Winnenden

Warten vor zugeklebten Scheiben

1/2
e4a3bb1b-e407-440b-a903-1c4adcf46cb0.jpg_0
OB-Wahlkampf 2010: Ein Begriff macht Furore. © Schmitzer/ZVW
2/2
_1
Eher abwehrend als einladend wirkt die Bürgerservicestelle der Stadt auch heute noch: Wartemarkenspender mit seltsamer Überklebung, Unmengen an Information auf diversen Gestellen, und von Transparenz keine Spur.

Winnenden. Wir brauchen Bürgerservice, wenn wir uns als Einwohner anmelden, wenn wir einen Reisepass wollen, eine beglaubigte Kopie ... Können wir haben. Vom Rathaus. Nur eines müssen wir aushalten: Das Warten vor einer undurchschaubaren Wand. Vor acht Jahren hat der damalige Oberbürgermeisterkandidat Hartmut Holzwarth von einer „Bürgerabwehranlage“ gesprochen.

Vieles hat sich verbessert seither. Aber die Anmutung, sozusagen die Aufenthaltsqualität im Wartestand, ist im Prinzip die alte geblieben. Vor zwölf Jahren versuchte ich mich als Bürger Winnendens anzumelden, erlebte erstmals die Glaswand, damals noch mit blickdichten Vertikal-Lamellen, und später im Büro starke Abwehrtendenzen und betont beiseite schauende Bürostuhlbesitzer.

Wie im „Tatort“: Ich soll meinen Fingerabdruck abgeben

Menschen ändern sich. Personal wechselt. Heute geht es drinnen im Büro ausgesprochen freundlich zu. Die Leute arbeiten zügig, schnell und erklären alles, was nötig ist, in der gebotenen Klarheit. Man fühlt sich wohl bei den freundlichen Bediensteten, selbst wenn es einige gesetzeskonforme unangenehme Überraschungen gibt: Ich soll meinen Fingerabdruck abgeben. Von beiden Zeigefingern. Jeweils 30 Sekunden muss ich sie auf einen Mini-Scanner legen. Damit habe ich als alter „Tatort“-Gucker nicht in dieser zivilen Situation gerechnet. Aber sie lassen mir keinen Ausweg. „Den brauchen wir“, sagt der Mann mit dem Bart – unerbittlich, aber freundlich im Tonfall. Die Prozedur hinter den blickdichten Wänden dauert zehn Minuten, ich lasse mich vermessen, fülle unter freundlicher Mithilfe ein Formular aus, unterschreibe, zahle 60 Euro, und im Januar werde ich einen Reisepass haben. „Wir geben Ihnen dann Bescheid.“ Besser kann’s nicht laufen.

Wartemarken im Rathaus

Gut ist die Bürgerservicestelle erst, wenn man reingekommen ist. Draußen vor der Tür weht immer noch der alte Geist der Abwehranlage. Man sieht Leute suchend das Rathaus betreten. Wenn sie das Schild „Bürgerservicestelle“ in einem Patchwork aus verwirrenden Hinweiszetteln und veralteten Plakaten mit dem Titel „Afrika“, Prospektständern für Wärmedämmung und Kulturprogramme, entdeckt haben, wandert ihr Blick langsam weiter zum Markenspender – einem Gerät, auf dessen Besitz manches Computermuseum stolz wäre. Auf diesem Gerät hängt in geknitterter Klarsichtfolie ein Zettel mit dem rätselhaften Hinweis: „Trotz Papierende können Wartemarken gezogen werden.“ Ein Mann zupft am Zettel, lupft ihn und linst darunter: Nichts. Erst jetzt entdeckt er das kleine Display, worauf steht: „Papierende“. Er drückt auf den grünen Knopf und der Apparat wirft eine Wartemarke aus. Nach ihm ist eine Frau am Drücker, hält ihre Wartmarke in der Hand und fragte die Wartenden in der Runde: „Welche Nummer ist jetzt dran?“ Sie zeigen nach oben zum Display, das in adventlich roten Leuchtziffern die Nummer 82 anzeigt. „Ach so, da.“ Die Frau kommt klar.

Es gongt. Ich drücke auf die Tür. Die blockiert.

Ein synthetischer Gongton säuselt durchs Foyer, und meine Nummer, die 84, leuchtet tiefrot auf. Dann darf ich ja wohl rein in den abgeschirmten Bereich. Ich drücke die undurchschaubare Tür nach innen. Sie blockiert zwei Sekunden lang. Ein Surren. Ich drücke nochmal, und die Tür gibt nach. Wie haben die gemerkt, dass ich da bin? Ich bin auf alles gefasst, und merke, dass das gar nicht nötig wäre.

Meine schnöden Erbnisse von vor zwölf Jahren darf ich langsam vergessen. Jetzt werde ich freundlich begrüßt, an einen Schreibtisch gewunken. „Was können wir für Sie tun?“ „Ich brauche einen Reisepass. Passfoto hab ich dabei“ „Ham Sie auch Ihren alten Reisepass?“ „Oh. Nein. Daran hab ich nicht gedacht. Der ist aber auch 20 Jahre alt.“ „Den können Sie bei Gelegenheit vorbeibringen, wenn Sie jetzt einen Personalausweis dabeihaben.“

Nicht nur ich, auch andere Leute werden freundlich bedient

Nach zehn Minuten ist alles erledigt. Ich gehe recht zufrieden raus und denke mir: Eine verdeckte Recherche ist das auch nicht gerade. Fast jeder im Rathaus kennt mich doch. Sind wir sicher, dass die bei jedem so freundlich sind? Ich frage Leute, die nach mir aus der Bürgerservicestelle rauskommen. „Doch einwandfrei. Die sind freundlich. Es läuft schnell, und ich hab mich wohl gefühlt a drin. Wirklich Super.“ Der Nächste ist genauso zufrieden.


Vor acht Jahren hat Hartmut Holzwarth selbst die Bürgerservicestelle als Abwehranlage bezeichnet. Die blickdichten Scheiben wirken immer noch abwehrend. Warum hat der Oberbürgermeister das nicht geändert?

„Diesen Teil konnte ich nicht ändern“, sagte er im Gespräch mit unserer Zeitung. „Man muss die Innenperspektive sehen. Das habe ich vor acht Jahren so nicht erkannt.“ Die städtischen Mitarbeiter sollen bei der Arbeit geschützt sein gegen Blicke. Ihre Arbeitsplätze stehen zum Teil direkt an der Glaswand, weil es sehr eng ist im Bürgerbüro. „Die Leute würden den Mitarbeitern direkt über die Schulter gucken und auf den Schreibtisch.“ Wenn großer Andrang herrscht, könnten Mitarbeiter Druck verspüren. „In starken Zeiten warten 80 Bürger, die dann auf die Schreibtische von vier Mitarbeitern blicken könnten.“ Zugleich könnten sich auch Bürger unwohl fühlen, wenn sie wie im Affenkäfig bei der Ausstellung eines Reisepasses einem wartenden Publikum präsentiert werden.

Offene Lösung zu teuer

Wollte man eine großzügige, offene Lösung bekommen mit freiem Durchblick und Zugang zu den Schreibtischen, müsste das Rathaus umgebaut, der Raum vergrößert werden. Das würde neue Brandschutzeinbauten erfordern und zusammen 3,5 Millionen Euro kosten, so Holzwarth. „Als wir das erfuhren, hämmers glasse.“

Geändert haben OB Holzwarth und Bürgermeister Sailer trotzdem einiges: Das Personal wechselte. Mischa Luithard, der Verantwortliche für den Bürgerservice, ist ein Mensch mit freundlichem Naturell. „Er hat sich als ganz toll herausgestellt“, sagt Holzwarth. Personal wurde aufgestockt.

Als Nächstes wird neben der Bürgerservicestelle eine zweite eingerichtet, die alle ausländerrechtlichen Angelegenheiten bearbeitet. Dadurch wird die Lage weiter entzerrt und wird an Tagen mit hohem Besucheraufkommen die Arbeit auf zwei Büros verteilt und auch auf zwei Wartemarkenspender. Bürger können zuversichtlich sein: Hinter dem blickdichten Papier dürfen sie freundliche Menschen, klare Antworten und zügige Bearbeitung erwarten.

Wahlcheck

Am Sonntag, 21. Januar, ist Oberbürgermeisterwahl in Winnenden. Bislang hat sich ein Kandidat für diese Wahl gemeldet: Amtsinhaber Hartmut Holzwarth.

Unsere Zeitung wird in der Serie Wahl-Check in mehreren Folgen fragen: Wie geht es den Bürgern mit dem, was OB und Gemeinderäte gestaltet und entschieden haben? Und wir werden jeden Kandidaten fragen, was er dazu denkt.