Winnenden

Streitschlichten ist auf einmal cool

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Irfan Kars und zwei Mädchen der Stöckachschule zeigen beim Pressebesuch, wie die Spiegelübung funktioniert – der Augenkontakt ist wichtig. © Benjamin Büttner
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Gewaltprävention
Irfan Kars, Lars Groven, Susanne McCafferty, Florian Kleinknecht und Norbert Sailer (v.l.) © Benjamin Büttner

Winnenden. Es war einmal eine dritte Klasse, in der lief einiges schief. Jeden Tag gab es Zoff. Die Lehrerin verteilte Strafarbeiten. Bei einem Kind stand der Schulausschluss kurz bevor – und zu allem Übel hatten sich auch schon einige Eltern geprügelt. Obwohl Lehrerin und Schulleiterin nicht daran glaubten, bewirkte ein Theaterpädagoge ein Wunder. Die Kinder schlichteten Streit nun selbst, lösten Probleme und arbeiteten im Unterricht mit.

Es ist bereits zwei Jahre her, dass der Schauspieler und Theaterpädagoge Irfan Kars aus Stuttgart mit nur einem Besuch die gesamte Klasse herumdrehte. Sechs Wochen lang eskalierte kein Streit mehr. Die Kinder arbeiteten im Unterricht mit und zitierten immer wieder ihr neues Vorbild: „Irfan sagt ..., wenn wir den Streit nicht schlichten können, sollen wir Hilfe holen.“ So geschah es eines Tages, die Lehrerin eilte also hinzu. Bei den Streitenden angekommen, sagten die ihr aber lächelnd: „Kein Problem, wir konnten es doch lösen.“ Und so blieb es, bis die Kinder an weiterführende Schulen wechselten.

Spiegelübung zur Versöhnung

Die Stöckachschule änderte seitdem den Umgang mit den Kindern grundlegend. Die Lehrer sind in engem Kontakt zum Schulsozialarbeiter Florian Kleinknecht, der sich ganz regelmäßig einbringt, und zum Theaterpädagogen Irfan Kars, der zweimal im Monat mit je einer Klasse arbeitet. Die beiden Männer erfahren alle Beobachtungen der Lehrer und von allen akuten Konflikten, wenn es zum Beispiel eine Prügelei gegeben hat – und die gibt es nach wie vor. Wenn es, wie in der Klasse vor zwei Jahren, sogar Täter, Opfer und Unentschlossene gibt, wissen sie das auch.

„Für die Gegebenheiten entwickle ich ein Programm, und dann improvisiere ich“, sagt der 34-jährige Schauspieler Kars. So lässt er beispielsweise zwei Kontrahenten die Spiegelübung machen: Einer führt, der andere macht dessen langsame Bewegungen fast zeitgleich nach, der Rest der Klasse rät, wer geführt hat. „So erreiche ich, dass sich die beiden wieder in die Augen schauen.“ Dabei ist Irfan Kars gar nicht wie ein Lehrer, sondern wie ein großer Bruder, kumpelhaft, herzlich, aber auch klar und bestimmt in seinen Aussagen.

Spiele bewirken, dass sich die Unentschlossenen einmischen

Florian Kleinknecht erklärt, dass die Kinder bei den verschiedenen Spielen erleben, was cool ist, was sie tun können, wie sie weiterkommen. Die vormals Unbeteiligten schlichten seitdem zum Beispiel aktiv in einem Konflikt und bekommen dafür auch Anerkennung. Die Klassen üben das immer wieder. Sie merken zum Beispiel, wie sich Mobbing anfühlt und wie man es verhindern kann. Die „Spiele“ sind so eindrücklich, dass sie sich direkt auf den Alltag übertragen. „Kinder, für die der Gang in die Schule ein einziger Kampf war, kommen wieder gern hierher“, weiß Irfan Kars. „Die beiden Männer tun vor allem unseren Jungs in den Klassen gut, sie begegnen dem massiven weiblichen Übergewicht an der Grundschule und sind coole Vorbilder“, so Rektorin Susanne McCafferty.

Anti-Aggressionstrainer Lars Groven erklärt Lehrern und Eltern, wie sie Kindern respektvoll begegnen können

Rektorin Susanne McCafferty berichtet vom bestbesuchten Elternabend der Schulgeschichte vor zwei Jahren, als erstmals Anti-Aggressionstrainer Lars Groven dabei war: „80, ein Drittel der Eltern, meldeten sich an.“ Auch die von der „Problemklasse“. Und wollten gar nicht wieder gehen.

Eine Mutter sagte, ihr Kind könne sich nicht entschuldigen. Lars Groven (39) brachte sie dazu, sich in dessen Lage zu versetzen, und ermutigte die Frau, Verständnis zu zeigen. Etwa so: „Gell, das ist schwierig. Meinst du, es geht trotzdem? Hast du eine Idee, wie?“ – ein Vater sagte, sein Kind müsse sich wehren. Groven hakte mehrfach nach: „Was bedeutet das?“ Als herauskam, dass Schlagen eine Option sei, machte der Coach die fatalen Folgen für das Kind klar: „Es hat quasi einen Auftrag vom Vater, aber Schlagen wird an der Schule nicht toleriert.“ Das Kind wird beschämt. „Dabei gibt es andere Methoden, sich abzugrenzen.“

Die Lehrerinnen merkten, dass sie ebenfalls eine andere Haltung gegenüber den Kindern entwickeln mussten. „Anschuldigungen wie ,Du passt nicht auf', in unseren Augen harmlos, stellen die Kinder bloß. Das führt zum verheerendsten Gefühl, der Scham.“ Passiert das immer wieder, kapselt sich das eine Kind an, ein anderes probt den Machtkampf. „Weinen, prügeln, stören, all das ist Schames Stimme“, sagt Lars Groven, „die Atmosphäre in der Schule soll nicht beschämend sein.“

Anstatt Zeit in Machtkämpfen zu vergeuden, agieren Lehrer nun anders: „Wir trennen Person und Verhalten und bieten dem Kind zwei Möglichkeiten an, sich zu entscheiden“, sagt Susanne McCafferty. „Dabei betonen wir, dass seine Meinung wichtig ist. Kein Kind tut etwas ohne Grund.“ Der Erfolg von Respekt und Wertschätzung ist für sie eine kleine Sensation. Unterrichten ist seitdem konzentriert möglich. Problemen gehen die Lehrer zusammen mit dem Schulsozialarbeiter auf den Grund. Nur wenn es das Kind will, reden sie mit den Eltern.

Die Stadt finanziert seit 2014 drei Schulsozialarbeiter für alle Grundschulen, der Kreis trägt ein Drittel der Kosten.

Seit dem Schuljahr 2015/16 bezahlt die Stadt zehn Besuche des Theaterpädagogen Irfan Kars pro Jahr sowie einen Elternabend im Jahr und einen pädagogischen Tag im Jahr für die Lehrer mit Anti-Aggressionstrainer Lars Groven. Und zwar bislang an der Stöckachschule, der Grundschule im Schelmenholz und der Kastenschule.

Die Stiftung gegen Gewalt an Schulen wurde nach dem Amoklauf in Winnenden und Wendlingen von betroffenen Eltern gegründet. Sie legte den Grundschulen das Modell mit Groven und Kars ans Herz. Die Stöckachschule ist Vorreiter.