Winnenden

Vorleser bei "Winnenden liest": Pfarrer Weiß-Trautwein blickt in Parallelwelten

Weiß-Trautwein
Hans-Peter Weiß-Trautwein liest am liebsten auf der Terrasse oder dem Balkon des Pfarrhauses in Hertmannsweiler. © Benjamin Büttner

Die zweite Persönlichkeit, die das Winnenden-liest-Team als Vorleser auserkoren hat, ist Hans-Peter Weiß-Trautwein, seit fünf Jahren Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Hertmannsweiler/Bürg. Lesen gehört für den 62-Jährigen zum Beruf – ist aber weitaus mehr als Pflicht, sondern auch Entspannung, Unterhaltung, intellektuelle Beschäftigung und Eintauchen in andere Welten. „Ich lese klassisch abends vor dem Zubettgehen. Ab und zu habe ich auch freie Zeit, in der ich am liebsten draußen auf dem Balkon oder auf der Terrasse sitze.“ Herrlich ruhig ist es hier, das Pfarrhaus schottet ihn von der Karl-Georg-Pfleiderer-Straße ab, der Garten dahinter bietet Schatten und Vogelgezwitscher. „Hauptlesezeit ist der Urlaub“, spricht Weiß-Trautwein von etwa drei bis fünf Büchern, die er in den freien Wochen konsumiert.

Er mag gut erzählte, am liebsten britische Krimis, und auch in Fantasy tauchte er ein

So weit, so normal. Auch, dass er gerne Krimis liest. Welche? „Am liebsten englische, zum Beispiel von Colin Cotterill die Doctor-Siri-Reihe.“ Der Autor lebte lange in Laos und sei ein großer Beobachter und Erzähler der dortigen Gesellschaft. „Ein anderer britischer Autor, der hervorragend schreibt, ist Ian Rankin mit den Inspector-Rebus-Stories.“ Doch das Kapitel schließen wir schnell ab, deutsche Krimis mag der Pfarrer eher nicht – „mit ihrem moralischen Zeigefinger und ihren viel zu vielen Absichten, die neben dem Kriminalfall noch mit abgewickelt werden“.

Besonders an Hans-Peter Weiß-Trautweins Leseverhalten ist, dass er sich über einen langen Zeitraum hinweg, etwa zwei Jahre, einem Thema widmet, nach dem er seine Lektüre ausrichtet. Als seine Tochter, inzwischen 25 Jahre alt, sich für die „Harry Potter“-Reihe interessierte, las er die Bücher auch, „aus Spaß an der Freud“, tauchte dann aber in die Welt der Fantasy ein. Fand Bezüge zum Christentum bei C. S. Lewis („Chroniken von Narnia“) ebenso wie Anti-Positionen zu Nietzsche bei J. R. R. Tolkien („Herr der Ringe“), und dass Joanne K. Rowling „mehr als christlich angehaucht“ sei: „Voldemort mit seinem Versuch, den Tod zu besiegen, ist der vollständige Gegenentwurf zu Christus.“ Schließlich bohrte der Pfarrer-Bücherwurm sich auch zu den Anfängen des Genres vor: „Da war eine Entdeckung für mich, dass der Begründer der ja sehr typisch britischen Fantasy-Literatur der schottische Pfarrer George MacDonald gewesen ist.“ Weiß-Trautwein hält von dem Mann, er lebte von 1824 bis 1905, immer noch einiges für lesenswert, zum Beispiel „Die Prinzessin und Curdie“. „Fantasy diente MacDonald als praeparatio evangelica, wie das wissenschaftlich heißt, also als Vorbereitung fürs Evangelium.“

Aktuelles Zwei-Jahre-Projekt führt ihn in die Welt religiöser Fundamentalisten

Zurzeit steckt Hans-Peter Weiß-Trautwein im Thema „interessante Autobiografien aus Parallelwelten, auffällig ist, dass es oft Befreiungsgeschichten von Frauen sind“. Das ist halb-beruflich inspiriert, und die Lektüre eröffnet dem Pfarrer und Weltanschauungsbeauftragten der Landeskirche Innenperspektiven.

Die Beschäftigung mit Verschwörungstheorien und Sekten gehört zu seinem Auftrag. Nicht nur die Beratungsstellen der Kirche, auch die staatlichen mussten in der Corona-Zeit aufstocken, berichtet Weiß-Trautwein. In der Regel sind es die Angehörigen, die sich bei ihm oder den Beratern melden, weil ein Familienmitglied abdriftet.

Doch was, wenn die Eltern Anhänger einer Sekte sind und ihre Kinder mit den kruden Theorien aufwachsen? „Aktuell geworden sind Parallelwelten durch die Querdenkerdebatte.“ Neonazifamilien stellen solch eine Parallelwelt dar, Aussteigerin Heidi Benneckenstein hat zusammen mit einer Journalistin aus ihrer Geschichte ein lesenswertes Buch gemacht.

Religiöser Fundamentalismus steht den Neonazis in der Wirkung auf Kinder in nichts nach, so habe etwa Deborah Feldman („Unorthodox. Eine autobiografische Erzählung“) sich von der amerikanisch-jüdischen Familie losgerissen und ist (ausgerechnet) nach Deutschland ausgewandert. „Bei allen gegenteiligen Nachrichten, die über den nervigen, primitiven und schwachsinnigen Antisemitismus berichten, der bei einigen immer noch grassiert, macht das Hoffnung auf ein von Toleranz und Respekt geprägtes Land“, so Weiß-Trautweins Schlussfolgerung aus dieser Autobiografie.

Das "Lieblingsbuch" für den 8. September bleibt bis zur Veranstaltung geheim

Den Zuhörern von „Winnenden liest“ wird er aus diesem Themencluster ein Buch mitbringen, das ihn zwar aus literarischer Sicht nicht restlos überzeugt, aber von den Problemen her, mit denen die Autorin umgeht. „Es ist ein Blick in die USA, auf einen Familienverband, der Verschwörungstheorien anhängt, der ähnlich wie bei uns die ,Reichsbürger’ gestrickt ist und zur Trump-Wählerschaft gehört.“ Der Pfarrer merkt an, dass die Autorin (Name und Buchtitel werden bis zur Veranstaltung nicht verraten) bei all dem fair mit der Religion umgeht, der ihre Eltern auch noch anhängen, es ist die mormonische. „Es gibt christlich-fundamentalistische Parallelwelten, die übel sind. Als tief überzeugter Christ hoffe ich immer inständig, dass der Austritt aus religiös-toxischen Gemeinschaften nicht direkt zum Atheismus führt“, bemerkt Hans-Peter Weiß-Trautwein. Zwei weitere Buchtipps hat er parat für diejenigen, die ebenfalls in andere Gedankenwelten eintauchen wollen: Annika Brockschmidt („Gotteskrieger“) und Martha Nussbaum („Königreich der Angst. Gedanken zur aktuellen politischen Krise“).

Hans-Peter Weiß-Trautwein ist verheiratet und Vater einer Tochter. Er ist in Leinfelden und Altenried im Neckartal aufgewachsen, wo er durch die kirchliche Kinder- und Jugendarbeit geprägt und von Mitarbeitern ermuntert wurde, Pfarrer zu werden. Nach dem Theologie-Studium in Tübingen, Kiel und Heidelberg wurde er Pfarrer (und Notfallseelsorger) in Ammerbuch-Pfäffingen, Nürtingen (St. Laurentius), Frickenhausen-Linsenhofen und Backnang.

Die zweite Persönlichkeit, die das Winnenden-liest-Team als Vorleser auserkoren hat, ist Hans-Peter Weiß-Trautwein, seit fünf Jahren Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Hertmannsweiler/Bürg. Lesen gehört für den 62-Jährigen zum Beruf – ist aber weitaus mehr als Pflicht, sondern auch Entspannung, Unterhaltung, intellektuelle Beschäftigung und Eintauchen in andere Welten. „Ich lese klassisch abends vor dem Zubettgehen. Ab und zu habe ich auch freie Zeit, in der ich am liebsten draußen

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