Winnenden

Totale Perspektivlosigkeit in Winnenden: Junger Straftäter erneut vor Gericht

Gericht
Am Amtsgericht Waiblingen ist der Fall des jungen Mannes verhandelt worden. Symbolfoto: Büttner © Benjamin Büttner

Es war kein Unbekannter, der dem Jugendschöffengericht gegenübersaß, das am Dienstag, 17. Mai, in Waiblingen unter Vorsitz von Richter Martin Luippold tagte. Vor gerade mal einem Jahr, am 20. April 2021, war der Angeklagte, um dessen Alter, Namen und Geburtsort in Afrika sich Zweifel ranken, an selber Stelle wegen Beleidigung, versuchter Nötigung, vorsätzlicher Körperverletzung, Sachbeschädigung und gefährlicher Körperverletzung zu einer Jugendstrafe von acht Monaten Freiheitsentzug verurteilt worden.

2021: Letzte Warnung „Schuss vor den Bug“

Die Strafe war damals gegen das Ableisten von siebzig Stunden gemeinnütziger Arbeit für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt worden - eine letzte Warnung, einen „Schuss vor den Bug“ hatte der Richter dem jungen Mann damals mitgegeben, auch angesichts der vier Vorstrafen, die sich damals schon auf dem Konto im Bundeszentralregister angesammelt hatten. Eine Warnung, die anscheinend nicht allzu sehr gefruchtet hatte: Nur vier Tage nach seiner Verurteilung beging er schon wieder eine Straftat in einem Winnender Supermarkt.

Er stahl dort Lebensmittel im Wert von 16,85 Euro. Für diesen Diebstahl musste er sich nun verantworten; ebenso dafür, dass er am 7. Dezember in der Winnender Asylbewerberunterkunft in der Albertviller Straße mit einem Stein ein Loch in eine Zimmertür geschlagen und das Schloss zertrümmert hatte, und dass er ein paar Tage später beim Zipfelbach von einer Polizeistreife mit acht Gramm Marihuana in der Unterhose erwischt wurde.

Ein Jahr später: Die nächste letzte Chance

Aufgrund dieser Anschuldigungen wurde nun die Freiheitsstrafe auf zwölf Monate erhöht. Auf Grundlage der im Jugendstrafrecht vorgesehenen „Vorbewährung“ räumte ihm das Gericht die „letzte Chance“ ein, so Richter Luippold, mit Hilfe seiner Bewährungshelferin in den kommenden sechs Monaten ein straffreies Leben zu führen. Zusätzlich hat er 70 Stunden gemeinnütziger Arbeit abzuleisten. „Aber das muss jetzt funktionieren“, mahnte Luippold.

Tatsächlich, war sich das Schöffengericht mit Bewährungshelferin, Vertreterin der Jugendgerichtshilfe, Verteidiger, Staatsanwältin und der vom Gericht bestellte Dolmetscher für die Mandinka-Sprache einig, befinde sich der junge Mann in einer geradezu hoffnungs- und perspektivlosen Situation, in einem „üblen Teufelskreis“, so Luippold.

Der Angeklagte wurde nach eigenen Angaben in Gambia geboren, möglicherweise aber auch in Sierra Leone. Der Name, unter dem er bisher behördlicherseits geführt wurde, ist seinen Angaben nach nicht sein richtiger, sondern ein Kosename, mit dem ihn seine Mutter als Kind rief. Die Mutter sei gestorben, als er noch ein kleines Kind war, berichtete er weiter, er wuchs dann bei Vater und Stiefmutter auf.

Eine Schule hat er nie besucht, von klein auf arbeiten müssen

Eine Schule habe er nie besucht, von klein auf habe er arbeiten müssen. Über Senegal, Mali, Burkina Faso, Niger und Libyen sei er dann 2017 nach Europa gegangen, zuerst nach Italien, 2018 über Österreich nach Deutschland.

In Winnenden wurde er als damals unbegleiteter Minderjähriger in einer Wohngruppe untergebracht; in ihr habe er etwas Lesen und Schreiben gelernt. Aus der Wohngruppe musste er ins Asylbewerberheim umziehen, nachdem er im Mai 2019 für volljährig erklärt wurde.

Abschiebung ausgesetzt - weil die Identität nicht klar ist

Wobei auch im Hinblick auf das Alter des jungen Mannes nichts endgültig geklärt ist. Bei seiner Ankunft in Italien gab er sein Geburtsjahr mit 1997 an. Dies sei hundertprozentig falsch, versicherte er nun dem Gericht gegenüber. Er selbst nennt den 23. Oktober 2001 als Geburtstag; ein medizinisches Gutachten kam zu dem Ergebnis, dass er spätestens im April 2000 geboren sein müsste. Einig waren sich Gericht, Jugendgerichtshilfe, Staatsanwältin und Bewährungshelferin darin, in diesem Verfahren auf ihn als Heranwachsenden noch einmal das Jugendstrafrecht anzuwenden.

Was den Aufenthaltsstatus des Mannes betrifft, so ist seine Duldung im März abgelaufen. Seine Abschiebung ist ausgesetzt. Er lebt von 167 Euro Unterhalt im Monat, der Hälfte der vom Gesetz her vorgesehenen Summe. Die andere Hälfte wurde ihm gestrichen, weil er sich weigert, bei der Klärung seiner Identität mitzuarbeiten. Würde er dies allerdings tun, hätte dies zur Folge, dass er in sein Herkunftsland abgeschoben wird, nachdem seine Identität geklärt ist. Und dies möchte er nicht, er möchte in Deutschland bleiben.

Sinnstiftend: Arbeit für Essen

Eine Arbeitserlaubnis besitzt er freilich nicht. Seine Bewährungshelferin hat ihm eine ehrenamtliche Tätigkeit vermittelt. Als Gegenleistung bekommt er Lebensmittel. Er erledige die ihm dort aufgetragenen Arbeiten gern, zuverlässig und pünktlich, berichtete die Bewährungshelferin dem Gericht. Er sei froh, dass überhaupt etwas seinem Leben so etwas wie einen Rahmen gebe.

Zukunftsperspektiven? - Fehlanzeige.

Es war kein Unbekannter, der dem Jugendschöffengericht gegenübersaß, das am Dienstag, 17. Mai, in Waiblingen unter Vorsitz von Richter Martin Luippold tagte. Vor gerade mal einem Jahr, am 20. April 2021, war der Angeklagte, um dessen Alter, Namen und Geburtsort in Afrika sich Zweifel ranken, an selber Stelle wegen Beleidigung, versuchter Nötigung, vorsätzlicher Körperverletzung, Sachbeschädigung und gefährlicher Körperverletzung zu einer Jugendstrafe von acht Monaten Freiheitsentzug

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