Winnenden

Viele Winnender gingen am Samstag (20.3.) einkaufen und wollen die lokalen Geschäfte auch weiterhin unterstützen

Einkaufstag
Wie läuft der letzte Einkaufstag vor den Beschränkungen in der Winnender Marktstraße? © ZVW/ Alexandra Palmizi
Winnenden.

„Wir haben ganz nett verkauft, wegen mir könnte es so bleiben“, sagt Tanja Heinz, Filialleiterin des Wäschehauses Fischer am Torturm. Eine missverständliche Überschrift in der Tageszeitung habe ihnen schon am Freitag ungewöhnlich viel  Kundschaft gebracht. „Weil viele dachten, dass ab Montag alles geschlossen ist.“ Nicht nur ihr kommt es so vor, als seien die Fachgeschäfte in den Kleinstädten momentan attraktiv. „Wir leben davon, dass uns die heimische Kundschaft sehr unterstützt, die sonst gerne mal nach Stuttgart zum Einkaufen geht.“

Überzeugt vom Konzept „Lokal vor Ort“ ist Edgar Tabar. Er steht im Spielwarengeschäft an und hat kurz Zeit, zu reden. „Während des zweiten Lockdowns habe ich einige Sachen online bestellt und abgeholt.“ Vor der Pandemie habe er sich nicht immer Gedanken ums Einkaufen gemacht, ist er ehrlich. „Bei den Riesen im Internet habe ich nie eingekauft, schon eher im Fachhandel, aber eben oft online.“ Seit Corona seien ihm die Augen für die Sortimente vor Ort aufgegangen: „Die Geschäfte machen viel, haben mehr vorbereitet als erwartet, ich bin sehr gerne zu einem Lokalhelden geworden“, bekennt sich der Winnender zur örtlichen Lokalhelden-Aktion des Stadtmarketings. Ihm mache das Hin- und Her zwischen Lockdown und Öffnung nicht zu schaffen, der Unterschied zwischen „Click & collect“ und „Click & meet“ sei ihm klar. „Ich informiere mich eh laufend über die aktuelle Lage“, sagt er. „Man muss sich anpassen, ich bin hoffentlich noch flexibel genug“, meint er und zeigt lachende Augen über der Maske.

Melanie Müller, Inhaberin von Domenica Moden hat keinen Grund zur Klage. „Bei uns war sehr viel los, auch schon die vergangenen Tage.“ Gekauft werde im Modebereich querbeet alles. „Hauptsächlich gewünscht sind fröhliche Farben, die Stimmung machen und Frühlingsgefühle hervorrufen.“ Viele Kunden seien unsicher. „Sie wissen nicht, ob sie nächste Woche noch normal einkaufen können oder nicht.“ Auch für sie sei die Situation schwierig. „Die Planungssicherheit fehlt im Hinblick auf die Einteilung der Mitarbeiter und beim Einkauf der Waren.“ Da helfe nur: „Kurzfristig agieren und flexibel sein.“

"Spontankunden werden nicht weggeschickt"

„Mehr Flexibilität“ lautet das Zauberwort, das vor dem Wochenende auch in der Politik die Runde gemacht hat. „Vom Einzelhandel wird viel erwartet, wir müssen seit Corona sehr ideenreich sein und immer wieder flexible Lösungen finden“, so Filialleiterin Tanja Heinz. Unter dem Slogan Click & Meet können ab dem heutigen Montag Kunden nach Terminvereinbarung bei ihr einkaufen, Spontankunden werden aber nicht weggeschickt, sie müssen unter Umständen vor dem Laden warten oder noch eine andere Erledigung dazwischen schieben. „Wenn nicht zu viele Personen drinnen sind, kann jeder reinkommen.“ Das Terminliche wollen sie und ihr Team händisch erledigen. Zwei Kunden hätten sich für den heutigen Montag zum Einkaufen angemeldet. „Solange es sich in Grenzen hält, reicht ein Zettel pro Tag aus“, sagt Tanja Heinz. Griffbereit direkt neben dem Telefon liegt künftig ein A5-Ordner in auffallendem Gelb, das Preisschild hinten dran ist noch ganz frisch. „Den habe ich gestern noch extra gekauft, darin heften wir die Namen, Adresse und Telefonnummern der Kunden ab“, weist Tanja Heinz auf weitere obligatorische Vorkehrungen hin.

Die Kunden vermuteten auch in der Parfümerie Schuback eine Schließung, was bei Click & Meet aber nicht der Fall ist. Nach Information von Filialleiterin Heike Bauer wurden überwiegend Pflegeprodukte gekauft, teilweise auf Vorrat und weniger Düfte und Osteraccessoires oder Geschenke. Der Kunde kann nach aktueller Regelung nach Terminvergabe einzeln im Laden einkaufen. „Ein Termin kann auch vor Ort kurzfristig vergeben werden.“ Der Aufwand für die Umstellung sei überschaubar. „Wir mussten nur das Schilderpaket der Schaufenster austauschen.“

Die Ladentür bleibt auch im Schuhgeschäft Grotz geöffnet. Kunden werden ebenfalls auf Zetteln zur Kontaktnachverfolgung mit Namen und Adressen registriert, die Personenzahl ist begrenzt, an der Türe hängt schon seit Freitag ein Hinweiszettel für die Kunden. Die Tochter des Chefs habe nach Bekanntwerden der „Click & Meet“-Regel kurzerhand im PC eine Liste mit Kalenderfunktion angelegt, informiert Verkäuferin Magdalene Widmann. „Den Kunden können wir sofort sagen, wann frei ist und wir behalten im Überblick, wer wann bei uns war.“ Viele Sicherheitsvorkehrungen seien im Einzelhandel schon vor dem zweiten Lockdown praktiziert worden. Insofern sei die Regelung mit den Mischsortimenten aus ihrer Sicht nicht nachvollziehbar. Der Fachhandel musste schließen, die Supermärkte haben munter weiter Spielsachen, Schuhe, Garten- und Baumarktbedarf, Kosmetik und Schreibwaren verkauft. Sie habe oft mitansehen müssen, dass „im Supermarkt nicht mal jemand danach geschaut hat, ob Abstand gehalten wird“. Die Verkäuferinnen sind froh um die jetzige Lösung: „Egal wie, es tut mal wieder gut, Menschen im Laden zu sehen und mit den Kunden zu arbeiten“, sagt Magdalene Widmann. „Alles noch mal zu, alles wieder zu Hause – damit wäre ich nicht glücklich“, ergänzt die Kollegin Lidia Villegas. „Es ist schon etwas anderes, die Kunden nur am Telefon zu beraten und ihnen Schuhe zur Probe mitzugeben.“

Was sagen die Kunden?

Jutta Hage und Irene Angermeier aus Affalterbach nutzen die Gunst der Stunde. „Niemand weiß, wie lange es so bleibt“, sagt Jutta Hage. Beide sind auf der Suche nach einem BH. „Den möchte ich vorher anprobieren, das kann ich online nicht“, sagt sie. „Wir sind dankbar, dass geöffnet ist, der Raum ist groß genug, ich fühle mich sicher“, sagt Irene Angermeier. Die steigenden Infektionszahlen bereiten Unbehagen. „Es ist befremdlich, dass immer eine gewisse Angst dabei ist, ob peu à peu alles wieder geschlossen wird, aber damit müssen wir wohl leben“, sagt Jutta Hage. Corona macht bescheiden – „ich freue mich, dass die Sonne scheint und es immerhin ein bisschen besser ist mit den offenen Läden als zuvor“, sagt Maria Trischberger aus Maubach. Sie sei spontan mit der S-Bahn bekommen. „Brauchen tue ich heute nichts, außer Lebensmittel, aber ich möchte einfach hin- und her laufen und etwas Leben sehen.“ Zum Einkaufen geht sie lieber in den Laden rein als sich etwas beiseite legen zu lassen. Click & Meet bringe ihr nicht viel. „Ich möchte keinen festen Termin zum Einkaufen ausmachen, weil ich selten etwas Konkretes suche, ich will flanieren und spontan zugreifen, wenn mir was gefällt“, sagt sie.

Kinderschuhe? Oh ja, ein wichtiges Thema

Das Ehepaar Schneider aus Winnenden hat sich ein neues Einkaufsverhalten angewöhnt seit Bekanntwerden der Pandemie. „Kontakte vermeiden, so gut es geht“, sagen sie. „Nur einmal pro Woche gehen wir groß Lebensmittel einkaufen.“ Der Enkelin möchten sie zu Ostern ein neues Kuschel-Häschen schenken, nur deshalb seien sie in die Stadt gegangen. „Ihres ist kaputtgegangen, und um es zu ersetzen, sind wir hier“, sagen sie. Sonst halten sich die Bedürfnisse in Grenzen: „Wir haben bis jetzt noch alles.“ Schwierig stelle sie sich die Situation für Familien mit Kindern vor. „Sie brauchen viel mehr, vor allem Kleidung und Schuhe.“ Kinderschuhe? Oh ja, ein wichtiges Thema, sagen Schuhverkäuferin Magdalene Widmann und ihre Kollegin Lidia Villegas. „Kinder sind während der langen Ladenschließung aus den Schuhen rausgewachsen“, sagen sie. Das Thema halte sie täglich auf Trab, das Telefon sei schon während des zweiten Lockdowns „heißgelaufen“, als es Schuhe zur Abholung und Lieferung nach Hause gab. „Die Füße wachsen, die fragen nicht nach Corona“, sagt Magdalene Widmann. Auch Regina Bayer hält am Samstag Ausschau nach einem Paar leichter Schuhe fürs nahende Frühlingswetter. Online helfe ihr dabei nicht weiter. „Meine Schuhe will ich vorher anprobieren.“ Zudem sei es eine Illusion, zu glauben, Onlineshoppen spare Zeit. Der Klick mit der Maus gehe zwar schnell, aber der Rattenschwanz, der dran hängt – den müsse sie nicht haben. „Wenn was nicht passt, muss ich es zur Post bringen, zurücksenden, das ganze Versand-Hin-und-Her oder die Abholung kosten mich mehr Zeit als hierher zu kommen“, sagt sie. „Im Ladengeschäft kann ich wählen aus vielen Modellen, habe den Schuh am Fuß und spüre gleich, ob er passt.“ Sie geht auf Nummer sicher und wartet nicht bis nächste Woche. „So wie sich die Zahlen entwickeln, müssen wir damit rechnen, dass vielleicht bald wieder alles schließt.“

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„Wir haben ganz nett verkauft, wegen mir könnte es so bleiben“, sagt Tanja Heinz, Filialleiterin des Wäschehauses Fischer am Torturm. Eine missverständliche Überschrift in der Tageszeitung habe ihnen schon am Freitag ungewöhnlich viel  Kundschaft gebracht. „Weil viele dachten, dass ab Montag alles geschlossen ist.“ Nicht nur ihr kommt es so vor, als seien die Fachgeschäfte in den Kleinstädten momentan attraktiv. „Wir leben davon, dass uns die heimische Kundschaft

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