Winnenden

Was haben Heimkinder erlitten?

1/2
9808ea70-f7be-4db1-8964-2f4e42ea6d7d.jpg_0
Das Institut für Geschichte der Medizin der Robert-Bosch-Stiftung in Stuttgart soll Misshandlungen und Missbrauch dokumentieren. © Institut
2/2
_1
Betroffene von Gewalt in der Paulinenpflege können sich vertraulich an Annegret Kuttruf wenden.

Winnenden. Es gibt Hinweise auf Misshandlung, Prügel und auch auf sexuelle Gewalt in der Winnender Paulinenpflege in den 70er Jahren. Die heutigen Verantwortlichen nehmen diese wenigen Hinweise sehr ernst, suchen nach weiteren Berichten und wollen sie aufarbeiten lassen vom Institut für Geschichte der Medizin der Robert-Bosch-Stiftung. Als Vertrauensfrau für Betroffene wurde Annegret Kuttruf benannt.

Schläge als Erziehungsmaßnamen, Gewalt von Betreuern gegen Betreute kamen in den 60er und 70er Jahren deutschlandweit so häufig vor, dass die Paulinenpflege Anlass sieht, bei sich nachzuforschen. Schon 2010 rief sie via Internet frühere Heimbewohner auf, ihre Geschichten und Beobachtungen zu erzählen. Mitte letzten Jahres meldete sich ein 60-Jähriger, der zwischen 1971 und 1974 in der Paulinenpflege war, geprügelt wurde und von sexuellem Missbrauch bis zur Vergewaltigung erzählt, allerdings nicht als direkt Betroffener, sondern als Weitergeber der Erfahrungen, die andere ihm erzählt haben. Paulinenpflegegeschäftsführer Andreas Maurer nimmt die Berichte sehr ernst, forscht selbst nach in den alten Akten und hat einen Fall entdeckt, in dem einem Mitarbeiter Schläge gegen Betreute vorgeworfen werden.

Drei Betroffene sind eventuell zu einem Gespräch bereit

Beim landesweit zuständigen Kommunalverband für Jugend und Soziales haben sich 15 frühere Bewohner der Paulinenpflege gemeldet und etwas geäußert zu Misshandlungen in früheren Jahren. Vertrauensschutz ist oberstes Prinzip solcher Anlaufstellen, deshalb bekam die Paulinenpflege nie die Äußerungen der 15 Personen zu Gesicht, und sie erhielt auch keine Kontaktdaten zu ihnen. „Wir haben Briefe an alle 15 geschrieben, und die Anlaufstelle hat diesen Brief weitervermittelt an sie. Darauf reagierten fünf Betroffene. Zwei möchten nur Akten einsehen, drei sind eventuell zu einem Interview bereit“, berichtet Marco Kelch.

Annegret Kuttruf ist unabhängige Ansprechpartnerin für Betroffene

Betroffene und Beobachter von Übergriffen in der Paulinenpflege können sich, wenn sie wollen, direkt an die Paulinenpflege, an Marco Kelch wenden. Aber sie müssen nicht. Seit neuestem hat die Paulinenpflege eine Vertrauensfrau bestimmt: Annegret Kuttruf. Sie bekommt ihr Gehalt nicht von der Paulinenpflege. Ehrenamtlich arbeitet sie. Und sie entscheidet vollkommen unabhängig von der Paulinenpflege. Information gibt sie nur weiter, wenn ihre Gesprächspartner einverstanden sind. „Sie kann mit Personen arbeiten, die anonym bleiben wollen“, sagt Andreas Maurer.

Annegret Kuttruf war langjährige Mitarbeiterin der Paulinenpflege Winnenden und ist zwischenzeitlich im Ruhestand. Als Sozialpädagogin arbeitete sie im Sozialdienst der Reha-Werkstatt und der Verwaltung. Vor ihrer Zeit in der Paulinenpflege war sie Erzieherin in einer Kita, im BBW Waiblingen, einem Jugendheim zur See und einer psychologischen Beratungsstelle des Jugendamtes. Die Paulinenpflege wünscht sich, dass sie eine Brücke baut zwischen Betroffenen und der Einrichtung und dass über sie sich möglichst viele Betroffene zu Gesprächen bereitfinden, dass Betroffenen vielleicht geholfen werden kann und dass die Paulinenpflege erfährt, was in früheren Jahren geschah.

Historiker sollen die Berichte aufarbeiten und einordnen

Die Information über Gewalterfahrungen von Betreuten soll aufgearbeitet, eingeordnet und festgehalten werden vom Institut für Geschichte der Medizin der Robert-Bosch-Stiftung in Stuttgart. Die Paulinenpflege hat Dr. phil. Pierre Pfütsch von dieser Stiftung beauftragt, die Erkenntnisse zu dokumentieren. Ein Projektbericht soll entstehen über alle bekanntwerdenden Fälle von Missbrauch und Misshandlung, wobei dieses Institut große Erfahrung hat mit solchen Aufarbeitungen. Für mehrere andere Einrichtungen hat es bereits Berichte verfasst.


Kontakte für Betroffene

Menschen mit körperlichen, seelischen oder sexuellen Gewalterfahrungen in der Paulinenpflege, die über dieses Leid sprechen wollen, können sich an Annegret Kuttruf wenden.

Sie ist erreichbar unter: Telefon 0 71 95/6 95 11 10. E-Mail: annegret.kuttruf@paulinenpflege.de. Das Angebot ist für Betroffene der Paulinenpflege kostenlos. Gehörlosendolmetscher können gestellt werden.

Hauptgeschäftsführer Andreas Maurer sagt zu Betroffenen, die vielleicht diesen Artikel lesen: „Wir als Paulinenpflege Winnenden wissen, dass dieses Angebot Ihr erfahrenes Leid nicht lindern kann. Aber: Vielleicht hilft es Ihnen zu erleben, dass sich jemand für Sie Zeit nimmt. Vielleicht hilft es Ihnen, eine Person zu finden, die Ihre Erfahrungen ernst nimmt. Vielleicht hilft es Ihnen auch zu erleben, dass Ihre schlechten Erfahrungen den heutigen Mitarbeiter/-innen der Paulinenpflege sehr leidtun und sie diese nicht vertuschen wollen.“

Im Gespräch mit der Presse versichern Andreas Maurer und Marco Kelch: „Wir wollen vieles dazu tun, dass solches nicht wieder vorkommt. Wir mahnen unsere Mitarbeiter und verbieten jegliche Gewalt.“ Betroffenen möchte die Paulinenpflege helfen: In einem Beratungsprozess könne eventuell ein Weg gefunden werden, Leid anzuerkennen. Vielleicht könne auch ein Weg zu Beratern oder Therapeuten gefunden werden.

Auch ein direkter Kontakt mit der Paulinenpflege ist möglich: Marco Kelch, 0 71 95/6 95 11 26 · E-Mail marco.kelch@paulinenpflege.de