Winnenden

Versorgung mit Medikamenten in Gefahr

1bb77c14-166e-4832-ba92-e3e3a1aad21a.jpg_0
Der Apotheker Tilmann Hecht kann derzeit nicht alle Medikamente verkaufen, die die Ärzte seinen Kunden verschreiben. Der Grund sind Lieferengpässe, weil Arzneimittel in großen Mengen aus Deutschland nach Großbritannien verkauft werden. Dort lässt sich mehr verdienen. © Büttner / ZVW

Winnenden. „Viani“? Zur Zeit nicht lieferbar. Das Asthmamittel ist nur eines von vielen Medikamenten, bei denen die Apotheken derzeit passen müssen. Die Pharmahersteller haben die Auslieferung kontingentiert, um Grauexporte ins lukrativere Ausland zu unterbinden.

Tilmann Hecht, Betreiber der Brunnen-Apotheke in Leutenbach und der Winnender Schelmenholz-Apotheke, kennt das Problem. Betroffen sei nicht nur das Asthmamittel Viani. Eine ganze Reihe weiterer Blutdruck- oder Diabetesmittel sind über den Großhandel nicht zu beziehen. Oft muss der Apotheker sie direkt beim Hersteller bestellen, was für beide Seiten einen hohen Aufwand bedeutet. Es handelt sich meist um Präparate, die nicht durch einen alternativen Wirkstoff zu ersetzen sind oder eben von einem anderen Hersteller bezogen werden können. „Viani“ ist eine Ausnahme. Die Alternative heißt „Atmadisc“ – und ist um einiges teurer.

Immer öfters kommt es bei Medikamenten zu Lieferengpässen, bestätigt Dr. Jürgen Stemmler, Sprecher des Verbandes der forschenden Arzneimittelhersteller (vfa). Dafür gebe es zwei Gründe. „Der Klassiker“ sei, dass nicht genügend Medikamente ins Land kommen. Dies treffe vorwiegend auf Generika zu, also nicht mehr patentgeschützte und deshalb günstige Arzneimittel. Neueren Datums seien hingegen die Lieferengpässe wie bei „Viani“, weil zu viel aus dem Land geht.

Deutschland ist bei Arzneimitteln kein Hochpreisland mehr

Traditionell sei Deutschland ein Land mit hohem Preisniveau bei Arzneimitteln gewesen. Das habe sich mit den Reformen im Gesundheitssektor geändert und führe zu Medikamentenabflüssen aus Deutschland, sobald die verhandelten Arzneimittelpreise hierzulande unter denen anderer Länder in Europa liegen. Dann lohne es sich für Parallelhändler, rabattierte Medikamente aufzukaufen und in großem Stil in anderen Ländern zu verkaufen.

„Preisbedingte Lieferengpässe lassen sich vermeiden, wenn die direkte Abrechnung erstattungsfähiger Medikamente zwischen Kassen und Unternehmen erfolgt und auf eine öffentliche Leistung der Preisrabatte in Deutschland künftig verzichtet wird“, sagt Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin des vfa. Mit dieser Forderung geht der Verband im Dezember in eine Anhörung des Bundestages, bei der es um das neue Arzneimittel-Versorgungsstärkungs-Gesetz geht. Vertraulichkeit sei in anderen Ländern Standard und könne helfen, unkontrollierbare Medikamentenabflüsse durch Parallelhandel zu vermeiden.

Wer exportiert die Medikamente

In einem Interview mit dem Internetportal apotheke-adhoc.de hat Dirk Greshake, Deutschlandchef des Pharmaherstellers Astra-Zeneca, die Lieferengpässe bestätigt. Das Unternehmen habe teilweise 70 Prozent mehr Arzneimittel ausgeliefert, als Nachfrage auf dem deutschen Markt bestand. Dennoch beschwerten sich Apotheker, dass sie keine Medikamente bekamen, und bestellten sie über den Notfallvertrieb. „Wir haben keine andere Erklärung für die aktuelle Situation, als dass der Großhandel oder Apotheken die Waren in erheblichem Ausmaß in andere europäische Länder exportieren.“ Aufgrund der attraktiven Margen bestehe hierfür ein großer Anreiz.

Die Apotheken befinden sich in der Zwickmühle. Einerseits sei es dem Großhandel erlaubt, innerhalb der EU Medikamente zu exportieren. Andererseits sei er per Gesetz verpflichtet, für eine bedarfsgerechte und kontinuierliche Belieferung der Apotheken zu sorgen. Dirk Greshake beklagt, dass sich die Arzneimittelpreise in Deutschland „zunehmend am untersten Rand des Preisniveaus“ bewegen. Die Diabetesprodukte seien im Ausland im Schnitt 50 Prozent teurer. „In Großbritannien kosten sie sogar das Doppelte, weil Herz-Kreislauferkrankungen dort gesundheitspolitisch eine ganz andere Priorität genießen“, wird Greshake von apotheke-adhoc.de zitiert. Deshalb kontingentiere die Pharmafirma nicht nur die Belieferungen an den Großhandel, sondern auch die an die Apotheken direkt per Notfallvertrieb.

Lieferprobleme und Rabattverträge

Schon älter als Medikamentenexporte sind die Lieferprobleme, die mit den Rabattverträgen zusammenhängen. Die Landesapothekerkammer beklagt zum einen die Monopolisierung bei den Pharmafirmen, die aus Kostengründen ihre Produktpalette zusammenstreichen. Zum anderen würden viele Medikamente oder Wirkstoffe nur noch im Ausland, beispielsweise China und Indien, hergestellt. „Wenn es dort zu Problemen kommt, bekommen wir in Deutschland das zu spüren.“

Den Apothekern sind Rabattverträge grundsätzlich ein Dorn im Auge. Sie setzten falsche Anreize. „Nur, wer den Zuschlag bekommt, geht in Produktion“, so die Kammer in einer Stellungnahme zu den Lieferengpässen. „Wenn ein Produzent ausfällt, gibt es keinen Zweiten, der einspringen kann.“ Die Apotheker betrieben einen großen Aufwand, damit der Patient doch noch zu seinem Medikament komme. „Wenn die Apotheker nicht flexibel wären, wäre das System schon zusammengebrochen“, so die Apothekerkammer. Diese Probleme seien eine Folge der Bestrebungen von Politik und Krankenkassen, die Arzneimittelpreise immer weiter zu drücken (siehe unten: AOK-Stellungnahme).

AOK zu Rabattverträgen und Lieferengpässen

Die Krankenkassen wollen den Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen, dass Rabattverträge für die Lieferengpässe verantwortlich sind. „Dass Teile der Pharmalobby immer wieder Vorurteile gegen Rabattverträge und damit gegen Wettbewerb schüren und sie zur Ursache von Lieferengpässen erklären, ist Heuchelei“, schreibt die AOK Baden-Württemberg. Schließlich seien gerade diese Verträge das einzige Instrument, Lieferausfälle unter Sanktion zu stellen.

Durch die Verträge werden die gesetzlichen Krankenkassen zugunsten der Versicherten derzeit jährlich um 3,2 Milliarden Euro entlastet. Der in letzter Zeit wieder mehrfach erhobene Vorwurf, Arzneimittelrabattverträge würden Versorgungsprobleme verursachen, lege eine völlig falsche Fährte, so Dr. Christopher Hermann, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg und Verhandlungsführer der bundesweiten AOK-Arzneimittelrabattverträge: „Lieferprobleme sind keine Versorgungsprobleme“, erklärt Hermann. Die AOK Baden-Württemberg fordert die Einführung einer Dokumentations- und Meldepflicht für den Handel mit Arzneimitteln.

Die Warenströme des Arzneimittelmarkts ließen sich derzeit in ihrer ganzen Komplexität nicht durchschauen, schreibt die AOK zu den aktuell auftretenden Engpässen. Pharmahersteller seien vielfach global agierende Unternehmen, weshalb Wirkstoffe und Medikamente mitunter an weit voneinander entfernten Standorten produziert werden. Zwischen den Herstellern und den einzelnen Apotheken ist der Großhandel angesiedelt, der (mehr oder weniger große) Vorräte einzelner Produkte vorhält. „An welcher Stelle der langen Lieferkette sich ein Problem ereignet haben muss, wenn am Ende eine Apotheke ein bestimmtes Medikament nicht bieten kann, ist systematisch überhaupt nicht auszumachen.“