Winnenden

Wie ist das Leben in den neuen Mehrgenerationenhäusern "Nahdran" und "Mittendrin" ?

Mehrgenerationenhaus
Giebel, gezackt wie eine Bergkette: Das Mehrgenerationenhaus an der Ringstraße. © Benjamin Büttner

Vor zwölf Jahren war es ein Traum, dann für viele Jahre eine große Aufgabe und jetzt ist es Wirklichkeit: Das Mehrgenerationenhaus zwischen Ringstraße und Palmerstraße ist fertig. Die allermeisten Bewohner sind eingezogen in die Häuser „Mittendrin“ und „Nahdran“, die vom Architekturbüro Rommel und Wagenpfeil so geplant wurden, dass Gemeinschaft gelebt werden kann. Eine kleine Gesprächsrunde mit einigen Bewohnern irgendwo im Haus? Kein Problem. „Wir gehen mal in den obersten Stock“, sagt Eva Schwanitz, eine der Gründerinnen der Hausbaugemeinschaft und jene, die als Sprecherin fungiert. Ein Plätzle zum Reden findet sich schnell. Über Laubengänge im Freien sind die Wohnungen verbunden und in den Fluren haben die Architekten gemütliche runde Nischen eingebaut – perfekt für spontane Treffen und passend für arrangierte coronakonforme Zusammenkünfte. Das Haus ist anders als ein normales Mehrfamilienhaus. Schon seine Entstehungsgeschichte begann mit dem Aufbau einer Gemeinschaft.

Vor zwölf Jahren, so sagen es Eva Schwanitz und Marlies Funk-Becker, hatten sich die heutigen Wohnungsbesitzer und -Bewohner zusammengetan. Ursprung des Mehrgenerationenhauses war eine Volkshochschul-Arbeitsgruppe zum Thema Wohnen 55 Plus, in der sich Vorstellungen und Wünsche herausbildeten. In den Jahren wuchs die Gruppe zusammen, traf sich regelmäßig. „Wir sind alle jetzt in diesen Wochen in dieses Haus eingezogen, aber wir kennen uns schon lange“, sagt Schwanitz. Es ist ganz anders als in einem normalen Mehrfamilienhaus, wo man einzieht und dann langsam einen Mitbewohner nach dem anderen kennenlernt oder auch nicht.

Sonne im Hof: Ein überraschend wonniger Balkon

Was ist das Schöne am Mehrgenerationenhaus? „Mein Balkon“, sagt Erika Waldmann. Aus Weiler zum Stein ist sie nach Winnenden mitten in die Stadt hinein umgezogen, hat eine Wohnung im zweiten Stock und einen Balkon zum Innenhof und zum Biergarten der Krone hin. „Ich kriege ab 16 Uhr Sonne, habe meine Balkonblumen da und freue mich darüber.“ Anfangs konnte sie sich nicht so recht mit der Teilverglasung anfreunden. Es sind Schallschutzscheiben außen am Balkon. Vorgeschrieben wurden sie vom Baurecht, und das hat einen einfachen Grund, der vielleicht auf den ersten Blick absurd klingt: Diese Schallschutzscheiben schützen den Biergarten. Der kann jetzt nicht so leicht wegen Lärms verklagt werden, und weil er zuerst da war, genießt er Bestandsschutz. An Regentagen wie in dieser Woche ist die Bewohnerin auch ganz froh an den Scheiben. Und überhaupt sind sie verschiebbar. Sie kann Luft hereinlassen, wo sie will. Inzwischen möchte sie die Scheiben nicht mehr missen und sie sagt: „Das schützt wirklich vor Schall. Bei mir ist es ruhig.“ Wobei ihre Mitbewohnerinnen wissen, dass der Biergarten am 1. Juli erst aufmacht und ihr sagen: „Mal sehen, wie’s dann wird.“

Stadtlärm - fast wie in Hanweiler

Am liebsten hätte auch Marlies Funk-Becker solche Schallschutzscheiben. Ihre Wohnung liegt im obersten Stockwerk zur Palmerstraße hin, und weil das Mehrgenerationenhaus hier in der zweiten Reihe steht, hätte Funk-Becker nicht gedacht, dass der Straßenlärm bis zu ihr durchkommt. Er geht über die Hausdächer. „Ich höre den Lastwagenverkehr und Motorräder“, sagt sie. Aber wo in Winnenden hört man keinen Verkehrslärm? „Bei mir in Hanweiler sind immer die Motorräder vorbeigebrettert“, erzählt Eva Schwanitz, die es jetzt mitten in der Stadt ruhiger hat als damals im Teilort.

Gemeinschaft: Man trifft immer jemanden

„Schön ist, dass wir uns kennen hier“, sagt Schwanitz, „jetzt sind wir seit zwölf Jahren dabei, dieses Haus zu entwickeln, und sind zusammengewachsen. Einer aus unserer Gruppe sagt, er komme zu gar nix, weil ständig müsse er schwätzen.“ Der Wahrheit halber muss man sagen: Das Haus ist so gebaut, dass die Bewohner sich treffen, sobald sie aus der Wohnung gehen, und dass sie Plätze finden, in denen sie sich ansammeln können, aber niemand ist zum Stehenbleiben gezwungen. Es kommt jeder weiter.

Barrierearm: Aufzüge führen in alle Etagen

Seniorengerecht und bequem ist es selbstverständlich auch. Die oberen Etagen werden mit Aufzügen erreicht. Alle Wohnungen sind barrierearm. Vier sind sogar ausdrücklich barrierefrei, haben also Bäder, die für den Rollstuhl zugänglich sind, und rollstuhlgerechte Türen und Zugänge.

„Das Schöne an dem Haus ist, dass es was geworden ist, dass wir zusammengeblieben sind und nicht aufgegeben haben, dass wir alle Wechsel überstanden haben. Darauf können wir stolz sein“, sagt Marlies Funk-Becker. „Ich hab’s immer geglaubt, dass wir das schaffen“, sagt Eva Schwanitz, „ich war mir sicher“.

Kinder im Haus: Wirklich drei Generationen

Georg Natterer ist einer in der Runde, der von Anfang an dabei war, viele Sitzungen und Verhandlungen mitgemacht hat und jeden Monat auch am Stammtisch der Hausbaugruppe dabeigesessen ist. Seine Frau und er haben immer geplant, dass sie zwar eine Wohnung kaufen, aber erst einmal nicht selbst einziehen, sondern in ihrem Reihenhaus in Birkmannsweiler bleiben, das nicht mehr passen wird, wenn sie älter werden. „Dann möchten wir auf einem Stockwerk wohnen.“ Jetzt vermieten sie ihre Wohnung an eine junge Familie mit zwei Kindern, womit schon mal gesichert ist, dass in diesem Haus drei Generationen wohnen, die Senioren in ihren eigenen Wohnungen, die Elterngeneration in Miete, und die Kindergeneration bei den Eltern.

Giebelseite: Ein Blickfang im Stadtbild

In den 29 Wohnungen des gesamten Projekts wird es auch zwei geben, die von der Paulinenpflege übernommen wurden, und in denen junge Leute in betreuten Wohngemeinschaften einziehen werden – also noch einmal Menschen der jungen Generation im Haus. Vorne, an der von vielen Winnendern gerne gesehenen Giebelseite des Hauses, sind zwei Betriebe eingezogen: Friseurin Jutta Brändle und die Biobäckerei Weber (mit einem Café). Im Erdgeschoss im Hinterhof liegt ein Gemeinschaftsraum für alle 29 Haushalte. Eine offizielle Einweihung des Hauses ist wegen Corona nicht möglich, aber Eva Schwanitz sagt: „Wir machen noch ein internes Festle.“ Und in den Biergarten nebenan gehen sie auch.

Vor zwölf Jahren war es ein Traum, dann für viele Jahre eine große Aufgabe und jetzt ist es Wirklichkeit: Das Mehrgenerationenhaus zwischen Ringstraße und Palmerstraße ist fertig. Die allermeisten Bewohner sind eingezogen in die Häuser „Mittendrin“ und „Nahdran“, die vom Architekturbüro Rommel und Wagenpfeil so geplant wurden, dass Gemeinschaft gelebt werden kann. Eine kleine Gesprächsrunde mit einigen Bewohnern irgendwo im Haus? Kein Problem. „Wir gehen mal in den obersten Stock“, sagt Eva

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