Winnenden

Sicherheitsverwahrung für Angeklagte möglich

Asien-Perle Prozess_0
© Ramona Adolf

Backnang/Stuttgart.
Wie viele Straftaten muss man begangen haben, um einen Hang dazu aufzuweisen? Diese philosophische Frage stellte sich der psychiatrische Gutachter im Fall Asien-Perle, Dr. Peter Winckler, gestern am Landgericht Stuttgart. Im Fall um den Mord an einer Joggerin in Freiburg habe er befunden, dass zwei schwere Straftaten schon ausreichten. Und auch im Fall um die getötete 53-jährige Chefin des Backnanger Restaurants kam er zu diesem Schluss – unter der Voraussetzung, dass der Angeklagte Constantin C., auf den sich diese Frage bezog, die erste Straftat auch tatsächlich begangen hat. Denn der 46-jährige Rumäne wurde in seinem Heimatland 1997 zu einer 17-jährigen Haftstrafe wegen Vergewaltigung und Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt, von der er 14 Jahre auch absaß.

Hangtäterschaft kann eine Sicherungsverwahrung begründen

C. bestreitet aber bis heute, die Tat begangen zu haben. Ein Geständnis habe er nur abgelegt, um seinen Neffen zu schützen. Jener sei der eigentliche Täter. Zum Zeitpunkt seines Geständnisses habe das Opfer noch gelebt, auch habe er nichts von der Vergewaltigung gewusst und sei deshalb von einer milderen Strafe wegen Körperverletzung ausgegangen, erzählte der Angeklagte dem Sachverständigen. Mehrere Wochen starb das Opfer, die Taufpatin C.s, jedoch an ihren schweren Verletzungen und der heute 46-Jährige zog sein Geständnis zurück. Verurteilt wurde er dennoch. Ob C. die Tat begangen hatte, könne er nicht wissen, sagte Winckler. Wenn dem aber so sei, dann liege bei Constantin C. ein Hang zur Begehung ähnlich gearteter Straftaten vor. Er begründet dies mit dem Zustand der beiden Opfer. „Die Parallelen der Verletzungsfolgen sind so eklatant, dass es gerechtfertigt ist, von einem Hang zur Begehung erheblicher Straftaten auszugehen“, sagte der Sachverständige. Eine Hangtäterschaft, also ein eingeschliffener innerer Zustand, kann eine Sicherungsverwahrung begründen. Das hängt aber davon ab, ob das Gericht die Urteile aus dem Rumänien der 90er-Jahre inhaltlich anerkennt.

Schicksal der Opfer sei dem Angeklagten egal gewesen

Auch beim Gutachten des zweiten Angeklagten im Fall um die getötete Restaurantbesitzerin Aie Wu, Dumitru A., sah sich Winckler ähnlichen Voraussetzungen gegenübergestellt. Denn auch der 42-Jährige bestreitet, die ihm in Rumänien zur Last gelegten Taten begangen zu haben. Die Geständnisse seien unter Folter erzwungen, Beweise manipuliert und Zeugen erkauft worden. Der Rumäne wurde wegen einer Reihe von Diebstahl- und Raubdelikten verurteilt, einmal sogar wegen schwerer versuchter Tötung. Sollte er diese Taten begangen haben, so Winckler, sei die Hangtäterschaft bei ihm sogar noch klarer als bei Constantin C., da es sich um eine Serie von ähnlich gearteten Straftaten handelte. Diese wiederholte Auffälligkeit gebe Hinweise auf eine dissoziale Persönlichkeitsstörung. „Sollte Dumitru A. diese Taten begangen haben, haben wir es mit einer anhaltenden Missachtung gesellschaftlicher Normen zu tun“, erklärte Winckler. Auch sei dem heute 42-Jährigen das Schicksal seiner Oper egal gewesen und er weise eine niedrige Schwelle zur Aggression auf.

Keine Hinweise auf psychische Erkrankungen

Bei keinem der beiden Angeklagten konnte Winckler Hinweise auf eine psychiatrische Erkrankung erkennen, die womöglich auf eine verminderte Schuldfähigkeit hinweise. Der Gutachter beschrieb beide Männer als im Gespräch freundlich und erstaunlich auskunftsbereit. „Keiner der beiden Angeklagten weist Anzeichen von Schwachsinn oder einer schweren anderen seelischen Abartigkeit auf.“ Vor allem Constantin C. habe ihn überrascht. „Er zeigte eine sehr präsente, geistige Wachheit und ein selbstsicheres Auftreten.“ Winckler beschrieb ihn als überdurchschnittlich intelligent. Beide Männer spielten regelmäßig an Automaten, eine relevante Suchtproblematik konnte der Gutachter aber bei keinem der Angeklagten erkennen.

Gutachter: Es war keine Affekttat

Sollte sich in der Nacht zum 4. März 2016 alles so zugetragen haben, wie es in der Anklageschrift gegen die beiden Rumänen steht, so steht für Peter Winckler fest: „Es war keine Affekttat. Die Männer haben die Tatörtlichkeit gezielt mit krimineller Absicht aufgesucht.“ Noch eindeutiger wird seine Analyse, als er auf die Tat selbst eingeht: „Sie haben das Opfer in so kurzer Zeit unter Kontrolle gebracht, dass sie nicht einmal mehr schreien konnte.“ Das spreche für eine hohe Effizienz in ihrem destruktiven Handeln, zumal von den vielen im Gebäude anwesenden Personen niemand etwas davon mitbekommen habe. Ja, zielgerichtet seien sie gewesen, gibt der Angeklagte Dumitru A. zu. Er ließ durch seinen Verteidiger Hanno Haupt eine Stellungnahme verlesen. Weil er in Geldnot war, habe er an jenem Abend die Idee gehabt, in die Asien-Perle einzubrechen. „Ich wusste, dass dort stets ein hoher Bargeldbetrag aufbewahrt wurde“, sagte A. Seinem Arbeitskollegen Constantin C. habe er den Vorschlag unterbreitet und beide waren kurz vor Mitternacht dorthin aufgebrochen. A. hielt an seiner Schilderung fest, beide Männer hätten nur Geld stehlen wollen, seien von der Inhaberin Aie Wu überrascht worden und hätten diese dann gefesselt.

Urteil wird in wenigen Wochen erwartet

C. hätte die Tür zum Damen-WC bewacht, während er selbst das Privatzimmer der 53-Jährigen durchsucht habe. Durch Stimmen alarmiert, seien beide kurz darauf gestört worden und wären mit etwa 250 Euro Beute geflohen. Dafür entschuldigte er sich bei den Angehörigen Aie Wus. Angaben machte Dumitru A. außerdem zu der Mütze, die die Ermittler auf seine Spur gebracht hatte. Diese war beim Einbruch in ein Restaurant in unmittelbarer Nachbarschaft zur Asien-Perle gefunden worden. DNA-Spuren führten zum 42-jährigen Rumänen. Ja, das sei seine Mütze gewesen, gab dieser zu. Jedoch sei sie ihm gestohlen worden, als bei seinem Auftraggeber eingebrochen wurde. Er selbst habe mit dem Einbruch in das Restaurant nichts zu tun. Das beweise auch eine Videoaufnahme, die seinen Worten nach einen „kleinen dicken Mann“, der eindeutig nicht er war. Am kommenden Dienstag sollen noch zwei weitere Zeugen vernommen werden, dann beabsichtigt das Gericht, die Beweisaufnahme abzuschließen. Das Urteil wird in wenigen Wochen erwartet.


Mordfall in der Asien-Perle: Chronologie

Am 4. März 2016 wurde Aie Wu von einer Mitarbeiterin des Restaurants auf der Toilette tot aufgefunden.

Den Ermittlern war schnell klar: Das Opfer ist einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen, dies bestätigte auch die spätere Obduktion. Eine 70-köpfige Sonderkommission, die Soko Perle, begann mit ihren Ermittlungen. Diese gestalteten sich äußerst schwierig. Nachdem ein Großteil der Spuren abgearbeitet war, löste sich die Sonderkommission Perle im Juni auf.

Im November 2016 dann die Nachricht der Polizei: Zwei Tatverdächtige wurden festgenommen. Ein dringender Tatverdacht erhärtete sich gegen einen 42- und einen 46-jährigen rumänischen Staatsangehörigen aus dem Raum Backnang. 

Im April 2017 wurde schließlich Anklage gegen die beiden Tatverdächtigen erhoben. Der Prozess wird voraussichtlich bis zum Herbst dauern: Angesetzt hat das Landgericht 15 Termine, das Urteil soll voraussichtlich im Oktober verkündet werden.

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