Winnenden

Tanken wird zum Glücksspiel - wie findet man in Winnenden den günstigsten Preis?

SpritpreiseMTB
Auch an der freien MTB-Tankstelle an der Wiesenstraße sinken und steigen die Preise automatisch, ferngesteuert, mehrmals täglich. © Gaby Schneider

Es hat was von Glücksspiel, wenn man sich auf die Suche nach günstigen Spritpreisen macht. Die einen gucken in speziellen Benzinpreis-Apps, andere schwören auf bestimmte Tage oder Uhrzeiten. Hat der Verwalter der MTB-Tankstelle, Lothar Ulrich, einen Tipp? „Die Preise gehen automatisch auf der Anzeige rauf und runter, das läuft völlig an uns Mitarbeitern vorbei. Das ist auch für mich nicht mehr nachvollziehbar, ich finde keine Gesetzmäßigkeit“, sagt er. „An den schlimmsten Tagen gibt es bis zu 30 Preisänderungen.“ Das bedeutet, wenn die Tankstelle 14 Stunden täglich geöffnet ist, ändert sich nach 30 Minuten der Preis. Verschärfend dazu kommt, dass es sich nicht um ein paar Cent handelt, sondern um bis zu 25 Cent. Irre.

Die Preisvergleich-Apps haben einen kleinen Nachteil

Eine junge Frau, die am Nachmittag volltankt für 1,599 den Liter E-10-Superbenzin, verlässt sich auf eine App auf ihrem Handy. „Da gucke ich, wo gerade die billigste Tankstelle ist, und fahre da hin.“ Auf diese Weise ließ sie sich schon am Morgen zur MTB an die Wiesenstraße lotsen, bog dann aber doch nicht zur Zapfsäule ein: „1,839 Euro! Da dachte ich: nee!“ Sie hatte ihren Tank nicht, wie sonst eigentlich üblich, „bis zum Ende ausgereizt“, sondern noch genug Benzin, um ihren Weg zur Arbeit und ihre Wege während der Arbeit zu bewältigen. „Ich muss Auto fahren“, sagt sie schulterzuckend, eine Alternative gebe es angesichts der zum Jahresanfang erhöhten Preise für sie nicht.

Tipp: Den Tank nie leer fahren, sonst kommt man in Zugzwang

Die Strategie der Kundin war so falsch nicht, aber auch nicht richtig gut. Das kann man aus dem weiteren Gespräch mit Lothar Ulrich schlussfolgern. „Wenn die Tankstelle ihren Preis ändert, meldet sie das an die Markttransparenzstelle für Kraftstoffe beim Bundeskartellamt. Erst wenn diese die Information verarbeitet und veröffentlicht hat, können die Apps darauf zugreifen. Es entsteht also immer ein zeitlicher Versatz von zehn bis 30 Minuten“, hat der Verwalter der freien Tankstelle beobachtet. „Es kann also sein, dass sich unser Preis schon wieder geändert hat, wenn jemand aufgrund der App-Angabe herfährt.“ Einen besseren Überblick bekommt der Verbraucher aber schon. Er kann dann aber auch mal Pech haben. Dann hat man Zeit und wertvolle Liter Benzin verbraucht und außerdem unerwünschtes CO2 und vieles mehr in die Umwelt abgegeben.

Tankstellen-Hopping macht wegen zwei Cent keinen Sinn, wegen 25 aber schon

Es ist genauso unsinnig, wie einen weiteren Weg als nötig zum Tanken wegen des Preises auf sich zu nehmen. „Tankstellen-Hopping machen allerdings viele“, sagt MTB-Mitarbeiterin Ute Hansen. Ihr Chef nennt es „Quatsch, wenn es wegen ein oder zwei Cent ist“. Dann spart man bei einer 60-Liter-Tankfüllung nur 1,20 Euro, für die man nicht einmal mehr einen Liter Diesel bekommen würde.

Ist der Unterschied jedoch so hoch wie beim Beispiel unserer MTB-Kundin, also 24 Cent, dann hat sie beim Volltanken mit 60 Litern 14,40 Euro gespart. Das ist schon ein Wort.

Lothar Ulrichs Rat lautet, den Tank nie leer zu fahren, denn dann sei man ja unter Umständen gezwungen, einen hohen Preis zu akzeptieren. Stattdessen solle man immer dann tanken, wenn man zufällig an einer Tankstelle mit günstigem Preis vorbeikommt. Statistische Auswertungen ergeben, dass man dafür tendenziell bessere Chancen am Nachmittag und Abend hat, nicht um 7 Uhr morgens. „So mache ich es auch“, sagt Ute Hansen lachend, „wenn ich sehe, au, jetzt ist es aber günstig, bitte ich meinen Chef, mich an der Kasse abzulösen.“ Klar, sie hat es nun wirklich nicht weit.

Lothar Ulrich erinnert sich zurück, er ist schon sehr lange Verwalter dieser Tankstelle, die einem Mineralölhändler im Schwarzwald gehört. „Früher blieb der Preis wochenlang gleich. Dann stieg er mal um zwei Pfennig und es gab Theater.“ Dann bürgerte sich an den Tankstellen die flexible Preisgestaltung ein, „da waren dann Montag und Donnerstag die billigeren Tage“, so Lothar Ulrich. Schließlich beobachtete er, dass die Preise um 7, 10.30, 12.30 und 16.30 Uhr hochgehen und dazwischen wieder runter.

Der Endpreis ist geradezu entkoppelt vom Rohölpreis

Warum aber das Preisniveau Anfang des Jahres derart angestiegen ist, das fragt sich Lothar Ulrich auch. „An der CO2-Steuer, die um 1,5 Cent angehoben worden ist, kann es allein nicht liegen, dass die Preise um etwa sechs Cent höher liegen als 2021“, sagt er.

„Es ist eigentlich auch nicht der Rohölpreis, diese Annahme hat mich schon immer gefuchst.“ Derzeitige Höchstpreise an den Zapfsäulen sind tatsächlich wie entkoppelt vom Rohölpreis, wie eine Grafik auf Seite 8 unserer Wochenendausgabe vom 15. Januar veranschaulicht hatte. Ein weiteres Schaubild zeigt, dass die verschiedenen Steuern inzwischen 69 Prozent des Spritpreises ausmachen, der Rest bleibt für Förderung, Transport, Verarbeitung und – Gewinne. „Alles wird gerade so viel teurer. Du musst gucken, wo du bleibst“, sagt Lothar Ulrich dazu seufzend.

MTB-Mitarbeiterin Ute Hansen: „Die Kunden schimpfen nicht mehr“

Sehr traurig wirkt auch ein junger Kunde, der nur wenig Benzin in den Tank seines Kleinwagens füllt. „Ich bin frisch verheiratet, meine Frau und ich wissen aber nicht, ob wir gut für ein Kind sorgen können. Wir bräuchten eine größere Wohnung“, deutet er das noch viel größere Kostenproblem an. „Ich arbeite, aber es bleibt nichts übrig, was ich sparen könnte.“ Die Lebenshaltungskosten lassen ihn verzweifeln. „Ich habe keine Strategie, wie ich mit den hohen Spritpreisen umgehen soll.“

Die zwei von der MTB-Tankstelle sagen, die Kunden schimpfen nicht mehr, sie scheinen jetzt abgehärtet zu sein und die Lage hinzunehmen. „Das war letztes Jahr schlimmer, als die Preise so gestiegen sind“, meint Ute Hansen. „Begeistert ist aber natürlich auch niemand.“ Auf jeden Fall wissen die Leute: Die Mitarbeiter machen die Spritpreise nicht.

Es hat was von Glücksspiel, wenn man sich auf die Suche nach günstigen Spritpreisen macht. Die einen gucken in speziellen Benzinpreis-Apps, andere schwören auf bestimmte Tage oder Uhrzeiten. Hat der Verwalter der MTB-Tankstelle, Lothar Ulrich, einen Tipp? „Die Preise gehen automatisch auf der Anzeige rauf und runter, das läuft völlig an uns Mitarbeitern vorbei. Das ist auch für mich nicht mehr nachvollziehbar, ich finde keine Gesetzmäßigkeit“, sagt er. „An den schlimmsten Tagen gibt es bis

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