Winnenden

Trotz Attest: Maskenstreit im Winnender Getränkeshop

Maskenpflicht
„Ohne Mundbedeckung müssen wir Ihnen den Zutritt verweigern“, steht an der Tür des Geschäfts, aus dem Armin K. ausgewiesen wurde. © Palmizi

An einem Samstag im Advent wollte Armin K.* etwas ganz Normales: ein Einkaufserlebnis, wie er es in normalen Zeiten immer hatte. Dafür betrat er einen Winnender Getränkemarkt ohne Maske, weil er seit längerem so krank ist, dass er keine Maske tragen darf. Was er dann erlebte, war nicht schön – weder für ihn noch für die Mitarbeiter des Getränkemarkts. Armin K. fühlt sich diskriminiert, und der Inhaber des Markts sagt: „Wir diskriminieren niemand!“ Andererseits duldet er definitiv keine Menschen ohne Maske in seinem Markt. Beide, der Kunde und der Händler, haben ihre Erfahrungen gesammelt mit der Maskenpflicht.

Dass Armin K. krank sein könnte, denkt niemand, der ihm begegnet. Er bewegt sich zügig. Er redet klar und klug. Als er den Winnender Getränkemarkt aufsuchte, waren sonst keine Kunden da, die sich über den Maskenlosen hätten aufregen können. Ein Mitarbeiter des Markts half ihm freundlich beim Leergutautomaten und sagte gar nichts wegen der fehlenden Maske. K. fühlte sich schon wohl und schaute noch in die Regale, bis er aus den Augenwinkeln bemerkte, dass er von einer weiteren Person beobachtet wurde, die dann kurz mit dem ersten Mitarbeiter sprach. Armin K. ahnte schon, was kommen sollte. Der zuvor freundliche Verkäufer eilte nun auf ihn zu und fragte ihn, ob er keine Maske hätte. „Ich verwies auf meine ärztliche Befreiung von der Maskenpflicht. Er machte mir unmissverständlich klar, dass der Marktleiter verfügt hat, dass ausnahmslos niemand - auch keine mit ärztlicher Bescheinigung von der Maskenpflicht Befreiten - ohne Maske den Markt betreten darf.“ Der anfangs ganz nette Verkäufer wurde schroff: „Wer keine Maske trägt, darf nicht im Markt einkaufen.“ Der Marktleiter würde von seinem Hausrecht Gebrauch machen und hätte dies so entschieden.

Marktinhaber Markus Reinhardt bestätigt dies im Gespräch mit unserer Zeitung: „In unserer Hausordnung steht die Maskenpflicht.“ Viele der maskentragenden Kunden beschweren sich, wenn jemand ohne Schutz den Laden betritt. „Meine Mitarbeiter sollen auch so gut wie möglich geschützt sein. Mit einem bisschen Tuch im Gesicht kann doch jeder seine Mitmenschen schützen.“

Respektlosigkeit? Randbemerkung der Kassiererin

Na ja. Armin K. versucht immer wieder, Leuten klarzumachen, dass er keine Wahl hat, dass er aus medizinischen Gründen die Maske schlichtweg nicht tragen kann. Im Getränkemarkt bekam er daraufhin zu hören: „So krank sehen Sie mir gar nicht aus!“ K. wurde ungehalten, verlangte die Marktleitung. Eine verantwortliche Dame kam herbei und bat ihn, den Markt zu verlassen, wenn er keine Maske trage.

„Ich ließ meine geplanten Einkäufe im immer noch menschenleeren Verkaufsraum zurück und ging mit meinem Pfandbon zur Kasse. Dem fragenden Blick der Kassiererin begegnete ich, bevor sie noch etwas sagen konnte mit dem Satzworauf sie entgegnete, dass sie auch keine Lust habe, den ganzen Tag eine Maske zu tragen.“ Als Respektlosigkeit und unsolidarisches Verhalten gegenüber Menschen mit Behinderung empfindet Armin K. solche Bemerkungen. „Deswegen war ich auch recht ungehalten, auch weil mir während des gesamten Gesprächs unterschwellig der Eindruck vermittelt wurde, dass meine Bescheinigung nicht echt wäre. Ich wurde auch gar nicht zur Vorlage aufgefordert.“

"Ich bin kein Arzt"

„Zu uns sind schon ganz viele Leute mit irgendwelchen Attesten gekommen. Die kann ich nicht überprüfen und nicht einschätzen. Megaaggressiv sind manche von ihnen. Sie gehören zu den Querdenkern. Wie soll ich beurteilen, was die mir vorlegen? Ich bin kein Arzt und kein Rechtsanwalt, ich bin bloß ein einfacher Händler.“ Er muss darauf schauen, dass der Laden zügig läuft, dass sich keine Staus bilden an der Kasse, dass nicht zu viele Kunden im Laden verbleiben und, und, und. „Unsere Mitarbeiter gehen an die Grenzen ihrer Belastungsfähigkeit, um für alle da zu sein“, sagt der Geschäftsinhaber. Diese Corona-Zeit, die gestiegene Infektionsgefahr und die Pflicht, dabei den ganzen Tag Maske zu tragen, nicht bloß für 20 Minuten Einkauf, das ist eine enorme Belastung. Markus Reinhardt sagt: „Wer in diesen Tagen ohne Maske einkaufen geht, der will es einfach nicht verstehen.“

Oder er kann einfach nicht anders – wie Armin K. Einmal, in der ersten Corona-Phase, hat er es nicht mehr ausgehalten, dass er schäl angesehen wird, wenn er keine Maske trägt, dass Leute zum Marktleiter rennen, wenn sie ihn sehen, und seinen Rauswurf verlangen. Dann hat er es mit Mund-Nasen-Schutz probiert, hat die Maske aufgesetzt, obwohl sein Arzt ihm das verboten hatte. Es ging nicht. Er musste die Maske ganz schnell wieder absetzen. Sie verträgt sich nicht mit seiner Erkrankung. „Ich habe diese Erkrankung und muss mit ihr leben. Ich kann es nicht ändern“, sagt er.

„Wer das nicht kann, wer die Maske nicht verträgt, der sollte sich vielleicht jemand suchen, der für ihn einkauft“, sagt der Händler.

Armin K. hat seine Frau, die das macht, die ohnehin schon viel ohne ihn einkauft. Aber wenigstens die Getränke, die wollte dann doch mal er selbst einkaufen. Unmöglich! Weil Kunden, Verkäufer und Händler es nicht aushalten wollen mit dem Mann, der keine Maske tragen kann, fährt er manchmal mit zum Supermarkt und bleibt mit den Kindern im Auto sitzen, während seine Frau einkauft.

Das Hausrecht - Der Händler entscheidet

Die Rechtslage ist eindeutig auf der Seite der Händler. In jedem privaten Geschäft gilt das Hausrecht, das der Händler selbst formuliert. Er ist der Hausherr und darf die Bedingungen stellen. Erfahrungen mit dieser Gesetzeslage hat Armin K. schon zu Beginn der Pandemie gemacht, als er in Ludwigsburg bei Ikea einkaufen wollte. Ohne Maske wurde er nicht hineingelassen. Ikea war so rigoros, dass Armin K. voller Ärger zur Polizei ging. Die Beamten erklärten ihm die Rechtslage. Und was würde die Polizei machen, wenn Armin K. trotzdem ohne Maske den Ikea betreten würde? „Die haben mir in freundlichem Tonfall erklärt, dass sie mich dann rausholen würden.“

Ikea konnte seine strikte Haltung nicht lange halten. „Mittlerweile muss man ein Attest vorlegen, wenn man keine Maske trägt. Dann bekommt man ein Gesichtsschild und darf mit dem das Geschäft betreten.“

K. weiß von etlichen anderen Geschäftsleuten, die weiterhin strikt ihr Hausrecht ausüben und dabei auch noch ziemlich unfreundlich reagieren. Was würde er sich denn wünschen? Wie sollen Verkäuferinnen oder Händler reagieren, die mit Maskenverweigerern und Querdenkern schon ordentlich Stress haben? „In Bayern habe ich es schon erlebt, dass jemand freundlich bemerkt hat:“ Dieses Misstrauen einem Behinderten gegenüber, dieser ewige Verdacht, er könnte ein Querdenker oder Maskenverweigerer sein, den würde er gerne nicht mehr verspüren müssen. Man könnte sein Attest mal anschauen und ernst nehmen, und seine Erkrankung auch. Sein Leben würde um einiges normaler und schöner als jetzt.

*) Name von der Redaktion geändert. Das Attest und der Schwerbehindertenausweis waren für die Redaktion einsehbar.

An einem Samstag im Advent wollte Armin K.* etwas ganz Normales: ein Einkaufserlebnis, wie er es in normalen Zeiten immer hatte. Dafür betrat er einen Winnender Getränkemarkt ohne Maske, weil er seit längerem so krank ist, dass er keine Maske tragen darf. Was er dann erlebte, war nicht schön – weder für ihn noch für die Mitarbeiter des Getränkemarkts. Armin K. fühlt sich diskriminiert, und der Inhaber des Markts sagt: „Wir diskriminieren niemand!“ Andererseits duldet er definitiv keine

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