Winnenden

Was machen Regenwurm-Zähler? Und warum zählen sie ausgerechnet in Winnenden?

Regenwurm
Mit Wasser lockt Sven Axmann Regenwürmer an die Oberfläche, seine Kollegen picken die Würmer mit den Fingern aus den Grassoden. © Benjamin Büttner

Sind Ihnen auch kürzlich beim Spazierengehen am Stöckach die vielen Leute aufgefallen, die einen Tag im Weinberg oberhalb der Breuningsweiler Straße, einen Tag auf einer Wiese unter großen schwarzen Schirmen saßen und in Erdbollen grubelten? Nicht jeder traut sich, die Leute anzusprechen, aber als Zeitung hat man die Lizenz zum Fragenstellen – und trifft auf einen auskunftsfreudigen Projektleiter. Wie schön, man muss Sven Axmann aus Schwaikheim nicht jeden Wurm aus der Nase ziehen. Und dabei geht es bei seiner Tätigkeit exakt um diese Viecher: Regenwürmer.

Der Auftraggeber muss das Ergebnis bei der Prüfbehörde vorlegen

„Ich arbeite für ein unabhängiges Umweltprüfungs-Institut“, sagt der Geologe und Mitarbeiter vom Biotechnologie-Unternehmen Eurofins Agroscience Services Eco-Chem mit Sitz in Niefern-Öschelbronn. „Uns beauftragt zum Beispiel der Hersteller eines Pflanzenschutzmittels mit der Untersuchung des Bodens, wo es ausgebracht wurde.“ Entweder, weil das Spritzmittel neu ist, oder, weil sich die Grenzwerte verändert haben. „Auf Nützlinge darf Agrarchemie keine Auswirkung haben.“ Als solche gelten Springschwänze, Bodenmilben und Regenwürmer. „Den Nachweis darf der Hersteller nicht selbst erbringen, das machen wir“, sagt Sven Axmann.

Das geht nicht ohne Verluste vonstatten. Die dünnen und dicken, kurzen und langen schleimhautfarbenen Würmer werden vom Projektleiter und seinen Helfern, Studenten der Uni Hohenheim und bulgarischen Mitarbeitern, aus dem Erdreich gepult und eingelegt, somit getötet. „Wir müssen sie konservieren, denn Agroscience braucht ja auch Belege für seine Untersuchung.“ In etlichen Plastikdosen lagern schon die Tagesfunde.

Das Ergebnis bewerten übrigens die Prüfbehörden, nicht Axmanns Firma und auch nicht der Auftraggeber. „Falls unser Auftraggeber unsere Ergebnisse aber nicht einreicht, fragt die Prüfbehörde direkt bei uns nach. Jede Untersuchung muss vorher angemeldet werden, man kann nicht einfach prüfen, was man will.“ Das ist gut, weil sonst ein Giftproduzent ja die Möglichkeit hätte, Ergebnisse zu manipulieren, bis sie ihm passen.

In Winnenden befinden sich die ungespritzten Kontrollflächen

Und welches Spritzmittel ist hier in Winnenden ausgebracht worden? „Keines“, sagt Sven Axmann. Der Wengert vom Bio-Weingut Häußer und die Wiese von Familie Siegloch sowie ein Acker bei Neckarwestheim dienen nur als Kontroll- oder auch Referenzflächen über drei Jahre hinweg. Axmanns Team ermittelt die Regenwurmpopulation auf den ungespritzten Flächen zum Vergleich mit den gespritzten, die Agroscience denn auch für Untersuchungszwecke selbst bewirtschaftet.

Wie viele Regenwürmer hat das Team gefunden? „Hier auf der Wiese 200 bis 300 pro Quadratmeter, was für einen Acker normal ist, in einer Wiese können aber bis zu 1000 leben pro Quadratmeter.“

Doch Regenwurm ist nicht gleich Regenwurm. Es gibt 42 Arten in Deutschland. An einem Standort kommen fünf bis zehn Arten vor, sie leben in unterschiedlichen Bodenschichten. Je mehr Arten pro Standort, desto besser der Boden. Die größte Art bohrt sich sogar senkrecht ins Erdreich hinein. Wer übrigens „seinen“ Regenwürmern im Beet etwas Gutes tun will, verwendet eine Grabgabel, dann stehen die Chancen gut, dass sie nicht zerteilt werden.

Sind Ihnen auch kürzlich beim Spazierengehen am Stöckach die vielen Leute aufgefallen, die einen Tag im Weinberg oberhalb der Breuningsweiler Straße, einen Tag auf einer Wiese unter großen schwarzen Schirmen saßen und in Erdbollen grubelten? Nicht jeder traut sich, die Leute anzusprechen, aber als Zeitung hat man die Lizenz zum Fragenstellen – und trifft auf einen auskunftsfreudigen Projektleiter. Wie schön, man muss Sven Axmann aus Schwaikheim nicht jeden Wurm aus der Nase ziehen. Und dabei

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