Winnenden

Trotz Corona-Lockdown: Wie ein entspannter Christbaumkauf funktionieren kann

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Wer angemeldet war, durfte mit Abstand seinen Baum auf dem Dorfplatz auswählen. © Benjamin Büttner

So geht's auch: Gesittetes Anstehen statt Wühltisch-Atmosphäre auf der Christbaum-Shopping-Meile: Wie ein Verein wegen Corona die Leute sogar noch besser als früher mit ihrem Wunschbaum zusammengebracht hat. Und warum es gut ist, beim Baumkauf die Tochter dabeizuhaben. Dies an alle, die jetzt noch keinen Christbaum zu Hause haben. Verbunden mit einer guten Nachricht vor allem an alle gestressten Familien, die dieses Jahr die Oma mit ihrem Baum nicht besuchen und einen eigenen brauchen. Müssen sie sich in den nächsten zwei Tagen danach abhetzen? Nein: Trotz Lockdown ab Mittwoch, der Weihnachtsbaumverkauf darf weitergehen. Doch nun der Blick nach Breuningsweiler. Taugt das Dörflein zum Baumverkaufsvorbild?

Kauf kontaktlos - und dann noch Lieferservice!

„Prima, dass Sie es überhaupt anbieten“, verteilt Michael Dengler Lob an den Obst- und Beerenbauverein (OBV), der zum sechsten Mal den Christbaumverkauf über die Straße anbietet. Viele Breuningsweilermer haben sich daran gewöhnt, fürs Bäumchen nur ein paar Schritte aus dem Haus tun zu müssen.

Heuer war im Vorfeld etwas mehr Planung verlangt: Die Anmeldung lief digital per QR-Code. Es gab Zeitfenster: Pro Viertelstunde konnten sich sechs Kunden über Doodle dafür anmelden. „Um wenig Kundschaft auf dem Platz zu haben“, stellt OBV-Vorsitzender Manfred Steiner das Konzept vor. Dazu gehört ferner: Verkäufer sind strikt getrennt von den Kunden durch eine Absperrung, Masken obligatorisch, gewartet wird mit Abstand in einer Reihe. „Hat alles wunderbar geklappt, es ist die kontaktloseste Form des Baumkaufs, die ich mir grad vorstellen kann“, so Michael Dengler, der allererste Baumkäufer am Samstagvormittag.

„Ich wähle kurz nach der Größe aus, wenige Stunden später steht das Bäumchen vor der Tür“, beschreibt Michael Dengler den nächsten Vorteil des Vereinsverkaufs. Den Abtransport übernimmt der OBV. Vier Mitglieder packen die mit Namensetikett versehenen Bäume auf die Hänger und spielen Baum-Kurierdienst. Einer nach dem anderen meldet sich bei Manfred Steiner an, der mit dem iPad die Namen mit der Liste abgleicht - für die dafür notwendige stabile Internetverbindung könne er das WLAN eines Nachbarn mitnutzen.

Eine kleine Show tut gut in der beklemmenden Zeit

Wer an der Reihe ist, betritt zacki-zacki eine mit rot-weißem Absperrband ausgewiesene Guck-Zone. Lustig, wie die Helfer die Bäume präsentieren: Sie drehen sie im Kreis herum, lassen sie wie einen Kreisel auf dem Stamm eine Pirouette drehen, damit sie von allen Seiten zu mustern sind. Ein bisschen Show darf sein, auch am Tag eins mit den seit dem frühen Vormittag geltenden, beklemmend fremden, das vorweihnachtliche Treiben beschneidenden Ausgangsbeschränkungen. Vor einem Jahr wünschten sich die Menschen in der stimmungsvoll weihnachtlichen Ortsmitte mit der heißen Glühweintasse in der Hand einen schönen dritten Advent. Heuer sind Hände in den Jackentaschen vergraben, und man hört oft den Abschiedsgruß „Und bleibet gesund“. Denn dieses Jahr gibt’s außer dem Baumkauf nichts. In den Vorjahren hatte der OBV ein ortsinternes Mini-Weihnachtsmärktle dazugestrickt. Ein paar Stände waren aufgebaut, an denen es Selbstgestricktes, Porzellan und manches mehr von örtlichen Kunsthandwerkerinnen zu kaufen gab, und im liebevoll geschmückten Café Ingrid im Alten Rathaus gab’s heißen Kaffee von Ingrid Steiner und OBV-Schriftführerin Ingrid Leser. Da hat sich das halbe Dorf zum Snack aus der Hand und zum Schnack im Vorbeigehen getroffen.

Dieses Jahr fällt so viel flach - da muss ein Baum einfach sein

Am Samstagvormittag fühlen sich bei Nieselregen die fünf nasskalten Grad unangenehm kalt an, weil kein heißer Kaffee oder eine Gulaschsuppe dagegen anwärmen. Weihnachtliche Wärme aber bringt ihr der Weihnachtsbaum, ohne den für Bianca Ihm nicht Weihnachten ist. „Und dieses Jahr erst recht ein Baum“, sagt sie entschieden. „Er tut innerlich gut und ist eine Freude, wenn man sonst ja nichts machen kann“, sagt sie. Sie macht einen richtigen Großeinkauf: „Ihr 15-jähriger Sohn kriegt einen eigenen Baum für sein Zimmer, das ist seit zwei Jahren jetzt so“, erzählt sie und wählt für ihn den allerkleinsten aus - ein goldig handlicher Winzling, knapp einen halben Meter hoch. Die Oma kriegt einen, und die Schwester steht auch an und wählt nach Augenmaß. Und dann kommt noch der fürs eigene Wohnzimmer mit. Das Prozedere mit Online-Registrierung sei „kein Problem“ gewesen, „mit ein paar Klicks erledigt“, so Bianca Ihm.

Die Veranstalter registrieren ihrerseits eine angenehme Entspannung, weil der Baumkauf so geordnet über die Bühne geht: Die Leute kommen, füllen die bereitliegenden Zettel mit ihren Kontaktdaten aus, suchen sich ihren Baum aus und ziehen Leine. Der OBV will daran festhalten, weil es die Abläufe entspannt habe. Letztes Jahr habe er an Supermarktszenen denken müssen, „wenn Rabattaktion ist“, schildert James Holmes, Vereinsmitglied und Baumpfleger, humorvoll Erinnerungen an die Wühltischatmosphäre, die dieses Jahr dank hervorragend organisierter Abstands- und Hygienemaßnahmen keine Chance hat.

„Es ist extrem ruhig“, meint OBV-Mitglied Gerd Lorenz, auch er hat eine Szene lebhaft vor Augen, über die er heute schmunzelt. „Da haben manche mehr auf ihren Baum aufgepasst als auf ihre Kinder, da wurde hoch und runter gemessen, mit Meterstab und Pipapo, und nach einer Stunde war so gut wie alles abgeräumt.“ Wir lernen: Das Abstandhalten bringt gesittetes Christbaumshopping mit sich, trotz aller schmerzlich vermisster Sozialkontakt-Einbußen. Und die Organisatoren scheren sich nicht um Einnahme-Einbußen: Zwar seien nur rund 75 der 120 georderten Bäume verkauft worden, gibt Manfred Steiner Auskunft. Doch: „Wir sind froh, dass wir den Verkauf überhaupt machen konnten, Familie Oettinger kann ihre Bäume an ihrem Stand im Laufe der Woche noch verkaufen.“ Wegen des entfallenen Weihnachtsmarktes rechnet er mit rund 75 Prozent weniger Gewinn. „Das ist uns aber nicht so wichtig, wichtiger war es, den Bürgern zum Weihnachtsfest den Baumkauf so angenehm wie möglich zu machen.“

Worauf's den Töchtern bei der Auswahl ankommt

Roland Friedrich und die 18-jährige Tochter Jara sind happy, den Wunschbaum in petto zu haben, ohne groß irgendwohin fahren zu müssen. Ausgewählt hat sie. Ihr war wichtig, dass er „unten dicht ist und oben auch ein paar Zweige mehr hat“. Bei einem raumhohen, eher buschigen Exemplar schlägt sie zu. Auch der Vater hat keine Einwände: „Der passt genau. Man muss nicht viel abschneiden, nur unten am Stamm etwas grade sägen, oben ein winziges Stück von der Krone abzwacken, damit der Stern draufpasst.“

Klaus Leser lässt ebenfalls der 15-jährigen Tochter Marie den Vortritt: „Den muss sie aussuchen, sonst gibt’s Terror“, meint er lachend. „Ich mag große Bäume“, sagt sie. „Und die Zweige sollten erst etwas weiter oben anfangen, damit man ihn noch unten schmücken kann“, erklärt sie, worauf sie alles schaut. Den Baum haben sie jetzt. Ist die Weihnachtsstimmung auch schon da? „Vielleicht ist es dieses Jahr sogar besser, intensiver und näher an der Tradition, wirklich nur im kleinsten Kreis beisammen zu sein“, meint Klaus Leser. Augenzwinkernd fügt er hinzu: „Der ganze Reiseverkehr zu den Schwiegerleuten und dem Rest der Familie an den Feiertagen entfällt.“

Dass sie ihre traditionelle Weihnachtsreise in den Wind schreiben muss, sei schade, doch Andrea Kutter kann sich damit abfinden - sie findet zurück zum Baum. „Ich kaufe seit 20 Jahren zum ersten Mal wieder einen, ich weiß gar nemme, wie Weihnachten eigentlich geht“, sagt sie und lacht herzlich. Denn seit Ewigkeiten sei sie sonst immer mit einer Gruppe im Bregenzer Wald in einer Vereinshütte, bis Neujahr. Als Breuningsweilermerin habe sie bisher hier immer nur vorbeigeschaut, weil das Märktle nett war, auf ein Glühweinchen und zum Schwätzchen. „Mir hat’s fast immer leidgetan, dass ich keinen Baum brauchte, weil sie immer sehr schöne haben.“ Dieses Jahr holt auch sie die Kartons mit Lichterkette und kupferfarbenen Kugeln, Filzengeln und Strohsternen von der Bühne. „Ich hab' neulich nachgeschaut, es ist alles noch da“, sagt sie. Statt der Reise entgegenzufiebern macht sich Vorfreude aufs Baumschmücken breit.

So geht's auch: Gesittetes Anstehen statt Wühltisch-Atmosphäre auf der Christbaum-Shopping-Meile: Wie ein Verein wegen Corona die Leute sogar noch besser als früher mit ihrem Wunschbaum zusammengebracht hat. Und warum es gut ist, beim Baumkauf die Tochter dabeizuhaben. Dies an alle, die jetzt noch keinen Christbaum zu Hause haben. Verbunden mit einer guten Nachricht vor allem an alle gestressten Familien, die dieses Jahr die Oma mit ihrem Baum nicht besuchen und einen eigenen brauchen.

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