Winnenden

Wie Winnenden die Stadt der Zukunft plant

IBAviertel03
Studentin Nele Göpfert, Norbert Sailer (Erster Bürgermeister), Markus Schlecht (Leiter des Stadtentwicklungsamtes), Tom Kaden (Professor TU Graz) und der IBA-Intendant Andreas Hofer (von links) am Modell der Studenten. Im Vordergrund ist die geplante Werkhalle in Richtung B 14 zu sehen. Auf der rechten Seite des Modells, dort, wo die Männer stehen, verläuft die Schwaikheimer Straße. © Ralph Steinemann Pressefoto

Wir schreiben das Jahr 2032. Die Wiesen und Felder zwischen der Marbacher und der Schwaikheimer Straße sind besiedelt. 800 Menschen leben dort, 2000 weitere Personen kommen täglich zum Arbeiten. Pakete werden per Drohne geliefert, vielleicht auch von autonomen Fahrzeugen. Zumindest sofern das möglich ist. Denn auf das Auto sollen Bewohner dieses Viertels weitestgehend verzichten. Der Bahnhof ist schließlich in unmittelbarer Nähe. Noch ist das Zukunftsmusik. Doch die Stadtplaner tüfteln gemeinsam mit Studenten aus Graz am Winnenden der Zukunft.

Vor einigen Jahren hätte man ein typisches Industriegebiet geplant

Zurück ins Hier und Jetzt: Winnenden bekommt zur Internationalen Bauausstellung (IBA) 2027 ein „produktives Stadtquartier“ (wir haben berichtet). „Noch vor 20 Jahren hätte man an dieser Stelle mit der Anbindung an die B 14 ein typisches Industriegebiet erstellt“, sagte IBA-Intendant Andreas Hofer am Donnerstagabend bei der Vorstellung eines Entwurfs in der Aula der Albertville-Realschule. Diesen haben 14 Master-Studenten der Technischen Universität (TU) in Graz gemeinsam mit dem Architekturbüro Jott geplant, begleitet von IBA-Experten und der Winnender Stadtverwaltung.

„Wir werden weitestgehend versuchen, die Pläne umzusetzen“, sagte Markus Schlecht, Leiter des Stadtentwicklungsamtes. Diese sehen vor, Wohnen und Arbeiten so gut es geht zu verbinden.

Vom Bahnhof aus kommend sollen Bewohner und Besucher von einem großzügigen Platz und einem Bürgerhaus empfangen werden. Auch ein Restaurant und ein Hotel auf zwei Etagen sollen angesiedelt sein, etwa für Gäste der Firma Kärcher, ehe im weiteren Teil des Gebietes Büros und Wohnungen folgen.

Das Herzstück des Viertels soll Platz für Fußgänger und Fahrradfahrer bieten

Das Herzstück des Viertels ist autofrei geplant, lediglich zu Fuß oder auf dem Fahrrad zugänglich. Die äußeren Gebäude, zum Beispiel an der Schwaikheimer Straße, jedoch sollen auch mit dem Auto ansteuerbar sein. Zwei Parkhäuser an der Marbacher Straße sollen helfen, den Verkehr aus der Stadt zu halten. „Man kann dort parken und zum Beispiel ein E-Bike oder einen Elektroroller ausleihen“, erläuterte Studentin Nele Göpfert.

Richtung B 14 haben die Studenten eine Werkhalle geplant. Dort könne es schon auch mal etwas lauter werden. Auch eine Sporthalle und eine Art gemeinsame Werkstatt schlagen die Studenten vor. „Dort können sich die Bewohner des Viertels Werkzeuge ausleihen, vor Ort selbst werkeln. Die Wohnungen sollen tatsächlich nur zum Wohnen sein.“ Parks, Grünstreifen, ein Spielplatz sowie eine Kita und eine Einrichtung für betreutes Wohnen runden den Entwurf ab.

Was, wenn das Home-Office nun Büroräume ersetzt?

Man wolle kein Vakuum entstehen lassen, das Menschen aus der Innenstadt abzieht. „Es sollen Synergien entstehen. Wir wollen mit der Stadt in Verbindung treten“, so die Studentin. Deshalb habe man zum Beispiel auch keinen Supermarkt im Gebiet geplant. Sollte sich der Trend zum Home-Office fortsetzen und man weniger Büros benötigen, dann könne man diese zu Wohnungen umfunktionieren.

Ingesamt sollen 300 Wohnungen entstehen, 800 Menschen dort leben. Außerdem geplant: etwa 2500 Arbeitsplätze.

Für welche Altersgruppe ist das Viertel gedacht?

Wer soll im Gebiet wohnen? Eher jüngere Menschen? „Nein, auf keinen Fall. Das soll ganz gemischt sein“, antwortete der IBA-Intendant Andreas Hofer. Schließlich mangele es überall an barrierefreien Wohnungen, gerade auch für ältere Menschen. Im geplanten Quartier sei alles, was man zum Leben braucht, in unmittelbarer Nähe. „Viele wollen sich verkleinern. Das ist die Chance“, meinte er.

Seit knapp 30 Jahren sei er nun im Geschäft. „Das ist das radikalste Projekt, das ich kenne. Winnenden hat den Mut, es umzusetzen.“ In ganz Europa werde momentan darüber diskutiert, wie Wohnen und Arbeiten verknüpft werden können. „Irgendwann gibt es keinen Platz mehr. Wir brauchen aber Wohnungen. Und wenn wir unsere Naturräume schützen wollen, dann müssen wir uns etwas Neues überlegen“, sagte Hofer. Abwärme der Produktionen wolle man unmittelbar im Gebiet nutzen. „Gerade der Krieg in der Ukraine zeigt uns doch, dass lange Lieferketten ein Problem sein können. Im IBA-Quartier haben wir kurze Wege“, ergänzte eine Studentin.

Thema Entwässerung genießt einen hohen Stellenwert

Grüne Schneisen sollen dafür sorgen, dass das Gebiet im Sommer nicht überhitzt. Wie viele Bäume am Ende gepflanzt werden, könne man noch nicht genau sagen, es handele sich ja nur um einen Entwurf. Darüber werde man sicher noch diskutieren, so Hofer auf eine Frage des Vorsitzenden des Ortsverbandes der Grünen, Daniel Baier. Das Thema Entwässerung werde von einigen Experten behandelt, hat einen hohen Stellenwert, versicherte der Intendant.

Grundlegende Veränderungen auf der Schwaikheimer Straße

Ein Anwohner der Schwaikheimer Straße erklärte, dass die Lärmbelästigung durch Autos momentan bereits sehr hoch sei, sich kaum jemand an die zulässige Geschwindigkeit halte.

Anwohner parken ihre Fahrzeuge auf der Straße, damit dort nicht so schnell gefahren werden kann. „Wird es durch die Firmen dort dann noch lauter?“, hakte er nach. Markus Schlecht versicherte, dass man bereits Lärmgutachten erstellt habe, sich außerdem die Schwaikheimer Straße grundlegend ändern soll. „Als Blaupause kann man die Waiblinger Straße nehmen, die demnächst ebenfalls umgebaut wird.“ So seien für die Schwaikheimer Straße Gehwege geplant, auch einige grüne Elemente. „Möglicherweise bekommen wir auch hier Tempo 30 aus Lärmschutzgründen“, nannte Schlecht eine weitere Überlegung.

Zunächst ein Testquartier geplant

Noch in diesem Jahr sollen die Winnender Gemeinderäte über den Bebauungsplan sprechen, mit ersten Erschließungsarbeiten könnte möglicherweise 2025 begonnen werden. 2027 soll dann ein kleiner Teil fertig sein. Bis alles steht, wird also noch Zeit vergehen. Die Stadt befindet sich mit Eigentümern der Flächen in Gesprächen. „Ich bin optimistisch, dass am Schluss etwa 70 Prozent uns gehören“, sagte Schlecht. Er wies darauf hin, dass sich momentan noch alles im Fluss befindet. Mit den Winnendern wolle man ins Gespräch kommen, sie dürfen und sollen Ideen einbringen.

Wir schreiben das Jahr 2032. Die Wiesen und Felder zwischen der Marbacher und der Schwaikheimer Straße sind besiedelt. 800 Menschen leben dort, 2000 weitere Personen kommen täglich zum Arbeiten. Pakete werden per Drohne geliefert, vielleicht auch von autonomen Fahrzeugen. Zumindest sofern das möglich ist. Denn auf das Auto sollen Bewohner dieses Viertels weitestgehend verzichten. Der Bahnhof ist schließlich in unmittelbarer Nähe. Noch ist das Zukunftsmusik. Doch die Stadtplaner tüfteln

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper