Winnenden

Warum steckt ein Spieß im Osterlamm?

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Osterlamm
Drastisches Opferlamm: Mit dem Lötkolben verflüssigt Pfarrer Warmuth das silberne Wachs, damit die Formen weicher fließen und das Lamm mehr glänzt. © Büttner / ZVW
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Niedliches Osterlamm mit Masche aus der Bäckerei Maurer. © Schmitzer / ZVW
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Traditionelles Biskuitlamm mit Fahne und Spieß aus der Bäckerei Haag. © Schmitzer / ZVW

Winnenden. Die neue Osterkerze für die katholische Borromäuskirche zeigt einen krassen Gegensatz: Ein Lamm – das Symbol der Friedlichkeit – wird brutal durchbohrt von einem überdimensionalen Nagel. Blutstropfen fließen. Es ist eigentlich ein bekanntes österliches Symbol, das Opferlamm, aber es wird seltener und ist auch unter Theologen umstritten, weiß Pfarrer Warmuth.

Video: Der katholische Pfarrer Gerald Warmuth von Winnenden erläutert die Osterkerzen.

„Auch im Biskuitlamm, das man in der Bäckerei kaufen kann, ist etwas reingesteckt. Dass das ein Spieß ist, kommt heute nicht mehr so richtig raus“, sagt Pfarrer Gerald Warmuth.“ Jahrzehntelang war das so. Ein Blick in zwei Winnender Bäckereien offenbart: Eine, die Bäckerei Haag, ist der Tradition treu geblieben und hat durch alle ihre Biskuitlämmer einen Holzspieß gesteckt, auf dem eine Fahne klebt. Aber warum? Wahrscheinlich wegen der Fahne. Früher haben Großeltern und Tanten den Kindern erzählt, das sei die Siegesfahne des auferstandenen Christus.

Nicht die Fahne ist wichtig, sondern der Spieß

Für Warmuth ist nicht die Fahne wichtig, sondern der Spieß. Er sei das Zeichen für das Opfer, für das Lamm Gottes, das sich geopfert hat. „Lamm Gottes, der Du trägst die Sünd’ der Welt, erbarm Dich unser“, beten Christen. In der Bibel, in Johannes’ Offenbarung, wird Jesus, der Messias, als Lamm gesehen: „Und ich sah ... ein Lamm stehen wie geschlachtet ...“ Dieses Lamm übernimmt das Buch mit sieben Siegeln aus der Hand Gottes. Dass das Lamm wie geschlachtet steht, deutet auf die erlösende Wirkung des Opfertodes Jesu, und genau dies ist das Thema der Osterkerze in der Borromäuskirche. Für Pfarrer Warmuth ist dies ein zentrales Thema, aber er weiß, dass diese Opfertheologie unter Fachleuten umstritten ist.

"Opfer": Ein vieldeutiges Wort

„Opfer“ ist ohnehin ein Begriff, der heute nicht mehr so eindeutig ist wie vor 2000 Jahren. „Du Opfer“ ist ein Schimpfwort. „Verkehrsopfer“ ist ein Begriff, der eigentlich gar nichts mit Hingabe und „Opfer“ zu tun hat. Vor 2000 Jahren im vorderen Orient wurde ein Opfer bewusst dargebracht. Warmuth erzählt vom Opfer des Sündenbocks, den heutige Mediennutzer nur im übertragenen Sinne aus der Politik oder dem Wirtschaftsleben kennen.

Lamm Gottes ist für die Menschheit gestorben

Der Sündenbock, das war vor 2000 Jahren ein Schaf. Wenn ein kleines Dorf heillos zerstritten war, dann trieben alle zusammen einen Schafbock aus dem Dorf in die Wüste hinaus. Wenn der dann draußen starb, waren alle schuld. „Und diese gemeinsame Schuld hat das ganze Dorf wieder geeint.“ Jesus, das Lamm Gottes, ist für die Menschheit gestorben. Seither brauchen die Leute keinen Sündenbock mehr in die Wüste hinauszujagen, um sich zu befrieden.

Lamm ist an Ostern ein Thema 

Sündenbock und Opferlamm sind für die Allgemeinbevölkerung nicht wirklich die Themen an Ostern. Lamm schon. Wenn auch nur im harmlosen, genussbetonten Sinn. Lammkeule oder Lammragout an Ostern passt gut und wird von Köchen empfohlen. Dahinter steckt das jüdische Pessachfest, das an Ostern gefeiert wird und daran erinnert, dass die Juden direkt vor dem Auszug aus Ägypten ein Lamm schlachteten.

Biskuitlamm statt Lammfleisch

Statt Lammfleisch kaufen manche gerne ein Biskuitlamm. Es hat gegenüber dem eigentlich unerklärlichen eierlegenden Osterhasen den Vorteil, dass es zur christlichen Symbolik passt. Wahrscheinlich wurde der Spieß nie als Hinweis auf die Schlachtung und das Opfer verstanden. Bäcker Tobias Maurer erinnert sich noch an die Fähnchen, die früher auf den Lämmern standen. Sie sahen aus wie die Wappen von Kreuzrittern. „Man müsste mal bei Wikipedia nachschauen, was das bedeutet.“ Tatsächlich erzählt auch das Internetlexikon von der Siegesfahne des auferstandenen Christus. An den Osterlämmern der Bäckerei Maurer findet man die Fahne jetzt nicht mehr. Sie sind mit einer farbigen Masche verziert, ähnlich wie Osterhasen. Warum ist das so? „Wahrscheinlich, weil’s schöner aussieht“, sagt Tobias Maurer.

Der Nagel gehört zur Auferstehung

Tradition schwindet oder wird verändert. Dass ein Lamm mit einem dicken Nagel an die Osterkerze genagelt wird, ist gar nicht üblich. Nägel an der Osterkerzen gehören aber wohl zur christlichen Ikonografie. Man braucht nur bei Google „Osterkerze“ einzugeben, und es erscheinen viele Bilder von weißen Kerzen mit fünf Nägeln, meist Hufnägel, fast immer rot gefärbt. Sie erinnern an die fünf Wunden Christi am Kreuz und daran, dass der an Ostern Auferstandene am Karfreitag gekreuzigt worden war. Sie sollten daran erinnern. Aber die Nägel sind so schön gemacht, dass sie als Zierstücke wahrgenommen werden.

Rose an der Osterkerze der Borromäuskirche: Im Tod ist das Leben

Fast unschuldig schön an der Osterkerze der Winnender Borromäuskirche ist eine Rose mit von Hand geformten weißen Blütenblättern. Weiß ist sie, weil in Johannes’ Offenbarung die Rede ist von jenen, „die gekommen sind aus großer Trübsal und haben ihre Kleider gewaschen und haben ihre Kleider weiß gemacht im Blut des Lammes“. Es ist nur eine kleine Andeutung, eine Blume auf der Kerze für jene, die daran denken wollen, dass im Tod das Leben ist. Wer möchte, darf sich auch einfach über die Schönheit der Wachsrose freuen, über den Frühlingsblütenbaum, der immer an Ostern neu in die Kirche gestellt wird, und über Händels Halleluja in der Ostermesse.

Osterkerze in der Borromäuskirche...

...wird entzündet am Karsamstagabend. Nicht einfach so – nicht mit einem Streichhölzle. Das Feuer kommt vom Osterfeuer, das vor der Kirche brennt.

Und das Osterfeuer hat einen besonderen Brennstoff: In ihm werden alle Zettel aus der Klagemauer zum Amoklauf verbrannt, und etliche Katholiken bringen Buchsbaumzweige mit von Palmsonntag vor einem Jahr.