Winnenden

Strompreis explodiert: Darum nehmen die Stadtwerke Winnenden keine Neukunden auf

Stadtwerke
Das Kundencenter der Stadtwerke beim Rathaus. © Gabriel Habermann

Im Januar ist es zu einer geradezu absurden Situation gekommen. Die Stadtwerke Winnenden, die ihr Geschäftsfeld erst vor neun Jahren um den Stromvertrieb erweitert haben, nehmen keine neuen Stromkunden mehr auf. Auch die Neuaufnahme von Gaskunden wurde zwischenzeitlich gestoppt. Dabei wollen sie eigentlich weiter wachsen. Was das mit Billiganbietern und der Börse zu tun hat und wie es im Februar weitergeht, erläutert Stadtwerke-Geschäftsführer Stefan Schwarz in einem Telefonat.

Billiganbieter haben massenweise ihre Lieferverträge gekündigt. Wollten die Stadtwerke deren Kunden nicht?

Stefan Schwarz hat grundsätzlich nichts gegen mehr Kunden, im Gegenteil. „Wir haben 2013 mit dem Energievertrieb begonnen, unser Ziel war 365 neue Kunden im Jahr und in zehn Jahren Grundversorger zu sein.“ Nach dem anfänglich wesentlich stärkeren Zulauf wurde es eine Zeit lang schwieriger. „Dann hat uns die Festlegung auf Ökostrom im Jahr 2020 richtig Auftrieb gegeben“, sagt Stefan Schwarz.

Alle drei Jahre wird geprüft, welcher Versorger die meisten Haushalte im Liefergebiet als Kunden hat. Zum Stichtag im Januar 2021 waren die Stadtwerke Winnenden diesbezüglich noch kleiner als EnBW oder Süwag. Als die Billiganbieter den Kunden von heute auf morgen kündigten, waren nur die Grundversorger verpflichtet, sie aufzunehmen. Teils aber mit haarsträubend hohen Tarifen.

Die Stadtwerke mussten so weit nicht gehen. Sie sagen: Wir warten ab und stoppen die Neuaufnahme. „EnBW und Süwag bieten den Neukunden auch noch einigermaßen moderate Preise an. Das muss ich auch ehrlich sagen, gegen sie kann ich im Moment nicht anstinken.“ Stefan Schwarz hätte seinen Neukunden kaum Freude machen können, weil sein gesichertes Energie-Kontingent von reinem Ökostrom zum vor Weihnachten ausgelobten Preis (30 Cent pro Kilowattstunde) nur noch für die Bestandskunden reicht. Für neue Kunden hätte Schwarz weitere Energie einkaufen müssen, zu Horrorpreisen von 40 bis 50 Cent die Megawattstunde. Das Achtfache der Handelspreise im Dezember. „Der Verbraucherpreis wäre dann zusammen mit Umlagen und Steuern bei einem Euro pro Kilowattstunde gelegen“, rechnet Stefan Schwarz aus. Da lacht keiner mehr.

Übrigens war 2021 vom Kundenzulauf her das stärkste Jahr für die Stadtwerke Winnenden. „Mit dem Schlusspush natürlich, denn schon im November war absehbar, dass die Billiganbieter wegen der steigenden Energiepreise auf die Schnauze fallen werden.“

Wie kam es zu diesem astronomischen Anstieg der Energiepreise?

Es ist ein Zusammenspiel verschiedener Ursachen, aber ein Stück weit nicht erklärbar, sagt Stefan Schwarz. Punkt 1: Russland erfülle gerade nur die Mindestlieferung an Gas. Punkt 2: Energie aus Kohlekraft wollen viele Versorger nicht mehr wegen der belastenden CO2-Ausstöße. Punkt 3: Zusätzliche Verknappung entstand durchs Abschalten von drei, vier französischen Atomkraftwerken, die in Revision waren (Sicherheitscheck). Die Folge: „Um die Nachfrage zu bedienen, wurden Kraftwerke zugeschaltet, die wenig Effizienz haben und darum teuer sind.“ Und dann entstand noch eine Art „Börsennervosität“, wie Schwarz sagt. „Händler verkauften Derivate an andere Händler, und so weiter, jeder verdient daran, und auch das hat die Preise nach oben getrieben.“

Machen die Stadtwerke wenigstens für Neuzugezogene eine Ausnahme?

Sobald es geht, möchte Stefan Schwarz Neukunden wieder ein wettbewerbsfähiges Angebot unterbreiten. Bis es so weit ist, führen die Stadtwerke eine Warteliste. Den Interessenten, auch neu Zugezogenen, empfehlen seine Mitarbeiter, sich zunächst bei einem der Grundversorger anzumelden. „Auch wenn uns dies sehr schwerfällt“, sagt Schwarz. „Wir werden erst mit neuen Preisen reagieren, wenn entweder die Beschaffungspreise deutlich sinken oder die Grundversorger ihre Preise erhöhen.“ Dann können die Kunden entscheiden, ob sie zu den Stadtwerken wechseln wollen.

Wie ist der Stand bei den Gaskunden?

„Auch beim Gasvertrieb sind wir auf dem Weg, mehr Haushalte als die EnBW im Konzessionsgebiet unter Vertrag zu haben“, sagt Stefan Schwarz. Vor acht Jahren hat die Gasnetzgesellschaft Winnenden das Netz gekauft, weil die Konzession auslief. Bis 2021 war die EnBW noch daran beteiligt und über die Netze-BW für Hausanschlüsse zuständig. Das ist nun Geschichte. „Wir haben zum 1. Januar 2022 den Betrieb des Gasnetzes übernommen und gehen nach dem Winter in den Ausbau der Leitungen.“

Gilt der Aufnahmestopp auch für Gaskunden?

Ja, der Energie-Einkauf betrifft Strom und Gas (und Diesel und Benzin) gleichermaßen. „Wir haben letztes Jahr unsere Gaspreise moderat von rund 6 auf 8,4 Cent die Kilowattstunde erhöht“, sagt Stefan Schwarz, die Kunden wurden mit ausreichend Vorlauf darüber informiert. Doch hier gilt dasselbe wie beim Strom: Die Stadtwerke hatten sich bestimmte Kontingente für die Altkunden gesichert und nicht mit so einem sprunghaften Anstieg der Nachfrage gerechnet.

Was tragen die Stadtwerke zum Klimaschutz bei?

„Sie spielen eine zentrale Rolle“, sagt Stadtrat und Stadtwerke-Aufsichtsrat Thomas Traub (CDU), um „unseren Bürgern die Möglichkeit zum ökologischen Energiebezug zu geben.“ Noch seien Strom- und Wärmegewinnung in Deutschland anteilmäßig für den höchsten CO2-Ausstoß verantwortlich. Die Stadtwerke aber produzieren und kaufen nur Ökostrom. Dazu sei die Fernwärme, die überwiegend aus regenerativen Quellen und aus Kraft-Wärme-Kopplung gewonnen wird, umweltfreundlich. In diesem Zusammenhang begrüßt Stefan Schwarz, dass die grün-schwarze Landesregierung nun den Kommunen als Pflicht auferlegt hat, ihre Wärmeplanung strategisch anzugehen. „Wir müssen sagen, wie wir unsere Bürger versorgen wollen, wo macht Fernwärme Sinn, wo Gas. Wirtschaftlich wäre es nicht gut, beide Leitungen zu verlegen.“ Das ist unter Umständen in Bestandsgebieten schwieriger zu regeln als in Neubaugebieten, betrifft aber beide.

Im Februar wird die Aufarbeitung der Daten an ein Ingenieurbüro vergeben, das auch Pläne erstellt. „Es wird dann auch in Winnenden präsent sein, Umfragen in unserem Namen herausgeben und eine Kommunikationsstrategie erarbeiten.“ Schwarz hofft, dass die Bevölkerung dann auch mitzieht bei der Wärmeplanung. „Sie hat ab 2024 Auswirkungen auf die Verbraucher.“

Und parallel dazu schauen alle auf die neue Bundesregierung, welche Gesetze sie macht, um den Klimaschutz weiter voranzutreiben. Da ist momentan ganz schön viel Bewegung drin.

Im Januar ist es zu einer geradezu absurden Situation gekommen. Die Stadtwerke Winnenden, die ihr Geschäftsfeld erst vor neun Jahren um den Stromvertrieb erweitert haben, nehmen keine neuen Stromkunden mehr auf. Auch die Neuaufnahme von Gaskunden wurde zwischenzeitlich gestoppt. Dabei wollen sie eigentlich weiter wachsen. Was das mit Billiganbietern und der Börse zu tun hat und wie es im Februar weitergeht, erläutert Stadtwerke-Geschäftsführer Stefan Schwarz in einem

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper