenn man sich den Rücken zukehrt. Manchmal brauchen das die Schüler, wenn sie auspacken, was sie bedrückt. Bei so einem Gespräch fließen auch mal Tränen.

Frage nach dem Warum kann schmerzhaft sein

Wichtig für das Versöhnen ist das Verzeihen, so Rau. „Sonst kann ich mit der Sache nicht abschließen“, weiß die Schulsozialarbeiterin. Dabei taucht auch die Frage nach dem Warum auf. Die Antwort darauf, die der Schüler von seinem Gegenüber erfährt, ist nicht unbedingt angenehm.

Es gibt nicht die eine Lösung – der Schüler muss seinen Weg finden

Bei Gesprächen bezieht sie keine Position. „Ich bleibe neutral“, sagt sie. Das ist ihr wichtig. Auch wenn sich ein Schüler lieber in seiner Meinung bestätigt sieht. Das wird nicht passieren. Gemeinsam versuchen sie einen Weg zu finden, der für alle Beteiligten passt. Anja Rau gibt keine Lösung vor. „Das kann ich gar nicht“, sagt sie gerade heraus. Die eine Lösung gibt es nicht. Es soll eine Hilfe zur Selbsthilfe sein. Sie gehen der Frage nach, was der andere ändern kann, damit das Miteinander in Zukunft besser funktioniert. „Ob das beherzigt wird, ist wieder eine andere Sache“, so Rau.

Der Besuch bei Anja Rau ist keine Pflicht

Es ist noch nicht lange her, als zwei Schüler der Sekundarstufe hier im Büro saßen. Es ging um einen Streit und einen Keil, der sich hieraus durch die gesamte Klasse zog. Es entstanden zwei Gruppen, weil Schüler zu ihrem Freund oder Freundin hielten. Hier im Büro konnten sich die beiden aussprechen. „Es kam heraus, dass einer etwas falsch aufgeschnappt hatte und dies weitererzählte“, so Rau. Ein Missverständnis – nichts weiter. Mit einer Aussprache war die Nuss geknackt, nachdem der eine dem anderen klar machte, dass er Dinge direkt ansprechen und nicht hinterm Rücken etwas behaupten würde. Wahrscheinlich reicht es nicht für eine Freundschaft. Das muss es auch nicht, aber wenigstens für ein gepflegtes Miteinander. Darauf kommt es in einer solch großen Schulgemeinschaft wie hier an der Ludwig-Uhland-Schule an. „Ich verteile keine Strafarbeiten“, sagt Anja Rau. Der Besuch in ihrem Büro, das mit der Tafel an der Wand an ein ehemaliges Klassenzimmer erinnert, ist keine Pflicht, kein Nachsitzen, sondern basiert auf einer Empfehlung beispielsweise seitens des Lehrers. Niemand wird gezwungen. Manche Schüler wollen auch nicht reden, ihre Gefühle nicht offen zeigen. „Das ist okay“, so Rau.

Die Bedeutung von Ärgerdrache und Schatzkiste

Neben der Beratung und Einzelfallhilfe ist ein weiteres Steckenpferd von Anja Rau die sozialpädagogische Gruppenarbeit. Mit der Klassenstufe eins führt sie beispielsweise das Soziale-Emotionale-Kompetenztraining durch. Kinder üben dabei, wie sich unterschiedliche Situationen anfühlen. Was passiert, wenn man sich in der Reihe einfach nach vorne drängelt, weil man keine Lust hat zu warten. Sie übt mit ihnen, wie man stattdessen reagieren kann beispielsweise, indem man mit den anderen spricht und fragt, ob man nach vorne darf. „Kinder müssen ein Gefühl dafür entwickeln, was dem anderen wehtut“, sagt Rau. Sie lernen die Bedeutung von Ärgerdrache und Schatzkiste und erfahren, wie das eigene Verhalten den anderen verletzen kann sowie die Frage, ob man das mit dem eigenen Gewissen vereinbaren kann. Kinder sollen lernen, dass sie Egoismus nicht weiterbringt. „Wir leben in einer Gesellschaft. Wenn alle Kinder zu Egoisten erzogen werden, gebe es nur noch Streit ohne Einigung und Kompromisse“, ist sich Rau sicher. Das Projekt wurde vor einem Jahr an der Schule für Erstklässler eingeführt – erstmals findet es als Fortführung in der Klassenstufe zwei seinen Raum im Unterricht.

Rau versucht Türen zu öffnen

Anja Rau ist Vermittlerin – hier in ihrem Büro kommt zusammen, was gerade nicht zusammen zu passen scheint. Sei es Lehrer und Schüler oder Eltern und Kinder. Da muss gar nicht unbedingt ein Streit der Auslöser sein. Schüler fühlen sich vom Lehrer missverstanden und ungerecht behandelt. Eltern finden gerade keinen Zugang zu ihrem Kind. Manchmal steht die Pubertät im Weg, so eine einfache Bitte den Nachwuchs auf die Palme bringt, weil er die Bitte mit seinem sogenannten Beziehungsohr gehört hat und etwas reininterpretiert hat, was gar nicht Gegenstand der Bitte ist. Hier geht es um die Frage: Wie höre ich zu? Anja Rau versucht Türen zu öffnen, wo Eltern nur noch auf Schloss und Riegel stoßen, fungiert als Vermittlerin, die niederschwellig eine Richtung andeutet, in welche es im nächsten Schritt gehen kann – stets mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen.


Probleme in der Familie

Es kam schon vor, dass sich ein Schüler plötzlich anders verhielt. Einmal war die Scheidung der Eltern der Grund, einmal ein Todesfall in der Familie. Anja Rau versucht Wege aufzuzeigen, welche die Familie unterstützen, manchmal ist sie auch Vermittlerin zum Jugendamt.