Winnenden

Sterilisation mit 28: Saskia Rieger aus Winnenden macht sich für Selbstbestimmung stark

Sterilisation
Saskia Rieger im Gespräch mit unserer Redaktion. © Alexandra Palmizi

Mit 27 Jahren hat Saskia Rieger sich sterilisieren lassen. Das lief nicht ohne Widerstände ab. Als sie ihre frühere Frauenärztin vor dem Eingriff um eine Überweisung in die Rems-Murr-Klinik bat, hielt die Medizinerin ihr noch im Flur vor dem Behandlungszimmer eine Standpauke, erteilte ihrem Anliegen eine Abfuhr und schmiss sie aus der Praxis. „Ich kam mir vor, als wäre ich wieder zwölf Jahre alt, zu spät nach Hause gekommen und Mama schimpft“, erinnert sich die Winnenderin.

Sie fand einen anderen Arzt, der den Überweisungsschein ausfüllte. Heute ist die 28-Jährige glücklich mit ihrer Entscheidung für eine kinderlose Zukunft. Dass sie als erwachsene, selbstbestimmte Frau wie ein unmündiges Kind behandelt wurde, ärgert sie aber immer noch. „Ich habe gerade eine Wohnung gekauft, ich habe einen Job, ich kann tun und lassen, was ich will. Wenn ich mich von oben bis unten tätowiere, sagt doch auch kein Mensch was – oder wenn ich schwanger werde ...“

Ähnliche Erfahrungen wie die Winnenderin machen auch andere – insbesondere junge – Frauen, die sich sterilisieren lassen wollen. Gynäkologen zu finden, die den Eingriff durchführen oder wenigstens absegnen, ist gar nicht so einfach. Männer haben es da viel leichter.

Die 28-Jährige war deutschlandweit mit ihrer intimen Geschichte im TV zu sehen

Der Verein „Selbstbestimmt steril e. V.“ setzt sich nach eigenen Angaben für Gleichberechtigung auf diesem Feld ein. Bei ihrer Recherche zu einer langfristigen, auf lange Sicht unkomplizierten Verhütungsmethode ist Saskia Rieger auf den Verein gestoßen – und wurde von diesem jetzt an den SWR vermittelt, der bei ihr zu Hause einen Fernsehbeitrag gedreht hat, der auch bei der ARD ausgestrahlt wurde.

Die 28-Jährige war also deutschlandweit mit ihrer intimen Geschichte im TV zu sehen. Warum hat sie zugestimmt – und auch dem Gespräch mit unserer Redaktion?

Saskia Rieger: Es kursieren „viele falsche Informationen“, viel „Schwachsinn“

„Es kursieren ganz, ganz viele falsche Informationen im Internet und auch bei den Ärzten erschreckenderweise“, erklärt Saskia Rieger. „Das fängt an bei einer Altersbeschränkung, die es so nicht gibt. Man darf die Sterilisation ab 18 Jahren durchführen lassen.“ Oft sei aber die Rede davon, dass Sterilisationen erst ab 30, 35, 40 Jahre oder erst nach soundso viel Kindern legal seien – „Schwachsinn“, schimpft die Winnenderin.

Und doch gestaltete sich die Suche nach einem Frauenarzt, der ihr die Überweisung für das Winnender Krankenhaus schreiben wollte, schwierig. „Männer gehen zum Arzt, sagen: Ich will mich sterilisieren lassen, und bekommen einen Termin.“

Tatsächlich ist der Schnitt, der die Hodenleiter eines Mannes durchtrennt, unter lokaler Betäubung möglich, während der Eingriff bei Frauen unter Vollnarkose der Patientin geschieht: Über den Bauch gelangte der Chirurg minimalinvasiv an Saskia Riegers Eileiter – und kappte den Weg zur natürlichen Empfängnis. „Nichts Dramatisches“ passiere da, sagt die 28-Jährige, „die OP dauert gerade mal eine halbe Stunde bis Dreiviertelstunde“.

770 Euro für die Operation – „das rechnet sich schnell“, glaubt Saskia Rieger

770 Euro hat sie dafür insgesamt bezahlt, aus eigener Tasche, wie das bei Verhütung üblich ist. Viel Geld, oder? „Das rechnet sich schnell“, sagt Saskia Rieger. Jahrelang die Antibaby-Pille zu nehmen (circa 40 Euro für ein halbes Jahr) oder sich alle fünf Jahre eine Kupferkette einsetzen zu lassen (bis zu 350 Euro pro Stück – Saskia Rieger hat sich ihre eigene bei der OP entfernen lassen) ist für sie auf lange Sicht stressiger und teurer.

Gewisse Risiken birgt jeder operative Eingriff, auch die Sterilisation. Längerfristige Nebenwirkungen sind aber nicht bekannt. Warum also die Standpauke der Frauenärztin?

„In unserer Gesellschaft gibt es das Bild: Alle Frauen wollen ja irgendwann Kinder“

Saskia Rieger vermutet ideologische Gründe dahinter und ein veraltetes Bild von der Rolle der Frau, deren Hauptaufgabe es sein soll, Kinder in die Welt zu setzen. Frauen, die das nicht wollten, müssten sich ständig erklären, sagt die Winnenderin: „In unserer Gesellschaft gibt es das Bild: Alle Frauen wollen ja irgendwann Kinder. Wenn man nur ein Kind will, heißt es: Warum kein zweites, das arme Einzelkind! Wenn man zwei Kinder hat, heißt es: Dann könnt ihr ja jetzt auch noch ein drittes ...“

Der Druck auf Frauen mit Mitte, Ende 20 sei groß, insbesondere, wenn sie in einer langjährigen festen Beziehung sind. Saskia Rieger ist seit dreieinhalb Jahren mit ihrem Freund zusammen. Die ersten Freundinnen bekommen Kinder, es heißt „und ihr seid die Nächsten, oder?“ Die Mutter sagt an Weihnachten: „Es wäre schon schön, wenn hier ein paar Enkele rumrennen würden.“

Umgekehrt überlegten sich potenzielle Arbeitgeber zweimal, wenn auch nicht laut, ob sie eine neue Mitarbeiterin einstellen, die vielleicht bald schon in den Mutterschutz geht. In Saskia Riegers Lebenslauf steht deshalb: „Familienplanung abgeschlossen“.

Ihr Freund, mit dem sie derzeit eine Wohnung in Hanweiler renoviert, geht damit d’accord – alles andere wäre auch ein K.-o.-Kriterium für die Beziehung.

Dass sie keine Kinder will, wusste Saskia Rieger schon als Teenie

Dass sie keine Kinder will, das wusste die Winnenderin „eigentlich schon als Teenie“. Will die gelernte Automobilkauffrau, die heute für eine Unternehmensberatung arbeitet, lieber Karriere machen? „Es geht mir gar nicht so sehr um die Karriere, sondern um meine Flexibilität und Freiheit“, sagt die 28-Jährige. „Ich fliege nächste Woche in den Urlaub, außerhalb der Ferien für einen Schnäppchenpreis. Das geht mit Kindern nicht." Aber auch im Alltag genießt sie ihre Unabhängigkeit: „Ich will mich da nicht drum kümmern müssen: „Hausaufgaben, Elternabende, Arzttermine, Sportvereine ... Das ist mir zuwider. Da frage ich mich: Warum tut man sich das an?“, sagt sie und lacht.

Wobei sie anderen ihr Kinderglück sehr gönnt. Ihrer guten Freundin zum Beispiel, die sich immer Nachwuchs gewünscht und diesen kürzlich auch gesund zur Welt gebracht hat. „Ich kümmere mich auch gerne um die Kinder von Freunden und gehe mit ihnen auf den Spielplatz. Aber ich freue mich, wenn ich sie abends wieder abgeben kann“, sagt Saskia Rieger.

Hat sie keine Angst davor, die Entscheidung irgendwann zu bereuen?

Ob sie keine Angst habe, die Entscheidung, sich sterilisieren zu lassen, irgendwann zu bereuen? Erstens: Auch ein Kind zu bekommen sei eine Entscheidung fürs Leben. Studien zeigten, dass gar nicht wenige Eltern diese irgendwann infrage  stellen – „das heißt ja nicht, dass man seine Kinder nicht liebt, aber dass man vielleicht in der Elternrolle nicht so sehr aufgeht, wie man es vielleicht gedacht hat.“

Und zweitens: „Wenn’s mich irgendwann in den nächsten zehn bis zwölf Jahren überkommen sollte und ich wache morgens auf und denke mir ,so ein Kind wäre jetzt echt das Richtige‘, dann gäbe es immer noch die Möglichkeit der künstlichen Befruchtung.“

Dass es irgendwann so weit kommt, kann sich Saskia Rieger aber nicht vorstellen. Sie findet: Erwachsene Frauen sollten selbst über ihren Körper und ihre Zukunft entscheiden dürfen – ohne dafür verurteilt zu werden. Ihr medialer Einsatz dafür, das Thema Sterilisation per SWR und ARD aus der Tabuzone zu heben, habe ihr viele positive Rückmeldungen eingebracht. Insbesondere von Frauen, die das Thema Verhütung und Kinderkriegen ebenfalls umtreibt.

Mit 27 Jahren hat Saskia Rieger sich sterilisieren lassen. Das lief nicht ohne Widerstände ab. Als sie ihre frühere Frauenärztin vor dem Eingriff um eine Überweisung in die Rems-Murr-Klinik bat, hielt die Medizinerin ihr noch im Flur vor dem Behandlungszimmer eine Standpauke, erteilte ihrem Anliegen eine Abfuhr und schmiss sie aus der Praxis. „Ich kam mir vor, als wäre ich wieder zwölf Jahre alt, zu spät nach Hause gekommen und Mama schimpft“, erinnert sich die Winnenderin.

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