Winnenden

Vermisster Junge meldet sich über Facebook

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„Ihr braucht keine Angst zu haben“_0
Das Facebook-Video zeigt Hisam mit einer schwedischen Tageszeitung vom 25. März. Die arabische Schrift unter „#Es wurde geklärt“ übersetzt Google mit folgenden Worten: „Baby Baby ist in Schweden. Die Suche nach dem Baby ist beendet“ © Screenshot Facebook
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Via Facebook-Video meldete sich der vermisste Elfjährige zu Wort.

Winnenden. „Ihr braucht keine Angst zu haben“, sagt der Junge und hält eine schwedische Tageszeitung vom 25. März in die Kamera. Das Video zeigt den elfjährigen Hisam, der von Freitag bis Montag von der Polizei so verzweifelt gesucht worden war. Der Junge, der 2018 aus dem Irak nach Deutschland gekommen war, ist demnach bei Verwandten. Das Video ist echt, heißt es von der Polizei, wo größte Erleichterung herrscht.

Ich bin heute in Schweden angekommen. Ich bin bei Onkel und Tante, Oma und Opa. Ich will nie wieder nach Deutschland, hier ist es viel besser – so sagt es der elfjährige Hisam in dem Video, das auf der Facebook-Seite einer „religiösen Buchhandlung“ hochgeladen wurde. Was das für eine Buchhandlung ist und unter welcher Adresse sie zu finden ist, ist nicht einzuordnen. Es gibt keine Hinweise, die Facebook-Posts sind alle auf arabisch, die auf der Seite gezeigten Filmchen sind ziemlich buntgemischt.

Zwei Stunden vor Veröffentlichung des Videos hatte die „religiöse Buchhandlung“ die Suchmeldung der Waiblinger Polizei inklusive Bilder von zvw.de veröffentlicht. Unter der Suchmeldung kommentierte ein Mann: „Der Junge ist in Schweden in seinem Haus in Malmö und die Nachricht ist 100 % und ich bin derzeit mit dem Onkel des Jungen da“ (aus dem Arabischen übersetzt mit Google). Auf dem ZVW-Facebook-Auftritt auf das Video verlinkt hat wiederum eine Frau. Sie schrieb: „Der Fall ist geklärt“. Ist das Video echt?

Der Film – ein Beweis, dass es dem Jungen gut geht

Ja, sagt Roland Krötz, Pressesprecher der Polizei. Mit diesem Film wurde den Beamten, die bis Montagabend verzweifelt nach dem Jungen gesucht hatten, bewiesen, dass es dem Elfjährigen gut geht. Die Polizei, sagt Krötz, hatte über nicht näher benannte soziale Medien Kontakt mit Bezugspersonen des Jungen und forderte ein Lebenszeichen. Irgendjemand, sagt Krötz, habe das Video dann auch ins Netz gestellt.

Bei den Beamten herrscht, sagt Ronald Krötz, größte „Erleichterung“, dass der Junge wohlbehalten aufgetaucht ist. Und es sei „menschlich“ total verständlich, dass ein Elfjähriger schmerzliche Sehnsucht nach naher Familie hat. Auch in diesem Fall zeige sich einmal wieder die Dramatik der Flüchtlingsfamilien.

Rechtliche Fragen: Muss Hisam zurück nach Deutschland?

Dennoch und trotz des glücklichen Endes stellen sich jetzt rechtliche Fragen: Darf der Junge bei seiner Familie in Schweden bleiben? Oder muss er gemäß Dublin-Abkommen zurück nach Deutschland? Wird gar strafrechtlich ermittelt? Der Junge ist minderjährig und damit strafunmündig. Doch hat er seine Reise nach Schweden wirklich allein gemacht? Er traue, sagt Krötz, einem Kind, das schon allein aus dem Irak nach Deutschland gekommen ist, sehr viel zu. Dennoch hat er Zweifel. Womöglich habe eben doch jemand irgendwie geholfen. Doch Beweise diesbezüglich gebe es bislang nicht.

Die Paulinenpflege, von der Hisam bislang in einer Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreut wurde, ist nicht mehr für den Jungen zuständig und hat auch keinerlei Informationen darüber, wie Hisam nach Schweden gekommen sein könnte. Sicher ist nur: Die Reise war nicht mit dem Vormund des Jungen, einer Mitarbeiterin des Jugendamts, abgestimmt. Das Jugendamt wusste von der Reise nichts.

Und üblicherweise dürften sich Flüchtlinge in Deutschland frei bewegen, die Grenzen jedoch nicht überschreiten. Dennoch seien, so die Pressestelle des Landratsamts, jetzt erst mal die schwedischen Behörden am Zug.


Die Vorgeschichte

Der heute elfjährige Hisam war aus dem Irak gekommen und im Mai 2018 in Deutschland gelandet. Seit Mitte 2018 wurde er von der Paulinenpflege im Schelmenholz betreut.

Der Junge besuchte die Stöckachschule in Winnenden und fuhr immer mit dem Bus hin und zurück. Nach derzeitigem Kenntnisstand soll der Junge vergangenen Freitag nicht in den Bus gestiegen sein.

Der Junge war bislang nie negativ aufgefallen, war noch nie vorher verschwunden oder weggelaufen und sprach schon sehr gut Deutsch.