Winnenden

Sozialarbeiter pilgert mit acht Flüchtlingen nach Esslingen

Pilgern
Im Zeichen der Jakobsmuschel: In zwei Etappen marschieren Muslime mit dem Sozialarbeiter Schwegler (rechts) nach Esslingen. © Schneider / ZVW

Winnenden. Bei frischem Winterwind und unter dunkelgrauem Wolkenhimmel marschieren acht Flüchtlinge, ein Sozialarbeiter und dessen Kumpel am Waldfriedhof flotten Schrittes los. Ziel des christlich-muslimischen Pilgergrüppchens ist, mit einer Übernachtung in Kleinheppach, Esslingen.

Video: Geoffrey Schwegler pilgert mit acht Flüchtlingen auf dem Jakobsweg nach Esslingen.

Sozialarbeiter Geoffrey Schwegler nutzt den Jakobsweg, der mitten durch Winnenden verläuft, um einen Teil seiner Schützlinge besser kennenzulernen. „Es ist ein privates Interesse von mir, ich mache das außerhalb der Arbeitszeit.“ Bewusst will er mal weg vom Flüchtlingsheim, vom Schreibtisch und vom Formular. Schwegler ist selbst schon in Etappen den Jakobsweg gelaufen. „Was uns Deutschen guttut, tut auch ihnen gut“, glaubt er, und die lachenden Gesichter sind, zumindest auf den ersten drei Kilometern bei trockenem Wetter, Bestätigung genug.

Mohammad Jaf ist 24 Jahre alt, gewandert ist er noch nie, aber er machte früher Boxsport. „Ich bin auf Berge wie den da gerannt“, zeigt er auf den Haselstein, seine Kondition war top. Seit der Flucht hat er nicht mehr viel Sport gemacht, jetzt freut er sich drauf, sich drei Tage lang zu bewegen.

Unterwegs gibt’s viel Landestypisches zu sehen

„Sie lernen einander besser kennen, untereinander entsteht mehr Solidarität“, ist Geoffrey Schwegler sicher – in der Wohnanlage mit 140 Personen haben zum Beispiel Afghanen mit Syrern nicht automatisch Umgang. Schweglers Freund, Diakon Stefan Loos aus Stuttgart, ergänzt, dass es beim Pilgern im Vorbeigehen auch enorm viel zu sehen gibt, was typisch ist für unser Land und unser Leben. Wohl wahr: Schon vor dem ersten Muschelzeichen sehen die Männer, wie Baumstämme fast wie am Fließband zu Brennholzscheiten verarbeitet werden. Mohammad bedeutet mit Worten, Gesten und einem Lachen, dass er das Spalten mit der Axt für starke Armmuskeln bevorzugen würde.

Im oberen Zipfelbachtal kommen den Pilgern Fußgänger oder Wanderer entgegen, die allerdings keine Ruck- und Schlafsäcke tragen. Die Deutschen gucken das ungewöhnliche Grüppchen freundlich-neugiereig an, auch, weil dessen Marsch von amerikanischer oder arabischer Hip-Hop-Musik begleitet wird. Hassem spielt sie von seinem Handy ab. Alle tragen Turn- oder leichte Wanderschuhe, die Rucksäcke und Isomatten sind Leihgaben vom Evangelischen Jugendwerk.

Übernachtung in Kleinheppach

Ein kleines Abendprogramm gibt’s in der Kleinheppacher Dorfkirche. „Ich werde ein bisschen orgeln, der Pfarrer dort wird eine Andacht halten“, sagt Schwegler, dem der geistliche Input als Ergänzung zur Bewegung wichtig ist. Abends stößt ein weiterer Flüchtling zur Gruppe, der einen wichtigen Behördentermin nicht ausfallen lassen konnte, und hilft mit beim Essenkochen im Gemeindehaus. Am Donnerstag geht’s 15 Kilometer weit nach Esslingen, wo die Männer im Evangelischen Jugendwerk duschen, kochen und übernachten können - kostenlos. Am Freitag dann möchte Schwegler den Männern die Stadt zeigen, noch mal acht Kilometer nach Denkendorf pilgern und am Mittag am Freitagsgebet in der Moschee teilnehmen. Dann geht’s zurück mit der S-Bahn. „Beim Abschied vorhin haben die Männer sich von ihren Frauen schon ein gutes Abendessen für ihre Rückkehr gewünscht“, erzählt Schwegler lachend.