Winnenden

Streit zwischen Autofahrern landet vor Gericht

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An der Kreuzung ist oft Geduld gefragt, bei denen, die vorne stehen, und auch bei denen dahinter. © Joachim Mogck

Schwaikheim/Waiblingen.
Ein Leutenbacher und eine Berglerin geraten aneinander – in Schwaikheim. Hinterher heißt der Vorwurf „Nötigung“. Wie oft in solchen Fällen vor Gericht geht es um eine Verkehrsgeschichte. An einem Februarmorgen im vergangenen Jahr geht es einem heute 42-Jährigen zu langsam vorwärts. Er regt sich darüber auf, dass eine heute 57-Jährige vor ihm zu lange braucht, aus seiner Sicht – und auch der Autofahrer hinter ihm, behauptet er vor Gericht. Die hätten schon gehupt. Die Frau, von zu Hause auf dem Weg zur Arbeit, steht um Viertel nach 9 Uhr am Ende der B-14-Abfahrt und möchte nach links auf die Avus Richtung Schwaikheim abbiegen.

Sie macht die gleiche Erfahrung wie viele andere und sie selbst sonst auch: Sie muss die Vorfahrt der Autofahrer von links und von recht beachten und es dauert, bis sich eine Lücke auftut. Wobei sich je nach Temperament, Risikobereitschaft und Fahrkünsten die Auffassungen darüber, wann dort gefahrloses Rausfahren möglich ist, erfahrungsgemäß erheblich unterscheiden. Den Trick, erst mal nach rechts abbiegen, zum Kreisel Richtung Korb vorfahren, dann zurück Richtung Schwaikheim und so zumindest die Vorfahrt derjenigen umgehen, die an der Einmündung von rechts kommen, kennt die Frau offenbar nicht oder legt keinen Wert darauf.

Also, sie wartet ab, aus Sicht ihres Nachfahrenden viel zu lange. Endlich, aus seiner Sicht, traut sie sich raus und er natürlich sofort hinterher. So weit decken sich die Angaben des Mannes und der Frau, des Angeklagten und der vermeintlich Geschädigten, die in der Verhandlung am Amtsgericht Waiblingen als Zeugin aussagt. Ab da gehen sie weit auseinander.

„Ich habe mich halt geärgert, wollte sie zur Rede stellen“

Er sagt, er sei von ihr im Folgenden zweimal ausgebremst worden, ohne Grund. Als er sie überholte (auf der Avus!), habe sie mit den Händen herumgefuchtelt und ihm den Mittelfinger gezeigt, sie habe noch mal heftig abgebremst und ihn damit zum Anhalten gezwungen. Als er überholt habe, habe auch er angehalten, aussteigen und die Frau fragen wollen, was das Ganze solle. Seine Freundin, die Beifahrerin war, habe ihn aber davon abgehalten, gesagt, er solle einfach weiterfahren, das habe er dann auch getan. Auf die Frage des Richters, warum er denn von sich aus angehalten habe, er hätte doch eigentlich froh sein müssen, dass er endlich an der für ihn zu langsam fahrenden Frau vorbeigekommen sei, entgegnet der Mann: „Ich habe mich halt geärgert, wollte sie zur Rede stellen.“ Aber er sei wirklich nicht ausgestiegen, und habe die Frau auch nicht beschimpft oder beleidigt.

Sie sei übel geschnitten und beleidigt worden

Bei der Frau hört sich der Vorfall ganz anders an. An dem Tag seien ungewöhnlich viele Autos auf der Vorfahrtsstraße gewesen. „Ich weiß das, weil ich die Strecke täglich fahre.“ Als sie endlich aus der B-14-Abfahrt rausgekommen sei, sei der Wagen hinter ihr sehr dicht aufgefahren. Im Rückspiegel habe sie an der Mimik und Gestik gesehen, dass der Fahrer sehr wütend, aufgebracht gewesen sei. Weil die Strecke, die ein Stück auch am Wald entlang führt, glatt gewesen sei, sei sie etwas langsam gefahren und der Mann habe weiterhin ihr an der Stoßstange geklebt. Außerdem habe er ihr, auch das habe sie über den Rückspiegel gesehen, den Mittelfinger gezeigt. Beim anschließenden Überholen habe er sie „übel geschnitten und danach voll ausgebremst“, so dass sie nur noch gerade so einen Auffahrunfall habe vermeiden können. Dann sei der Mann angefahren, habe aber kurz darauf erneut abrupt abgebremst und wieder sei es knapp vor einem Unfall gewesen. Der Mann sei dann ausgestiegen, offenkundig sehr wütend auf sie zugekommen und habe provozierend gefragt, was sie für ein Problem habe, hier gelte doch 80. Sie habe ihm entgegnet, sie könne doch so fahren, wie sie wolle.

Dies habe er mit „Fick dich, du Missgeburt“ quittiert und sie habe ihm daraufhin mit einer Anzeige gedroht. Dem habe er wiederum entgegengehalten, dass er „alles auf Kamera“ habe. Endlich sei er dann weitergefahren, sie habe sich sein Kennzeichen gemerkt und sei, um sich erst mal zu beruhigen, zum Bahnhof gefahren, dann zum nahen Polizeiposten, habe aber erst nach einem Arbeitseinsatz, Zögern („Ich war ja alleine“) und Zureden einer Bekannten – das sei ein so schwerer Fall von Nötigung – bei der Polizei tatsächlich Anzeige erstattet.  Damit steht also Aussage gegen Aussage, und die Frage für das Gericht ist, welche der beiden ist glaubwürdig? Angesichts von Ungereimtheiten bei der Aussage der Zeugin, wo denn genau auf der Strecke sich was zugetragen hat, regte der Ankläger einen Vor-Ort-Termin der Frau mit der Polizei an, um anhand von Fotos, die dabei gemacht werden, Zweifel zu klären. Eventuell müsse auch noch ein Sachverständiger hinzugezogen werden, um per Gutachten Fragen zu möglichen Geschwindigkeiten und Bremswegen damals zu beantworten. Dem schloss sich der Richter an.

Entscheidung und damit Urteil vertagt also.


Angeklagter hatte Dashcam im Auto

Das Besondere an dem Fall ist, dass der Angeklagte eine Dashcam in seinem Auto installiert hatte. Die Aufnahme von damals stellte er dem Gericht zur Verfügung, wohl in der Annahme, diese werde ihn entlasten. Solche Videoaufzeichnungen sind trotz Verstoßes gegen das Datenschutzrecht mittlerweile als Beweismittel vor Gericht zugelassen.

Ob das Waiblinger Amtsgericht im vorliegenden Fall den Film wirklich als Beweismittel ansieht, ist aber noch keineswegs gesagt. Es hat sich ihn zwar angeschaut, in der Verhandlung auf dem PC des Gerichts und auf dem Laptop des Angeklagten, zusammen mit diesem, dessen Anwalt, dem Ankläger und der Zeugin, natürlich in der Hoffnung, auf diesem Weg den Fall aufgeklärt zu bekommen. Der Film zeigt aber offensichtlich nicht die ganze Fahrt von der Abfahrt bis nach Schwaikheim. Es fehlt ein Teil, weil er entweder herausgeschnitten oder automatisch gelöscht beziehungsweise überspielt wurde. Der Film zeigt, dass auch die Frau abbremste, dass der Mann zumindest einmal abbremste, ein zweites Mal ist darin nicht zu sehen. Die Frau wies zum Film darauf hin, dass nach dem Überholen ja das Auto des Mannes und damit die Kamera vor ihr war. Was dahinter gewesen sei, und um das gehe es ja, könne also gar nicht auf dem Video zu sehen sein.

Noch steht die Aussage der Freundin des Angeklagten aus. Sie war Beifahrerin und damit Augenzeugin. Der Richter wird sie bei der Fortsetzung der Verhandlung darüber belehren, dass sie als Zeugin vor Gericht verpflichtet ist, die Wahrheit zu sagen. Tut sie das nicht, macht sie sich strafbar und wird, wenn man es ihr nachweisen kann, tatsächlich entsprechend bestraft.

Schwaikheim/Waiblingen.
Ein Leutenbacher und eine Berglerin geraten aneinander – in Schwaikheim. Hinterher heißt der Vorwurf „Nötigung“. Wie oft in solchen Fällen vor Gericht geht es um eine Verkehrsgeschichte. An einem Februarmorgen im vergangenen Jahr geht es einem heute 42-Jährigen zu langsam vorwärts. Er regt sich darüber auf, dass eine heute 57-Jährige vor ihm zu lange braucht, aus seiner Sicht – und auch der Autofahrer hinter ihm, behauptet

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