Winnenden

Was rettet die Winnender Innenstadt?

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Innenstadt
Wunderschön, aber leider nur an wenigen Stellen: Blumenbeet am Kronenplatz. © Gabriel Habermann
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Innenstadt
Nicht schön: Dieser große, zentrale Laden steht seit anderthalb Jahren leer. © Gabriel Habermann
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Innenstadt
Die Winnender Marktstraße in diesen Tagen: Eine belebte Einkaufsmeile, fast wie vor Corona. Aber nur fast. © Gabriel Habermann

Winnenden wird wieder locker. In der Innenstadt flanieren mehr Leute. Die Stimmung ist euphorisch an Markttagen und fröhlich an Abenden in der Außengastronomie – und trotzdem stimmt etwas nicht ganz. Einer, der sich einsetzt für den zentralen Einzelhandel, ist Wirtschaftsförderer Timm Hettich, und er sagt es in einem schonungslosen Realismus: „Der Strukturwandel ist unaufhaltsam. Digitale Innovationen nehmen zu. Das Online-Shopping steigert sich gravierend.“ Das hört sich alles an wie Theorie. Aber es ist längst Praxis.

Attraktivität

Das Einkaufserlebnis reicht nicht aus

Noch immer ist das Einkaufsleben in der Stadt eingeschränkt. Viele Leute kommen zum Einkaufen – aber nicht mehr so viele wie vor zwei Jahren. Viele Geschäfte leben wieder auf – aber nicht mehr alle. Hettich beobachtet das alles genau. Diese Woche hat er Gemeinderäte überzeugt, dass die Stadt Geld in die Hand nehmen muss, um das Zentrum auf neue Art attraktiv zu machen. Die Innenstadt müsse sich wandeln, um lebendig zu bleiben. Hettich spricht von einer „Transformation“ als eine „zentrale Herausforderung der nächsten Jahre“. Bislang lockte das Einkaufserlebnis zum Beispiel an einem verkaufsoffenen Sonntag die Massen in die Innenstadt. Jetzt müsse mehr und anderes zusätzlich geboten sein.

Hettichs Analyse kam bei Gemeinderäten an. Hans Ilg (FWV) sagte ganz deutlich: „Die Zukunft der Innenstadt sehe ich ähnlich wie Sie. Es ist erschreckend.“ „Was können wir tun als Stadt?“, fragte Hettich und trug sein Konzept den Gemeinderäten vor.

Der Geldfluss

Bleibt die Kaufkraft in der Stadt?

Eine Frage ist: Wohin fließt das Geld der Winnender und derjenigen, die in Winnenden arbeiten? Liegt es auf dem Girokonto, ist es schnell vom Online-Handel abgebucht und fließt an Winnenden vorbei. Hettich hat deshalb das digitale Gschenkkärtle eingeführt. Jeder kann seinen Freunden zum Geburtstag ein Gschenkkärtle kaufen, und die können damit in Winnender Geschäften einkaufen, bis es leer ist. Die Stadt will das Kärtle mit einer Sonderaktion richtig bekannt machen. Zum Preis von 80 Euro verkaufen sechs Winnender Ausgabestellen Gschenkkärtle, die einen Einkaufswert von 100 Euro haben. Das geht nur, weil die Stadt 20 Euro pro Kärtle drauflegt, aber damit sind die Gemeinderäte einverstanden. Und es geht nur für begrenzte Zeit.

Raffiniert ist das Jobkärtle. Winnender Firmen schenken ihren Mitarbeitern ein Kärtle, mit dem sie in der Stadt einkaufen können, bis es leer ist. Das Jobkärtle läuft bereits. Mehrere größere Firmen machen mit und sorgen so dafür, dass das hier verdiente Geld zum Teil in Winnenden bleibt und dass mancher, der in der Pandemie zum Online-Dauerkunden geworden ist, wieder merkt, dass Einkaufen in einem richtigen Laden in Winnenden auch was Schönes ist. Stadträtin und Wengerterin Martina Häußer (FWV) mag das Jobkärtle auch und möchte es ihren Mitarbeitern schenken. Sie kriegt es aber nicht. Es ist zurzeit nur für Betriebe mit mehr als zehn Mitarbeitern eingerichtet von der Firma, die die Jobkärtle verwaltet. Timm Hettich verhandelt mit der Firma und möchte, dass auch kleinere Firmen zum Zuge kommen, damit sich dieses Kärtle noch mehr verbreitet.

Neue Läden

Das Programm „Rückenwind“ hilft

Wenn die Leute in die Innenstadt kommen, dann sollen sie auch viele Einkaufsquellen vorfinden. Die Stadt hat das Programm „Rückenwind“ eingerichtet, mit dem sie Neuansiedlern in Winnenden einen zeitlich begrenzten Pachtzuschuss gibt. Zwei Einzelhändler, drei Gastronomen und ein Unverpacktladen seien schon in Gesprächen mit der Stadt. „Wir werden sie voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte erleben“, sagte Hettich. ALi-Stadträtin Susanne Kiefer freut sich besonders über den Unverpacktladen.

Winnenden online

Stadt fördert die Digitalisierung

Dass Konsumenten Richtung Online-Handel wegschleichen, lässt sich vielleicht auch ausnützen. Dann geht der Winnender Handel halt dorthin, wo die Kunden hingehen. Die Stadt hilft den Händler dabei mit einem Förderprogramm zur Digitalisierung des Einzelhandels, an dem sich die Region und andere Städte beteiligen. Es geht dabei um intensive Beratung. „Die Berater gehen in die Geschäfte.“ Und die Städte und die Region wollen eine Lieferlogistik aufbauen.

Wohlfühlen

Geht der Mensch gerne in die Stadt?

Es kommt drauf an – würden da sicher die meisten antworten. Der harte Lockdown hat die Gewohnheiten verändert. „Zeitweise hatten wir hier eine Geisterstadt“, sagt Hettich. Leerer Marktplatz, leere Schlossstraße. Die Menschen saßen zu Hause – notgedrungen – und fanden heraus, dass sie online alles Mögliche kriegen, und dazu eine bunte, fröhliche Präsentation auf dem Bildschirm. Jetzt gehen sie vielleicht wieder in die Stadt, aber das Einkaufen ist nicht mehr alternativlos, denn sie haben sich ja wochenlang an etwas anderes gewöhnt. Waren, Auswahl, Stöbern und Umgucken ist alles nicht mehr so wichtig wie vor zwei Jahren. Wichtiger ist, ob die Stadt gemütlich ist. Fühle ich mich wohl. Hettich sagt: „Mit der Aufenthaltsqualität steht und fällt die Zukunft der Innenstadt.“ Das Büro Kienleplan wurde beauftragt, eine erste Analyse zur Verbesserung und Umgestaltung der Fußgängerzone zu erstellen. Wahrscheinlich gehen die Vorschläge dann in Richtung mehr Grün, mehr Licht, mehr Wasser. Das Stadtjugendreferat macht sich Gedanken, was Kinder und Jugendliche in der Innenstadt brauchen und wünschen. Darauf legen Gemeinderäte besonderen Wert. Renate Sanzenbacher geht mit ihren Enkelkindern gerne auf den Domingoplatz hinter der Volksbank und lässt sie am Bächle und am Brunnen spielen. An heißen Tagen ein erfrischender Spaß. Es müsste noch mehr Spielgelegenheiten für Kinder direkt in der Stadt geben, meint Hans Ilg (FWV).

Lücken schließen

Vorkaufsrecht gegen Leerstände?

Vorsichtig schnitt Hettich das Thema Leerstände an und schlug vor, über ein Vorkaufsrecht nachzudenken. „Wir spüren, dass prägnante Gebäude in der Innenstadt leerstehen. Es mangelt nicht an Interessenten, die dort ein Geschäft einrichten möchten. Es fehlt am Interesse der Eigentümer.“ Einzelne Häuser benannte er nicht. Dafür sagte Susanne Kiefer: „Der Leerstand bei Hardy sieht net sehr schön aus im Stadtbild.“ „Dass mitten in der Stadt so ein Laden wie Hardy leersteht, des sieht einfach net gut aus“, meinte Hans Ilg. Ein Vorkaufsrecht könnte helfen, aber die Stadt könne nicht ein Haus nach dem anderen aufkaufen, wenn es leerstehe. „Man könnte vielleicht einen Pool von Investoren bilden. Wenn ich in der Zeitung lese, dass Winnender Investoren ein Ärztehaus in Waiblingen bauen, dann könnte doch auch in Winnenden etwas möglich sein.“ „Das Vorkaufsrecht sollten wir nur in Einzelfällen nützen“, meint OB Holzwarth, „ein Beispiel ist Hardy. Als das Haus verkauft wurde, haben wir durchaus darüber gesprochen. Hätten wir ein Vorkaufsrecht eingeführt, wären wir heute froh.“

Sicherheit

Autos, Radler, kleine Kinder

Zum Wohlfühlen in der Stadt gehört auch Sicherheit. CDU-Stadträtin Bettina Jenner-Wanek berichtet, dass erst kürzlich eine Frau von einem Radler in der Fußgängerzone angefahren worden sei. Am Domingoplatz unten fühlt sich Renate Sanzenbacher mit ihren Enkelkindern zwar wohl, aber nicht sicher, weil viele Autos schnell um die Ecke kommen. Und: Mehreren Stadträten wäre es wohler, wenn weniger Abfall herumläge in der Innenstadt. Die Stadtarbeiter tun viel, leeren die Abfalleimer, fegen und reinigen. Aber die Wegwerfer sind mehr und haben mehr Zeit, und die rabiaten Radler sind schneller weg, als dass der Vollzugsdienst da wäre.

Blühende Inseln

Sofortmaßnahmen

Ganz schnell, noch im Juli, wird die Stadt fünf blühende Inseln in die Fußgängerzone stellen, jede vier mal drei Meter groß und mit Rosen bepflanzt. Kosten: 5000 Euro. Ein Geld, das Gemeinderäte gerne bereitstellen. Was auch noch zum Sofortprogramm des Vereins Attraktives Winnenden gehört: Der Wonnetag, der nachgeholt wird am 4. Juli, und die Reihe „Schlemmen, Flanieren und Genießen“, die am 29. Juni, 13. und 27. Juli fortgesetzt wird.

Winnenden wird wieder locker. In der Innenstadt flanieren mehr Leute. Die Stimmung ist euphorisch an Markttagen und fröhlich an Abenden in der Außengastronomie – und trotzdem stimmt etwas nicht ganz. Einer, der sich einsetzt für den zentralen Einzelhandel, ist Wirtschaftsförderer Timm Hettich, und er sagt es in einem schonungslosen Realismus: „Der Strukturwandel ist unaufhaltsam. Digitale Innovationen nehmen zu. Das Online-Shopping steigert sich gravierend.“ Das hört sich alles an wie

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