Winnenden

Schwäbisch-gut: Ein Autodesigner aus Schwaikheim stellt sich vor

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Autodesigner arbeiten international – und doch hat jedes Land seine eigenen Formen. Sinisa Brigljevic erlebt das immer wieder. © Laura Edenberger
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Industriedesign
Perfekte Zeichnung: Frontstudien von Sinisa Brigljevic. © Büttner / ZVW

Schwaikheim. Für Kärcher hat er schon an einer Sitz-auf-und-fahr-durch-die-Halle-Wischmaschine gearbeitet, zurzeit ist er in Schweden, feilt am nächsten Saab. Er war in Italien, in Japan, in den USA. Sinisa Brigljevic, Designer aus Schwaikheim, ist unterwegs in der ganzen Welt, denn das schöne Auto ist international. Und doch ist Design ganz national eigen.

Video: Sinsia Brigljevic, Auto- und Industrie-Designer aus Schwaikheim, entwirft das Auge der Fahrzeuge - den Scheinwerfer.

Wenn der neue Golf Form annimmt, dann wird diese Form in Ton modelliert. Clay-Modell heißt das, und der Autodesigner sieht dann in 3 D und eins zu eins, was er zuvor auf dem Papier entstehen ließ. Wenn’s noch nicht ideal ist, was da steht, dann wird die Linie verändert. Jawohl, richtig von Hand, der Ton lässt sich ja verformen.

Sinisa Brigljevic war bei Alfa, Fiat und Lancia

In Italien, sagt Sinisa Brigljevic, wird kein Tonmodell gebaut. Italiener arbeiten mit Hartmodellen aus Ureol oder feinem Styropor. Da kann nichts mehr ummodelliert, verschlankt, gekurvt, gestaucht oder gezogen werden. Höchstens ein bisschen verspachtelt. Wer richtig ändern will, muss noch mal fräsen. Sinisa Brigljevic war schon in Italien. Er hat bei Fiat, Lancia und Alfa mitgearbeitet. Er kennt den Zusammenprall der Arbeitskulturen, der Arbeitseinstellungen.

Eindrücke aus Japan und Schweden 

In Japan, sagt er – er hat an einem Nissan-Infinity-Modell mitentworfen – leben und sterben die Mitarbeiter für ihre Firma. Sie sind extrem diszipliniert, sie arbeiten bis in die Nächte – und das nicht nur, wenn ein Projekt fertig werden muss, eine Präsentation naht oder sonst ein Höhepunkt ansteht. Und: „Es wird nicht hinterfragt. Man gehorcht.“

In Schweden dagegen entscheide die Gruppe. „Hier reden sogar Mitarbeiter mit, die gar nichts mit dem Entwurf zu tun haben.“ Gemeinsam werde versucht, das Beste zu schaffen. Die Hierarchie sei flach, auch wenn es sehr wohl Design-Chefs gebe.

Als freier Designer schon vieles entworfen 

Sinisa Brigljevic ist freier Designer. Er bewirbt sich mit ersten Entwurfszeichnungen oder wird von einer Agentur an die suchenden Autobauer vermittelt. Er hat für BMW entworfen und für Skoda, ein Porsche 911 trägt seine Linien. Er war bei Opel, bei Volvo Trucks, bei Qoros in China und bei Magna Steyr in Österreich. Für Bosch hat er mal – da ist er ein klein wenig von der Auto-Spur abgewichen – einen Fahrsimulator entworfen. Da sind Auto-Fachleute halt auch nicht falsch. Und die große Industriehallen-Reinigungsmaschine für Kärcher wurde durch ihn, na ja, einfach ein bisschen schnittiger.

Autodesigner müssen die Marke bedienen 

Der Laie sieht Sinisa Brigljevics Entwürfe nicht aus dem Gesamtprodukt heraus. Er sei, sagt er, kein Philippe Starck. „Das ist nicht meine Aufgabe.“ Autodesigner, freie vor allem, müssen die Marke bedienen, nicht mit Sperenzchen glänzen. Der neue Golf bleibt ein Golf, massentauglich, gewohnt zuverlässig. Vielleicht ein bisschen sportlicher. Da setzt der Designer an. Da sucht er in der Zeichnung die neue Seitenlinie, legt Transparentpapier über Transparentpapier, verschiebt, verzieht, geht wieder zurück im Entwurf, zeichnet neu. Mitzubedenken: die gesetzlichen Anforderungen. Die Lampe muss rundum leuchten, der Blinker muss überall zu sehen sein, der Kühler bleibt flach, damit bei einem Unfall möglichst nichts passiert. Entsprechende Figuren? Markante Frontansichten? Aus und vorbei. Design-Vergangenheit.

Marke bleibt Marke

Zu Persönliches, Individuelles? „Es kann schon passieren“, sagt Brigljevic, „dass der Chef kommt und sagt: Vergiss das! Das wollen wir gar nicht sehen.“ Marke bleibt Marke, ihr Design-Prinzip steht. Wer für eine neue Marke arbeiten will, muss sich der Linie anschmiegen. Freilich kommt’s vor, dass ein Design-Chef von der einen zur anderen Marke wechselt. „Dann“, sagt Sinisa Brigljevic, „kann es passieren, dass man Linien sieht, die bei Alfa waren und dann bei VW auftauchen“.

Die Design-Prinzipien 

Die Linien sind wieder durch die Kultur geprägt. Schwedisches Design? „Kühl, schlicht, funktional, kein Schnickschnack.“ Asiaten? „Viel Blinkblink, wild, aggressiv, da weiß man nicht, wo vorn und hinten ist.“ In den USA läuft Groß und Mächtig, in Deutschland bekommen die SUVs inzwischen Westentaschenformat. Wechselt aber ein Walter Maria de Silva von Italien nach Wolfsburg, wird ein Audi erotisch – das südliche „dolce far“ ist in Deutschland angekommen – ein bisschen wenigstens.

Und das Auto der Zukunft? Wie wird das aussehen? „Man will wieder zeitlos“, sagt Sinisa Brigljevic. Ein bisschen wie „Braun-Design“. Auf immer einfach schön.

Ein Musterbeispiel für den zweiten Bildungsweg

Sinisa Brigljevic ist, so sagt er, das klassische Beispiel für den Spruch, der in letzter Zeit Werbung fürs deutsche Schulsystem macht: Kein Abschluss ohne Anschluss.

In der Grundschule nur mit Deutsch-Nachhilfe durchgekommen – die Eltern sprachen daheim ausschließlich Kroatisch – machte er nach dem Hauptschulabschluss erst eine Lehre als Werkzeugmacher.

Dann arbeitete er bei Daimler fünf Jahre am Band.

An der Abendschule machte er sein Fachabitur nach, wollte erst bei Daimler den Techniker machen und entschied dann: Ein Studium ist noch besser.

Er bewarb sich an der Fachhochschule für Wirtschaft, Technik und Gestaltung in Pforzheim im Bereich Automobildesign und wurde angenommen.

In der Mappe für die Bewerbung fanden sich nur Aktbilder und Stillleben. Akt und Stillleben, sagt Brigljevic, verlangen genau das, was ein Autodesigner braucht: räumliches Erfassen und Darstellen. Die Bilder hatte er in Volkshochschulkursen gemalt.