Winnenden

Selbst ernannter Streitschlichter schlägt zu - vor Gericht schwört er Drogen und Alkohol ab

Polizei
Symbolfoto. © ZVW/Gaby Schneider

Neun Monate Haft, die auf zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden, die Übernahme der Verfahrenskosten, 60 Stunden gemeinnütziger Arbeit und die Überstellung in die Obhut eines Bewährungshelfers, so lautete das Urteil, das Richter Armin Kärcher am Montag, 22. März, in der Hauptverhandlung verhängte. „Der Bewährungshelfer wird sich nicht nur darum kümmern, dass Sie die Arbeitsstunden auch tatsächlich ableisten. Er steht Ihnen auch sonst zur Seite und hilft Ihnen beim Umgang mit den Behörden. In diesen zwei Jahren haben Sie Zeit und Gelegenheit zu zeigen, dass Sie sich an die geltenden Regeln halten werden“, so der Richter unter Hinweis auf zwei Vorstrafen, die, wie auch die aktuelle Anklage, im Zusammenhang mit Aggressionsdelikten standen. Während es damals um Bedrohung und Beleidigung ging, lautete dieses Mal die Anklage im Waiblinger Amtsgericht auf gefährliche Körperverletzung. Und trotz des Einsatzes der überaus routiniert im Hintergrund agierenden Dolmetscherin war die Wahrheitsfindung für Richter und Staatsanwalt an diesem Vormittag mit einigen Mühen verbunden. Als Erschwernisse erwiesen sich dabei nicht nur die Plastikscheiben zwischen den Sitzplätzen und die inzwischen zum Alltag gehörenden Masken. Wiederholt musste nachgefragt und erklärt werden. Ihnen war es auch zuzuschreiben, dass manche Frage zwei-, dreimal wiederholt werden musste und dass anstatt des Angeklagten zunächst der Geschädigte auf der Anklagebank Platz nahm, der eigentlich als Zeuge zu dem Geschehen befragt werden sollte.

Der 1996 geborene Angeklagte stammt, so seine Ausführungen vor Gericht, aus Gambia, das er 2013 verlassen habe. Er lebe seit 2015 in Deutschland und habe bis vergangenen Dezember „bei BMW“ als Automechaniker gearbeitet. Über seinen Asylantrag sei bisher noch nicht entschieden worden. Am 27. Juli vergangenen Jahres gegen 20 Uhr habe er sich im Flur des ersten Stocks der Asylbewerberunterkunft in der Albertviller Straße aufgehalten, zusammen mit zwei Mitbewohnern. Die beiden seien in Streit geraten. Der Geschädigte sei wütend geworden und habe angefangen, seinen Gesprächspartner zu beschimpfen. In dieser Situation will der Angeklagte versucht haben, den Streit zu schlichten. Doch der Geschädigte habe ihn ebenfalls beschimpft und ihm gesagt, er wolle sich mit ihm nicht unterhalten.

Die Schilderung des Angeklagten

Der Angeklagte sei dann weggegangen, später zurückgekehrt und dem Geschädigten wieder begegnet „Schau, was dein Freund gemacht hat“, habe der ihm vorgeworfen und auf eine blutende Wunde am Kopf gezeigt. Auf dem Fußboden seien Glasscherben gelegen. Als kurz darauf die inzwischen alarmierte Polizei eingetroffen sei, habe der Geschädigte ihnen zugerufen „Der Motherfucker sitzt hier oben“, ihm sein Handy aus der Hosentasche gezogen und es so heftig auf den Boden geworfen, dass es zerschellte.

Der 19-jährige Geschädigte berichtete dagegen etwas ganz anderes: Im Verlauf des Streits habe ihn der Angeklagte festgehalten, so dass er sich nicht wehren konnte. Daraufhin habe ihm die dritte Person ein Teeglas auf dem Kopf zertrümmert und der Angeklagte ihn geschlagen. Er sei benommen zu Boden gegangen, habe sich dann wieder aufgerappelt und sei weggerannt. Diese Darstellung bestätigte auch ein weiterer Bewohner der Unterkunft, der sich während des Streits in der Küche beim Kochen befand und das Geschehen von dort aus verfolgen konnte.

Diese beiden Aussagen erschienen sowohl dem Staatsanwalt wie auch dem Richter glaubhaft und ohne erkennbaren Belastungseifer. Der Angeklagte beharrte allerdings auch in seinem Schlusswort, er habe den Geschädigten noch nicht einmal berührt, seine Schilderung des Geschehens sei die wahrhaftige.

„Nie wieder“

Nach der Urteilsverkündung beeilte er sich zu erklären, die Strafe anzunehmen und auf das Einlegen von Rechtsmitteln zu verzichten. „Es tut mir leid, was ich getan habe“, versicherte er beim Verlassen des Gerichtssaals, „ich nehme keine Drogen und trinke auch keinen Alkohol mehr. Und ich werde so etwas nie wieder tun.“

Neun Monate Haft, die auf zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden, die Übernahme der Verfahrenskosten, 60 Stunden gemeinnütziger Arbeit und die Überstellung in die Obhut eines Bewährungshelfers, so lautete das Urteil, das Richter Armin Kärcher am Montag, 22. März, in der Hauptverhandlung verhängte. „Der Bewährungshelfer wird sich nicht nur darum kümmern, dass Sie die Arbeitsstunden auch tatsächlich ableisten. Er steht Ihnen auch sonst zur Seite und hilft Ihnen beim Umgang mit den

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