Winnenden

Warum ein Patient vier Psychiatrie-Mitarbeiter in Winnenden verletzt hat

Bluttat, Angriff von Patient auf Arzt und weitere Person, Zentrum fuer Psychatrie Schloss Winnnenden, 10.09.2022.
Einsatz von Rettungskräften wegen eines randalierenden Patienten im ZfP am 10. 9. © Benjamin Beytekin

Ein 38-Jähriger ist am Samstag, 10. September, bei der Aufnahme ins Zentrum für Psychiatrie (ZfP) derart ausgerastet, dass er drei Mitarbeiter und sich selbst leicht verletzt, einen Spiegel und eine Tür beschädigt hat.

Nachdem unsere Redaktion gleich danach mit dem stellvertretenden Revierleiter sprechen konnte (Bericht vom 14.9.), hat nun auch die ärztliche Direktorin des ZfP, Dr. Marianne Klein, in einem ausführlichen Gespräch den Fall gegenüber unserer Redaktion eingeordnet.

Wie geht es den Verletzten inzwischen?

Zunächst: „Bezieht man psychische Folgen mit ein, sind sogar vier Mitarbeiter verletzt worden“, sagt Marianne Klein. „Ein Mitarbeiter ist wenige Tage zur Beobachtung stationär im Krankenhaus geblieben. Alle sind aber mittlerweile wieder daheim oder bei der Arbeit.“ Der 38-jährige Mann indes sei im ZfP in Behandlung. Über keinen der Beteiligten will Marianne Klein mit Hinweis auf die ärztliche Schweigepflicht etwas Näheres sagen.

War zu erwarten, dass der Mann gewalttätig wird?

„Nichts deutete darauf hin, als die Polizei ihn brachte. Unsere Mitarbeiter erhalten von den Beamten Information, ob der Mensch bereits andere verletzt hat oder Gegenstände durchs Zimmer geworfen hat.“ Hat schon die Polizei Mühe, einen sich wehrenden Patienten ins ZfP zu bugsieren, ist der Fall auch klar. „Wenn aber ein Betroffener friedlich ankommt, ist die Situation umso schwieriger einzuschätzen“, berichtet Klein vom 10. September, „da war von der untersten Kategorie die Rede, es war zuvor keine Gewalt vorgefallen.“

Marianne Klein erläutert weiter, dass das Überraschungsmoment einen großen Anteil habe, dass Mitarbeiter überhaupt verletzt werden. „Kommt das körperlich aggressive Verhalten plötzlich und unerwartet wie in diesem Fall, hat man schon einen Schlag an der Birne, da kann man nicht früh Alarm schlagen.“ Außerdem entwickle ein Mensch, der sehr erregt ist, das Doppelte an Kraft. „Dadurch können auch zierliche Männer und Frauen andere verletzen.“

Die Polizei sprach von einem „psychischen Ausnahmezustand“

Diesen sieht Marianne Klein im jüngsten Vorfall nicht gegeben. „Ein echter psychischer Ausnahmezustand liegt vor, wenn ich mich in einer akuten und unbehandelten Psychose befinde, akuten Wahn und Halluzinationen habe, auf die ich reagiere.“ Marianne Klein erläutert, dass diese Menschen in ihrem Gegenüber nicht Arzt oder Pfleger sehen, die helfen wollen, sondern denken, der andere wolle sie verletzen oder umbringen. „Wahn kann man erkennen, die Leute schauen sich ständig um und rennen dann auch plötzlich los.“ Das seien aber die wenigsten Fälle, von denen körperliche Gewalt ausgeht.

Viel häufiger liege eine Enthemmung zugrunde, verstärkt durch körperlichen Schmerz oder seelisches Leid, durch Drogen, eine Persönlichkeitsstörung, Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom ... die Liste ist lang. „Diese Personen sind teilweise nicht Herr ihrer Sinne, und dass sie sich nicht auf ihr Gegenüber einstellen können, das kann auch im Rems-Murr-Klinikum vorkommen“, sagt Marianne Klein. Sie beobachtet zudem, dass „in unserer Gesellschaft die Schwelle sinkt, eigene Bedürfnisse mit Gewalt durchzusetzen“. Die ärztliche Direktorin verweist auf Fälle im Straßenverkehr, in Supermärkten oder im Stadion.

Wie oft müssen Mitarbeiter nach Angriffen ins Krankenhaus?

„Das sind die Ausnahmefälle, die ein- bis zweimal im Jahr vorkommen bei 7000 bis 8000 stationären Aufnahmen im Jahr“, sagt die ärztliche Direktorin. „Viel häufiger passieren auf den Stationen Beschimpfungen, Bedrohungen und Pöbeleien.“

Dass es zu einer so schweren Verletzung kommt wie Ende des Jahres 2021 bei einer Mitarbeiterin (der Fall wurde bereits im Juli vor Gericht verhandelt), komme nur alle paar Jahre vor, so Marianne Klein.

Welche Konsequenzen zieht das ZfP nach dem jüngsten Vorfall?

„Dieser Übergriff wird demnächst im betroffenen Team und auch mit dem Leiter des Polizeireviers nachbesprochen, zusätzlich zu unserem jährlichen Austausch auf Leitungsebene“, sagt Marianne Klein. „Jeder Fall ist einer zu viel, deswegen prüfen wir genau, was wir künftig noch anders machen können.“

Den Betroffenen bietet das kollegiale Erstbetreuungsteam ein Gespräch an, sofort oder später. „Der Kollege merkt dann meist innerhalb von zwei Wochen, ob die Person in der Familie aufgefangen wird, oder ob er weitere Hilfe vermitteln sollte.“ Falls ein Therapiebeginn über die Unfallkasse sehr lange dauern würde, überbrückt das ZfP die Zeit „mit uns bekannten, aber neutralen Psychotherapeuten. Wo es geht, lassen wir die Mitarbeiter da nicht hängen.“ Ganz klar ist für Marianne Klein, dass die Betroffenen zeitweise oder dauerhaft auf eine andere Station oder sogar in einen anderen Bereich versetzt werden, wo Übergriffe unwahrscheinlich sind. „Der Mitarbeiter muss erst wieder gefestigt werden, um sicher auftreten zu können. Auf Habacht sein ist auf Dauer nicht gesund.“

Wie schützt das ZfP als Arbeitgeber seine Leute vor Angriffen?

Neue Mitarbeiter besuchen einen mehrtägigen Basiskurs Deeskalationstraining, danach besucht jeder Mitarbeiter alle zwei Jahre einen Auffrischungskurs. „Sie lernen, Situationen verbal zu entschärfen, zu erkennen, ob es brenzlig wird, und wie sie dann damit umgehen“, zählt Marianne Klein auf. Auf den Stationen werde der Alltag so gestaltet, dass es möglichst wenig Angriffsfläche gibt. Arztzimmer hätten zum Beispiel zwei Türen, so dass es einen Fluchtweg gibt. Gespräche werden nach Bedarf zu zweit geführt, wobei die Tandems aus einem erfahrenen und einem weniger erfahrenen Mitarbeiter bestehen. Bei Gesprächen achtet man darauf, dass man sich nicht neben den Patienten setzt, sondern dass ein Tisch dazwischen steht.

„Vor etwa fünf Jahren haben wir einen Sicherheitsdienst eingerichtet. Die Kollegen sind weder Pfleger noch Polizisten, aber sie sind eine feste Mannschaft, das hat sich gut eingespielt.“ Sie sichern das Gelände und rufen Pöbler zur Raison, berichtet Marianne Klein. Am tragbaren Telefon gibt es außerdem einen Alarmknopf. Wenn ein Mitarbeiter in Not ihn drückt, zeigen die anderen Telefone den Ort an und können in ein bis drei Minuten zu Hilfe eilen.

Ein 38-Jähriger ist am Samstag, 10. September, bei der Aufnahme ins Zentrum für Psychiatrie (ZfP) derart ausgerastet, dass er drei Mitarbeiter und sich selbst leicht verletzt, einen Spiegel und eine Tür beschädigt hat.

Nachdem unsere Redaktion gleich danach mit dem stellvertretenden Revierleiter sprechen konnte (Bericht vom 14.9.), hat nun auch die ärztliche Direktorin des ZfP, Dr. Marianne Klein, in einem ausführlichen Gespräch den Fall gegenüber unserer Redaktion

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