Winnenden

Ukrainerin übers Weihnachtsfest in der Turnhalle: „Ich bin traurig und dankbar“

Weihnachten in der Flüchtlingsunterkunft
Olena Petrushenko und ihr Sohn Dima in der Familien-Koje. © ALEXANDRA PALMIZI

Was ist es für ein Gefühl, das Weihnachtsfest in einer Turnhalle zu verbringen, weit weg vom vertrauten Umfeld, getrennt von den Lieben? Was bewegt Geflüchtete in dieser besonderen Zeit in Winnenden – einer Stadt, deren Namen sie bis vor einem Jahr noch nie gehört haben? Saltanat Heinzelmann, die städtische Integrationsmanagerin, übersetzt die bewegenden Gespräche mit den Ukrainern, die seit dem 9. November in der Buchenbachhalle in Birkmannsweiler leben.

Mit Stoffen ist ihr Bereich von anderen abgetrennt

„Ich bin traurig und dankbar“, sagt Olena Petrushenko. Traurig darüber, dass sie ihre Verwandtschaft nicht um sich hat, dankbar für die Hilfsbereitschaft, die sie erfahren. Die 30-jährige Mutter, ihr sieben Jahre älterer Mann Viktor und die beiden Kinder Alisa und Dima sind aus der Stadt Berdjansk geflüchtet und haben in einer mit Stoffen abgetrennten Koje der Sporthalle eine Bleibe gefunden.

Sie seien erleichtert, ein Dach über dem Kopf zu haben und in Sicherheit zu leben. Sie fühlen sich gut aufgenommen in der neuen Umgebung. „Die Menschen unterstützen uns nicht nur materiell, sondern sprechen mit uns, fragen, wie es geht, die Kinder spielen zusammen.“

Freunde und Teile der Familie leben noch in der Ukraine

Zu wissen, dass die Familie, Freunde und Verwandte im umkämpften Gebiet zurückgeblieben sind, sei bedrückend. Wenige Tage vor dem Weihnachtsfest, das sie erstmals fern der Heimat verbringen, sei sie „überhaupt nicht in Stimmung dafür“. Vor einem Jahr hätten sie schön „häuslich im Familienkreis“ gefeiert.

„Die Familie ist das Allerwichtigste an Weihnachten.“ Weihnachten bedeutet für sie „Heimat“, und die blickt in eine ungewisse Zukunft.

Einen Tag nach Weihnachten ist das sechste Enkelkind zur Welt gekommen

Mit am Tisch sitzt die 64-jährige Luidmyla Privalova. Seit dem Tod ihres Mannes lebte sie alleine in der Stadt Nikolaev. Vor einem Jahr war sie im Oma-Glück, weil einen Tag nach Weihnachten ihr sechstes Enkelkind zur Welt kam, das sie bis heute nur von Fotos kennt. „Im Arm hatte ich es noch nicht, weil die Kinder weit entfernt leben.“ Seit Kriegsbeginn hätten sie sich nicht mehr besuchen können.

Manchmal gibt es nur zwei Stunden Strom im besetzten Gebiet

Ob sie an Weihnachten ein Foto oder Video der Kleinen auf ihrem Handy empfangen kann, sei ungewiss. „Gestern hat mir mein Schwiegersohn eine Nachricht geschickt, aber oft ist die Verbindung zu schlecht.“ Es klappe nicht jeden Tag. „Manchmal gibt es nur zwei Stunden Elektrizität“, beschreibt sie die Folgen häufiger Stromausfälle und schlechter Verbindung in der besetzten Stadt. Sie hoffe nun, an den Feiertagen wenigstens kurz die Stimmen der Kinder und Enkel zu hören.

Für die 52-jährige Nataliia Lizunova, eine weitere Bewohnerin, ist Weihnachten ein „Riesenfamilienfest mit vielen Kindern und Geschenken“. Ihre Augen leuchten, als sie von ihrem Weihnachtsgeschenk berichtet, das Ehrenamtliche ihr und ihrer 75-jährigen Mutter gemacht haben. „Unsere Stimmung ist gut, weil wir zu einem Kindermusical an Heiligabend eingeladen wurden.“ Was vermisst sie am meisten? „Die Atmosphäre, die Luft, das Vertraute, das ich daheim einatme.“

Das Gefühl einer Familie, weit entfernt von den eigenen vier Wänden

Olena und ihr Mann sehnen sich nach der Heimat und ihrem Haus. „Die eigenen Hauswände heilen“, zitiert Olena eine ukrainische Redewendung. „Und sie helfen“, ergänzt Luidmyla. Was aber kann helfen, wenn die eigenen vier Wände weit weg sind? Trost spende ein Ehepaar, das sich ehrenamtlich um die Geflüchteten kümmert. „Sie sind warmherzig und geben mir das Gefühl, wie in einer Familie aufgehoben zu sein“, erzählt Luidmyla.

Sie hätten sie mehrmals zu einem Zahnarzt begleitet, der ihr mehrere Zähne ziehen musste. „Dann haben sie mir einen Mixer geschenkt, damit ich das Essen nicht kauen muss.“ Diese Erlebnisse geben neue Kraft.

Gottesdienst an Heiligabend wird übersetzt

Nach Auskunft von Hartmut Greb, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde in Birkmannsweiler, bemühen sich städtische Mitarbeiter und rund 30 Helfer, um den Ukrainern ein Gefühl der Geborgenheit zu vermitteln.

In den Adventswochen hätten sie eine Zusammenkunft organisiert und die vier in der Halle lebenden Kinder bekamen Besuch vom Nikolaus. An Heiligabend sind alle auf den Schulhof in Birkmannsweiler zum Gottesdienst der evangelisch-methodistischen Gemeinde eingeladen, der ins Russische übersetzt wird, so Pfarrer Greb. Zum orthodoxen Weihnachtsfest am 7. Januar sei am Nachmittag eine Feierstunde im Gemeindehaus in Birkmannsweiler geplant. Da soll gekocht und fein aufgetischt werden, kündigen die Organisatorinnen Valentina und Kristina an.

„Die Lichter in Winnenden und Schorndorf erinnern mich an zu Hause“

Während der vorweihnachtlichen Zeit hätten sie viel Neues entdeckt, berichten die Ukrainer. Adventskranz und Adventskalender etwa seien ihnen nicht geläufig. Auch die Beschriftung der Sternsingerkinder an den Türrahmen mussten sie sich erklären lassen.

Den Brauch, von Tür zu Tür zu laufen und zu singen, kennen sie indes sehr wohl. „Bei uns laufen Kinder und auch Erwachsene durch die Straße und bekommen fürs Singen kleine Geschenke oder Süßigkeiten“, sagt Nataliia und schwärmt von den hellen, festlichen Innenstädten hier. „Die Lichter in Winnenden und Schorndorf erinnern mich an zu Hause, alles ist so häuslich und gemütlich.“

Weihnachten in der Ukraine ist wie bei uns mit gutem ausgiebigem Essen, mit Licht und Musik verbunden. Olena kramt Bilder von ihrer weihnachtlich dekorierten Wohnung vor Kriegsausbruch hervor. Beim Blick auf ihren bunt behängten Baum blüht sie auf. Viele blinkende Kugeln in mehreren Farben hängen an der Plastiktanne. Vor dem Fenster leuchten verheißungsvolle Lichtergirlanden.

Mit Wehmut zeigt Nataliia Lizunova Fotos aus ihrer ehemals hell erleuchteten Heimatstadt Charkiw. „Die Stadt stellt immer einen großen geschmückten Baum auf. Hier treffen sich die Menschen am Weihnachtstag, um zu feiern, zum Schlittschuhfahren auf einer Bahn, und es gibt Programm“, findet sie Worte für die einmalige Stimmung. Heuer bleibe ihre Heimat weitgehend dunkel. Um möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erregen, wird der Weihnachtsbaum lediglich in der U-Bahnstation aufgestellt.

Es bleibt noch etwas Zeit bis zum Fest für die Ukrainer

Auch in der Buchenbachhalle leuchtet bis jetzt noch nicht viel, aber Weihnachten feiern die Ukrainer auch erst am 7. Januar. Etwas Zeit bleibt also noch. Ehrenamtliche haben vor Wochen ein hübsches Weihnachtsbäumchen aufgestellt und geschmückt. Es steht auf der Bühne, wo eine improvisierte Kinderspielecke und ein Gemeinschaftsbereich mit einigen zusammengeschobenen Tischen und Stühlen eingerichtet wurden.

Auch ihre Koje soll an den Festtagen nicht ganz kahl sein, meint Olena, auch wenn sie sich mit der Beleuchtung zurückhalten wird. Eine Kerze anzuzünden ist nach Information von Saltanat Heinzelmann wegen der Brandgefahr nur im Beisein der Bewohner gestattet. Auch sollten es nicht zu viele Lichterketten sein, um Kabelsalat zu vermeiden.

Viktor hat schon eine Idee. Er präsentiert ein Handyfoto von einem selbst gebundenen Kranz, den wollen sie eventuell aufhängen. „Und für die Kinder machen wir etwas Kleines, sie schneiden vielleicht etwas aus“, sagt er.

Was ist es für ein Gefühl, das Weihnachtsfest in einer Turnhalle zu verbringen, weit weg vom vertrauten Umfeld, getrennt von den Lieben? Was bewegt Geflüchtete in dieser besonderen Zeit in Winnenden – einer Stadt, deren Namen sie bis vor einem Jahr noch nie gehört haben? Saltanat Heinzelmann, die städtische Integrationsmanagerin, übersetzt die bewegenden Gespräche mit den Ukrainern, die seit dem 9. November in der Buchenbachhalle in Birkmannsweiler leben.

Mit Stoffen ist ihr Bereich

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