Winnenden

Warum diese Frauen mit Flüchtlingen keine Probleme haben

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Dagmar Hoffmann
Dagmar Hoffmann ist schnell umringt von Flüchtlingen, wenn sie das Flüchtlingsnotquartier betritt. © Büttner / ZVW
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Dagmar Hoffmann
Walid, Khalid und Zakhria spielen Uno mit Magnus, Leander und Melanie (von links). © Büttner / ZVW

Winnenden-Birkmannsweiler. 50 allein reisende Männer leben in der Buchenbachhalle. Frauen haben mit ihnen kein Problem. „Wir gehen hinein und werden respektvoll, höflich und freundlich aufgenommen“, sagt Melanie Siegle. Dagmar Hoffmann (42) fehlt etwas, wenn sie mal zwei Tage nicht im Notquartier für Flüchtlinge in der Buchenbachsporthalle war.

Das Quartier ist trist: Die Männer aus Syrien und dem Irak wohnen dort in einem einzigen Schlafsaal, Bett neben Bett, nur durch Tücher optisch getrennt. Die meisten von ihnen haben den Blues an diesem kalten, grauen Nachmittag. Aber wenn Dagmar Hoffmann die Halle betritt, geht die Sonne auf. Sie sucht mit ihren flinken Augen nach Bekannten. An und zu kommt einer zwischen den Tüchern hervor, schaut sekundenlang grantig, bis er Dagmars Gesicht erblickt. Strahlend geht er auf sie zu, umarmt sie kurz, der Nächste reicht die Hand, gibt ihr einen Klaps auf die Schulter. Schnell ist sie umringt. Ihre Ankunft erzeugt ein Stimmungshoch. Die Männer sind froh, dass diese Birkmannsweiler Helferin, eine von vielen, vorbeikommt.

Magnus (5) und Leander (7) bewegen sich selbstständig im Schlafsaal

Mittlerweile wissen sie, dass Dagmar Hoffmann nicht über sie entscheidet, dass sie ihnen keinen Flüchtlingsstatus erteilen und keine andere Unterkunft herbeizaubern kann, dass sie dafür aber zuhört, sie ernst nimmt und dass sie ihnen hilft mit dem Papierkram, mit Anträgen und Ausweisen, mit Terminen und Behörden. Meist bringt die 42-Jährige ihre Söhne Magnus (5) und Leander (7) mit. Beide bewegen sich selbstständig im Schlafsaal, setzen sich vielleicht zu einem Syrer aufs Bett und schauen mit ihm ein Buch an, sprechen ein paar Worte deutsch oder spielen das Kartenspiel Uno, das alle lieben.

Ein Iraker holt Unokarten zwischen den Tüchern heraus. Sie ziehen in einen Gemeinschaftsraum und legen los. „Wie gibt man die Karten heraus?“ Khalid und Zakhria wissen es seit Wochen. Sie holen mit der rechten Hand aus und wischen nach links, weil Melanie ihnen gesagt hat: „Wie mer mit der rechta Hand an d’Bagga naschlagt, so gibt mer.“

Melanie (18) traut sich anfangs nicht, die Halle zu betreten

Melanie ging nicht gleich am ersten Tag in die Buchenbachhalle. Erst als ihre Mutter ihr erzählte, wie nett es ist, sagte sie: „Okay, dann komm' ich mit.“ Was sie wirklich erwarten würde, wusste sie nicht. „Ich war schockiert, als ich sah, wie die Menschen in der Halle leben müssen. Ich wollte da nicht rein.“ Es war ihr zu indiskret. Keiner der Männer hat ein Privatleben in diesem Großraum. An den ersten Tagen traf sich Melanie draußen mit Flüchtlingen, redete und spielte mit ihnen im Gemeinschaftsraum. Mittlerweile ist es für sie kein Problem, reinzugehen. Sie weiß, dass die Männer einverstanden sind.

"Als Frau bin ich respektiert"

„Sie sagen immer, wie sie sich freuen, dass ich komme. Sie nennen mich Schwester und ich nenne sie meine arabischen Brüder. Mit manchen kann man sich schon komplett auf Deutsch unterhalten.“ Ungefähr an fünf Tagen pro Woche kommt Melanie für eine bis zwei Stunden in die Halle, spielt mit den Flüchtlingen, spricht oder lernt mit ihnen Deutsch. Sie macht gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Förderschule in Schorndorf und nutzt ihre Freizeit meist für ihre Freunde in der Halle. Weil sie jung ist, spricht sie viel mit den Jüngeren, die um die 20 Jahre alt sind. Sie ist gläubige Christin, sagt dies auch. „Nie habe ich erlebt, dass einer behauptet hätte, seine Religion wäre die bessere. Mein Glaube wird respektiert und ich als Frau bin respektiert.“

Dass sie höflich aufgenommen würde als Frau, daran hatte Dagmar Hoffmann überhaupt nie Zweifel. Sie kannte die arabische Gastfreundschaft von einem Aufenthalt in Jordanien als Geologin. Als die Flüchtlinge in die Buchenbachhalle kamen, freute sie sich, dass sie etwas zurückgeben kann von dem, was sie in arabischen Ländern als Gastfreundschaft erlebte. Seit November wachsen Freundschaften. Sie erfährt viel von den Flüchtlingen, leistet seelischen Beistand, wenn für einen Menschen schlimme Nachrichten aus dem Krieg und von seiner Familie nach Birkmannsweiler kommen. Sie spielt und lacht mit den Syrern und Irakern und sie findet: „Araber können auch ganz gut über sich selbst lachen – zum Beispiel, wenn etwas nicht klappt mit einer Übersetzung.“

Ihre Kinder Magnus und Leander spielen mit den Asylbewerbern Fange oder Karten, entfernen sich von Mama, sind oft außer Sichtweite, verstecken sich zwischen den Betten oder stecken im Gemeinschaftsraum. „Ich hab da nicht mal ansatzweise Bedenken“, sagt sie.

Praktisch alle Hallenbewohner wollen raus aus dem Quartier

Die Begegnung mit den Flüchtlingen gibt ihr Freude und sie sagt, sie werde weitermachen: „Es ist wichtig für uns und für sie, dass Integration gelingen kann.“ Wenn sie ein paar Tage Urlaub gemacht hat und dann wiederkommt, sagen sie: „Dagmar, wo warst du? Du hast uns gefehlt.“ Ihr selbst geht es gleich: „Wenn ich zwei Tage nicht bei ihnen war, fehlt mir schon was.“

Diese Besuche von vielen Birkmannsweilerinnen und einigen Birkmannsweilern bringen immer ein Leuchten in die triste Halle. Freilich wollen praktisch alle Hallenbewohner raus aus diesem Quartier, suchen eine erträglichere Bleibe, eine Wohnung irgendwo in der Stadt. Einzelne haben es schon geschafft. Einer von ihnen ist ganz froh und ein bisschen stolz darauf, sagt dann aber auch zu Dagmar Hoffmann: „Weißt du: Dort kommt niemand bei mir vorbei.“

Das BIrkmannsweilermer Netzwerk

Wer kann, der hilft in Birkmannsweiler. Bevor die Flüchtlinge in der Buchenbach-Sporthalle ankamen, setzten sich Freiwillige zusammen und stimmten sich ab, wie sie den Männern in der Notunterkunft helfen könnten. Zurzeit wissen wir sicher von folgenden Helfern:

  • Ehrenamtliche Sprachhilfe (mehrmals wöchentlich im Gemeindehaus): Ingeborg Dopslaff (Koordination), Erna Bauer, Elfriede Müller, Siegrun Pollinger, Simone Hinkel (hilft auch bei vielen anderen Dingen, Tanzkurs, Wohnungssuche und mehr).
  • Ansprechpartner VHS-Angelegenheiten, Austausch mit Winnender Freundeskreis bezüglich Sprachhilfe, Wohnungsangelegenheiten: Claudia Kainz-Jeron.
  • Fahrradwerkstatt (aber auch sonst aktiv): Markus Merdian, Holger Neuerer, Fritz Kögel.
  • Wohnungssuche, Behördengänge, Tischtennis und Ähnliches: Verena und Werner Bürkle.
  • Koordination mit Rathaus Winnenden, persönliche Betreuung: Barbara und Jörg Pflugfelder-Mössner.
  • Kirchenangelegenheiten, alles Mögliche: Pfarrer Hartmut Greb. Kirchencafé: Christa Klöpfer.
  • Freizeitaktivitäten (Koordination): Sonja Lupfer-Rieg (auch bei ganz vielen anderen Dingen und ganz oft im Einsatz).
  • Ansprechpartner, Behördengänge, Austausch, Hilfe bei Wohnungssuche, Freizeitaktivitäten: Silke Baur, Daniela Budach, Annerose Bühner-Dimitrov, Julia Ekert, Heide Gareis, Annette Härdter, Sabrina Klenk, Elsbeth Kröner, Andrea Lämmle, Ingrid Lemke, Keith Lindsay, Stefanie Neuerer, Sabine Renker, Katharina Ruzitschka (vom Georg-Büchner-Gymnasium, dort gibt es eine AG zur Unterstützung der Flüchtlinge), Beate Ott, Elke Salchow, Celina Schief, Karin und Friedrich Seibold, Sylvia Siegle, Michaela Specker, Hannelore Wörner.
  • Übersetzung, persönliche Betreuung, Sprachhilfe: Rafid Taii (ein Iraker, der seit rund 20 Jahren in Winnenden lebt).
  • Koordination, „Mädchen“ für alles: Stefan Layer.
  • Sozialarbeiter: Stefan Steiger.
  • DRK-Helferin: Susanne Zaiser.