Winnenden

Vor 60 Jahren modelte sie auf dem Fernsehturm

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Regina Kögel als Model bei einer Modenschau im Panoramacafé des Fernsehturms 1956. © Mathias Ellwanger
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Regina Kögel als Model bei einer Modenschau im Panoramacafé des Fernsehturms 1956. © Privat
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Regina Kögel
Regina Kögel heute mit Fotos und selbst gemalten Bildern von früher. © Habermann / ZVW
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Der Fernsehturm ist wieder offen. © Habermann / ZVW

Winnenden. Mit dem ab heute wieder offenen Stuttgarter Fernsehturm verbindet Regina Kögel besondere Erinnerungen. Vor 60 Jahren, kurz nach der Eröffnung des imposanten Bauwerks, war sie Model bei einer Modenschau im Panoramacafé. „Bei den Bademoden habe ich zu dem Fotografen gesagt, er soll runtergehen, damit meine Beine besser rauskommen“, erzählt sie lachend.

„Ich wollte immer schon ein bisschen größer sein“, sagt Regina Kögel augenzwinkernd. Sie präsentierte an dem Abend Modellkleider, Gala-Abendrobe, Jacken mit Nerz und auch Badeanzüge, wie sie 1956 der letzte Schrei waren. „Veranstaltet hat die Modenschau die Boutique an der Stuttgarter Hirschstraße, in der ich Verkäuferin war.“ Eigentlich war das Posieren auf dem Laufsteg 147 Meter über dem Degerlocher Wald nur eine Probe für eine Bademodenschau im Flugzeug nach New York ... „Es war trotzdem aufregend. Wir haben oben gespeist.“ Im Publikum war ein Herr, dem hat ihr kesser Auftritt offenbar imponiert. „Am nächsten Tag kam er nach Winnenden mit sieben kleinen Pudeln und wollte mich zum Kaffee einladen.“ Das lehnte sie allerdings ab.

Seit Regina Kögel 17 Jahre alt ist, lebt sie in Winnenden. Geboren und aufgewachsen ist sie in Gotha. „Ich wollte weg aus der DDR, mein Vater stellte für mich einen Ausreiseantrag.“ Der älteste ihrer vier Brüder, Manfred Grosse, war schon in Winnenden und gerade Vater geworden, also versprach sie, ihm und seiner Frau ein bisschen zu helfen. Nach der Schneiderlehre wollte sie eigentlich Modezeichnerin werden. „Mit den Plänen war Schluss, als ich mit 18 meinen Mann kennenlernte und drei Kinder bekam.“

Fotogen und gut aussehend sei sie früher gewesen, sagt die geborene Thüringerin. Viele aktuelle und ein paar ältere Bilder von sich hat sie immer in ihrer Handtasche dabei, sie wecken schöne Erinnerungen. „Mein Mann sagte immer, ich hätte ein Weltgesicht.“ Freilich im Sinne von Frau von Welt, als Kompliment gemeint. Das fanden andere auch. „Der Winnender Fotograf Gräber hat von mir ein Foto gemacht, das war so groß wie eine Türe in Frankfurter Geschäften ausgestellt.“

Künstlerfreunden von früher würde das heutige Winnenden gefallen

Außerdem wusste Regina Kögel, wie sie vorteilhaft aussehen konnte. Sie nähte ihre Kleidung selbst, eiferte ihren Vorbildern Gina Lollobrigida und Sophia Loren nach. In den 70er Jahren, als Hippiefrau mit geflochtenem dünnem Lederstirnband, fotografierte sie ihr Nachbar an der Turmstraße, Manfred Kage. „Damals hat er Musik sichtbar gemacht und Künstler wie der Pantomime Marcel Marceau kamen bei ihm vorbei.“ Kage zog dann aufs Schloss Weissenstein, wurde Professor und gründete eine Firma für wissenschaftliche Mikrofotografie – aber das nur am Rande.

Regina Kögel war „viel mit Künstlertypen zusammen“, die Begeisterung für Mode, Fotografie und andere Kunst ließ sie nie los. Ihr Mann ermöglichte ihr, beim Stuttgarter Professor Peters privat der Malerei nachzugehen. Um Ausstellungen zu besuchen, jettete sie nach New York oder fuhr nach Basel. „Winnenden würde den Freunden gefallen, es hebt sich jetzt ab von anderen Kleinstädten, die bieder geblieben sind.“ Das schreibt sie dem Adlerplatz zu, der die Innenstadt vergrößert hat, und dem Kunsttreff am Marktbrunnen, bei dem sie Stammgast ist. „Durch Kunst wird man offen und frei.“

Ihr mondänes Leben von einst ist wesentlich bescheidener und altersgemäß ruhiger geworden. Doch wenn die Kunsthalle von Würth in Schwäbisch Hall etwas Neues zeigt, will sie hin. Kürzlich hat sie beide Arme gebrochen, alles geht langsamer. Trotzdem, da blitzen ihre Augen auf, zeugen von der alten Koketterie und Lebenslust: „Es wäre schön, noch mal oben zu sein auf dem Fernsehturm. Es war doch etwas Besonderes, dass ich das Wahrzeichen von Stuttgart quasi miteröffnet habe.“

Fernsehturm: Der erste seiner Art

Der Stuttgarter Fernsehturm sollte dafür sorgen, dass in allen Teilen des Landes Fernsehen und Radio empfangen wird. Geplant war ein Gittermast.

Bauingenieur Fritz Leonhardt konnte die Verantwortlichen überzeugen, dem technischen Bauwerk einen Zusatznutzen für den Tourismus zu geben. Er entwarf den ersten Fernmelde- und Aussichtsturm seiner Art, 217 Meter hoch. Die Baukosten betrugen 4,2 Millionen D-Mark. Eröffnung war am 5. Februar 1956.

Vor drei Jahren wurde der Turm gesperrt, der Betreiber Südwestrundfunk musste Brandschutz nachrüsten. Von Samstag an ist der Turm wieder zugänglich.