Winnenden

Von der Notrufsäule zum Defibrillator

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Pierre-Enric Steiger, Präsident der Björn-Steiger-Stiftung. © Steiger-Stiftung
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siegfried steiger
Vor einigen Jahrzehnten: Siegfried Steiger führte eine Notrufsäule der Björn-Steiger-Stiftung vor. Die Notrufsäulen waren überlebensnotwendig bei Unfällen, als es noch keine Handys gab. Mit Spenden wurden sie finanziert © Privat
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AED-Übergabe Björn Steiger Stiftung an SV Winnenden 1848 e.V.
Die Björn-Steiger-Stiftung stattet ganze Städte flächendeckend mit Defibrillatoren aus und übergibt zum Beispiel dem Sportpark Winnenden einen Defi: Claudia Brähler, Marco Möst (beide SV Winnenden) und Anna Eberchardt von der Björn-Steiger-Stiftung. © Hugh Hinderlider
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Siegfried und Ute Steiger mit Hilda Heinemann, der Gattin des Bundespräsidenten.
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Ehrenbürger
Dr. h. c. Siegfried Steiger und seine Frau Ute Steiger wurden zu Ehrenbürgern der Stadt Winnenden ernannt. (Auf dem Foto mit Tochter Nicole Steiger und Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth). © ALEXANDRA PALMIZI

Winnenden. Die Björn-Steiger-Stiftung – das sind doch die mit den Notrufsäulen. Stimmt schon. Vor 50 Jahren wurde die Stiftung gegründet, und als Erste baute sie eine moderne Rettungsdienststruktur für den Rems-Murr-Kreis auf. Dieses Rems-Murr-Modell wurde zum Vorbild für die Rettungsdienste in ganz Deutschland.


Einen Podcast zum Thema mit Stiftungs-Präsident Pierre Steiger hören Sie auf iTunes, bei Spotify oder direkt hier.


Und heute? Für Pierre-Enric Steiger, den Präsidenten der Björn-Steiger-Stiftung, ist der Rettungsdienst in Deutschland „kollabiert“: „Die Gesamtstruktur muss überdacht werden. Da sind in Europa viele Staaten viel, viel weiter als wir. Eigentlich brauchen wir wie vor 50 Jahren eine Radikalkur.“

Vor 50 Jahren haben Ute und Siegfried Steiger den tödlichen Unfall ihres Sohns Björn bis ins Kleinste analysiert, hin und her abgewogen: Warum musste Björn sterben? Was kann verhindern, dass noch mehr Kinder durch Autounfälle sterben? Sie entwickelten Vorschläge: gut besetzte und ausgestattete Rettungswagen, kurze Hilfsfristen, zentrale, kostenlose Notrufnummer 112, Rettungshubschrauber und die früher bundesweit bekannten Notrufsäulen.

Das alles forderten und förderten sie. Wenn Politiker zögerten, machten sie Missstände publik über Presse und Fernsehen, besuchten Politiker und leisteten Überzeugungsarbeit. Das war früher so, als Siegfried Steiger Präsident der Stiftung war, und das ist heute so mit Pierre-Enric Steiger.

Es ist kein Zufall, dass Steiger junior so ein strenges Urteil über die Rettungsdienste fällt, es ist seine Aufgabe und die der Björn-Steiger-Stiftung: „Wir legen überall da die Finger in die Wunden, wo wir sagen: Es bedarf der Verbesserung im Rettungswesen“, sagt Pierre-Enric Steiger. Vor 50 Jahren, nach dem Tod von Björn Steiger, hat die Familie Steiger damit angefangen, das Rettungswesen zu verbessern, und heute arbeitet sie am gleichen Thema weiter.

Die zentrale Notrufnummer 112 gilt heute in ganz Europa

Die von Steigers geförderte und geforderte zentrale Notrufnummer 112 gilt heute in ganz Europa. Die berühmten Notrufsäulen allerdings, die werden seit 2006 langsam abgebaut. Nur an den Autobahnen stehen sie noch. Neulich auf der Autobahn Freiburg-Karlsruhe war ein Mann zu sehen, der den Rettungsdienst über die Notrufsäule herbeitelefonierte. Das geschieht kaum noch, wie Pierre-Enric Steiger selber weiß.

Er kennt Szenen, wo ein Mensch direkt neben einer Notrufsäule mit Handy telefoniert. Beim Mann an der Autobahn war vielleicht der Akku leer oder er hatte schlechten Handy-Empfang. Jedenfalls machte er genau das Richtige, er nutzte die alte Notrufsäule, bei der die Rettungsleitstelle sofort weiß, wo ganz genau der Notfall passiert ist. Beim Handy ist das nicht so einfach.

In China und Sri Lanka arbeitet die Stiftung an Rettungsdiensten

Die Steiger-Stiftung findet aber immer neue Aufgaben. Pierre-Enric Steiger weilt in diesen Jahren gar nicht mehr so oft in Winnenden, ist öfter in China, auf Sri Lanka oder auf einer Südsee-Insel – nicht als Tourist, sondern als Berater. Diese Länder wollen ihre Rettungsdienste verbessern oder überhaupt erst aufbauen, und die Björn-Steiger-Stiftung ist bereit, dort Aufgaben zu übernehmen.

Es kann schon vorkommen, dass der Gesundheitsminister von Sri Lanka nach Winnenden kommt oder eine chinesische Delegation die Stadt besucht, im Rathaus empfangen wird, das Kreisklinikum besichtigt und insgesamt wissen möchte, woher die Björn-Steiger-Stiftung eigentlich kommt, mit der sie zusammenarbeiten möchten. Pierre-Enric Steiger war vor wenigen Jahren noch Vorsitzender des örtlichen Bunds der Selbstständigen – das kann er nicht mehr leisten angesichts internationaler Verpflichtungen.

Kongress in Berlin zur Zukunft des Rettungswesens

In dieser Woche sind Pierre-Enric Steiger und die meisten seiner Mitarbeiter in Berlin beim Kongress der Steiger-Stiftung zur Zukunft des Rettungswesens. Überzeugungsarbeit ist eine ihrer Aufgaben. Und dann leitet sie auch wieder ganz praktische Arbeit: Was geschieht bei einem Badeunfall, wenn dort am Baggersee kein Handy-Empfang ist? Die Björn-Steiger-Stiftung hat da was: Sie stellt wieder Notrufsäulen auf und betreibt sie zusammen mit der DLRG.

Die Präsidentengattin hat viel möglich gemacht

Eine Woche nach dem tragischen Unfalltod von Björn Steiger kondolierte Hilda Heinemann, die Gattin des damaligen Bundespräsidenten, den Eltern des verunglückten Kindes. Siegfried Steiger wollte damals noch keine Stiftung gründen, sondern hoffte darauf, dass die Politik das Rettungswesen verbessere und dass Hilda Heinemann als Präsidentengattin eine Stiftung ins Leben rufen würde.

Sie hatte aber schon ein anderes Projekt, bat deshalb das Ehepaar Steiger, selbst eine Stiftung zu gründen, und versprach ihnen Unterstützung. Zeit ihres Lebens half Hilda Heinemann der Winnender Stiftung und verschaffte den Steigers viele wichtige Kontakte, die sie brauchten, um etwas für die Rettungsdienste im Land zu bewegen.

Beim Bundespresseball verkaufte der SPD-Spitzenpolitiker Hans-Jochen Vogel Speiseeis zugunsten der Stiftung.

Siegfried Steiger knüpfte viele gute Kontakte zu Presse, Radio und Fernsehen, schaffte es, dass der SDR 1995 mit einer Art Wunschkonzert Spenden für die Stiftung sammelte.

2001 übernahm Bundespräsident Johannes Rau die Schirmherrschaft über die Initiative „Kampf dem Herztod“ der Björn-Steiger-Stiftung. Lange förderte Lothar Späth (ehemaliger CDU-Ministerpräsident) die Björn-Steiger-Stiftung.

Auch im Show-Business fand Steiger Förderer: 1972 gaben Mireille Mathieu, Udo Jürgens, Peter Alexander und andere eine Schallplatte zugunsten des Rettungshubschraubers Christoph 2 heraus. In jüngster Zeit unterstützten Rennfahrer Michael Schumacher, Fußballer Thomas Müller, Schauspielerin Kristin Meyer und Moderatorin Sonya Kraus die Stiftung.


Gründung der Stiftung am 7. Juli 1969

Ende Juni 1969 rief der Winnender Architekt Siegfried Steiger sieben Freunde an und bat sie, mit ihm eine Stiftung zur Verbesserung des Rettungswesens zu gründen. „Alle sagten zu“, schreibt Steiger in seinen Memoiren. Sie gründeten einen gemeinnützigen Verein, aus dem später die Stiftung wurde.

Schon einen Monat später hatte der Verein ein Logo, den „Steiger-Stern“. Manfred Kerler hat ihn zusammen mit Ute und Siegfried Steiger entwickelt.

Erstes Projekt des Vereins: Rettungswagen mit Sprechfunk ausstatten.