Winnenden

Sechsjährige klären Diebstahl auf

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Der gestohlene und von den Dieben zurückgebrachte Kaugummiautomat. © Alexander Becher

Backnang. Diese Knilche sollten den Kindergarten putzen, und zwar von oben bis unten. Sechsjährige aus Backnang würden diese Art Strafe gern drei Jugendlichen aufbrummen, die vor ihren Augen einen Kaugummiautomaten geklaut haben. Dank der Zeugenaussagen der Kinder erwischte die Polizei die Diebe im Nu.

Als „Jung-Kriminalisten“ lobt die Polizei die Kinder: „Ohne deren Hinweise hätte der Kriminalfall kaum so schnell gelöst werden können.“ Ylidrit sieht das ganz genauso. „Wir sind jetzt gute Detektive“, sagt der Vorschüler, und seine Kollegen im Backnanger Kindergarten Lindenstraße pflichten ihm bei.

Kürzlich saßen die Jungen und Mädchen gemütlich beisammen und bastelten ihre Schultüten. „Dann haben wir zwei Jungs gesehen, die saßen auf unserem Zaun. Und dann ist noch einer dazugekommen“, erzählt Sheyla. Einer der Jugendlichen hatte eine Schaufel dabei. Fassungslos schauten die Kinder zu, wie die drei Kerle draußen einen alten, orange-gelben Kaugummiautomaten eben mal wegrissen und wegtragen wollten. „Und dann hat Frau Retter Hallo!, Hallo! gerufen - und dann die Polizei angerufen“, berichtet Sheyla weiter.

Kinder hatten noch Tage später Angst

Die Kindergartenleiterin Martina Retter wirkte beruhigend auf die Kinder ein; manche packte regelrechte Angst, das ist noch Tage später im Gespräch mit den Kindern zu spüren. Manch ein Kind traut sich wegen des Vorfalls nicht mehr, allein den Weg zum Kindergarten zurückzulegen. „Ich hatte Angst, die haben Pistolen oder die klauen Kinder“, erzählt Sham: „Mein Herz hat so geklopft.“

Trotz der Aufregung lieferten die Kinder der Polizei eine sehr gute Beschreibung der Diebe, wie es hinterher im Polizeibericht hieß. Eine weitere Zeugin beobachtete die Diebe später beim Spielplatz, woraufhin die Polizei zwei 17-Jährige und einen 18-Jährigen dingfest machen konnte. „Die Beweislast war durch die Augenzeugen derart groß, dass sie den Diebstahl rasch einräumten“, so die Polizei.

Diebe mussten den Automat zurückbringen - unter tosendem Applaus der Kita-Kinder

Ylidrit hätte erwartet, dass die Polizei die bösen Buben in Handschellen abführt. Zumal es die Kerle, glaubt Ylidrit, nicht auf die Kaugummis, sondern natürlich aufs Geld abgesehen hatten. So schnell legt die Staatsmacht aber keine Fesseln an: Die Beamten ließen die Jugendlichen den Automaten eigenhändig an dessen Ursprungsort zurücktragen - „dies unter dem tosenden Applaus der mächtig stolzen Jung-Kriminalisten“. Den Dieben droht weiterer Ärger. Sheyla, Yagmur, Melek, Ylidrit, Sham und die anderen beteiligten Kinder glauben, sie würden die Jugendlichen auch jetzt noch wiedererkennen. Sofern sie dieselben Klamotten tragen.

Richter: Kinder sind als Zeugen durchaus ernstzunehmen

Kinder sind als Zeugen durchaus ernstzunehmen. Bereits ab einem Alter von sechs Jahren „nähern sich die Berichte über erlebte Ereignisse in ihrer Organisation und Logik den Darstellungen von Erwachsenen an“, erläutert Dr. Frank Maurer, Vorsitzender Richter einer Großen Strafkammer am Landgericht Stuttgart. Er befasst sich seit langem mit Aussagepsychologie, Glaubhaftigkeitsanalyse, Befragungslehre und Befragungstaktik.

Wer Kinder als Zeugen befragt, muss natürlich anders vorgehen, als es in einer Vernehmung Erwachsener üblich ist. Kinder brauchen mehr Zeit, um zu verstehen, worum es geht, um die Fragen zu begreifen, über sie nachzudenken, Informationen aus dem Gedächtnis abzurufen und schlussendlich „diese Informationen in Wort zu fassen und diese Worte auszusprechen“, so beschreibt Dr. Maurer die Unterschiede. Der Fragesteller muss sehr aufpassen, dass er das Kind nicht beeinflusst. Allzu leicht könnten Kinder dazu neigen, einer erwachsenen Autoritätsperson einfach das zu erzählen, was der Erwachsene ihrem Eindruck nach hören will. Kinder sind für Suggestionen empfänglicher als Erwachsene, so Dr. Maurer.

Junge Kinder können keine komplexen Lügengeschichten konstruieren

Was anderes sind Lügen. Jüngere Kinder könnten zwar was Falsches erzählen, aber sie werden es nicht schaffen, eine komplexe Lügengeschichte zu konstruieren, betont der Richter. Etwas nicht Erlebtes bewusst zu erfinden, das setzt nicht zu unterschätzende Leistungen des Verstands voraus. Nicht umsonst heißt es in Gerichtsberichten öfter, ein Angeklagter habe sich in Widersprüche verstrickt.

Ob sich die jugendlichen Kaugummiautomatendiebe zu Hause bei den Eltern in Widersprüche verstrickt haben, ist nicht überliefert. Gardinenpredigt, Hausarrest, Handyentzug - wer weiß, womit die Jungs ihre reichlich unbedachte Tat büßten. Ärger gab’s auf jeden Fall, und „das freut mich“, sagt Sham.


Kaugummiautomat

Kaugummiautomaten kamen in der Nachkriegszeit mit den Kaugummis nach Deutschland. Also vor rund 70 Jahren. Der typische Kaugummiautomat ist eine rein mechanische Konstruktion. Es wird eine Münze eingeworfen, die beim Bedienen des Drehgriffs einen Mechanismus auslöst, der die Münze in den Sammelbehälter fallen lässt und die Ware freigibt und ins Ausgabefach fallen lässt. Heute gibt es nur noch wenige Kaugummiautomaten, die im Freien stehen. Vielen Menschen sind sie auch aus hygienischen Gründen nicht geheuer. (Wikipedia)